Bringt im Fußball nichts

Heilkunst Der Doc sagt du und hört zu: Zur eigenartigen Verquickung von Sport und Medizin. Ein Remix von lauter Fragmenten einer deutschen Sportmedizinergeschichte
Bringt im Fußball nichts
Illustration: der Freitag

Der Sportmediziner Armin Klümper lebt seit 1998 in Südafrika. Er hat in Deutschland einen Prozess verloren. Im April 1997 muss er eine Geldstrafe von 162.000 DM wegen falscher Abrechnungen zahlen. 1984 wird ein Ermittlungsverfahren gegen Klümper eingeleitet wegen des Verdachts auf „Betrug zum Nachteil von Krankenkassen“. Athleten, die Klümper behandelt, wollen für ihn demonstrieren. Anlässlich einer Sympathie-Kundgebung in Freiburg sagen rund 1.000 Sportler zu, darunter Fußballprofis aus München, Stuttgart, Köln. Die Kundgebung fällt aus Rücksicht auf das schwebende Verfahren aus. Als das Finanzamt Klümper mit einer Steuerschuld belastet, sammelt der Turner Eberhard Gienger Geld für Klümper bei seinen Kollegen. 250.000 DM kommen zusammen. Die Fußballer Karl-Heinz Rummenigge, Paul Breitner sowie Dieter und Uli Hoeneß steuern fünfstellige Summen bei.

Eberhard Gienger ist seit 2002 für die CDU Mitglied des Bundestages. 1997 organisiert er eine Anzeige, in der 28 aktive und ehemalige Sportler sowie Funktionäre Klümper vor „Neid, Missgunst und Diffamierung“ in Schutz nehmen wollen. Hansi Müller und Wolfgang Overath unterschreiben. 2006 wird Gienger Vizepräsident des DOSB. Kurz vor der Wahl sagt er, in den siebziger Jahren Anabolika genommen zu haben: „Professor Klümper war ein Arzt, der sehr großzügig verschrieben hat. Ich habe im Laufe der Zeit festgestellt, dass ich die Medikamente gar nicht alle essen konnte. Ich trug sie dann in die Apotheke zurück.“ Die Medikamente sind nicht zur Leistungssteigerung gedacht, bei Turnern ginge das sowieso nicht.

Armin Klümper arbeitet an der Universitätsklinik Freiburg. In den siebziger Jahren ist er Verbandsarzt des DLV, BDR, DJB, DRV, DSV, DFV. 1977 wird er Mitglied der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Leichtathletik-Verbands. Als er sich mit seinem Kollegen, dem Sportmediziner Joseph Keul überwirft, wechselt er in den achtziger Jahren an die sporttraumatologische Spezialambulanz der Mooswaldklinik.

Klümper duzt die Sportler, die zu ihm kommen und hört ihnen stundenlang zu. Karlheinz Förster ist zwischen 1977 und 1986 Vorstopper beim VfB Stuttgart und wird zweimal Vizeweltmeister mit der Nationalmannschaft. Einmal im Monat fährt er in seinem Mercedes nach Freiburg. Dort bekommt er eine „Spritzenkur“. „Fünf, sechs Injektionen mit knorpelaufbauenden Mitteln, und wenn eine Entzündung drin war, natürlich auch mit Cortison.“ 2002 lässt Förster sich sein linkes Fußgelenk versteifen, Sprunggelenksknochen und Schienbein werden fixiert und wachsen zusammen. Georg Schwarzenbeck, Rainer Bonhof und Gerd Müller sind 1974 Fußballweltmeister geworden. Sie haben mittlerweile künstliche Hüftgelenke.

Vor Schaden bewahren

In den siebziger Jahren heißt ein Spruch: „Und läufst du wie ein Stümper, dann musst du mal zum Klümper.“ In der sporttraumatologischen Spezialambulanz hängen Bilder zufriedener Patienten. Am 10. April 1987 stirbt die multimedikamentierte Siebenkämpferin Birgit Dressel an einem toxisch-allergischen Schock. Seit 1981 ist Birgit Dressel Patientin von Klümper. Klümper sagt, anabole Steroide nur aus medizinischen Gründen verschrieben zu haben, „sei es um – in äußerst seltenen Ausnahmefällen – unbelehrbare Athleten vor unkontrolliertem Konsum und gesundheitlichen Schäden zu bewahren“.

Willi Daume sagt in den achtziger Jahren, ihm liefe es eiskalt den Rücken runter, wenn er daran denke, dass Sportler beispielsweise muskelfördernde Anabolika nehmen, was für Mastvieh in vielen Ländern der Welt verboten sei. Willi Daume ist Multifunktionär. Von 1961 bis 1992 präsidiert er dem NOK, 1956 wird er ins IOC gewählt. 1966 ist Daume Krawattenmann des Jahres. Bei Klümper ist Daume Patient. 1988 wird er Ehrenprofessor der Medizinischen Fakultät der Freiburger Universität, die Initiative läuft über Joseph Keul.

Keul sagt, jeder, der einen muskulösen Körper haben und männlicher wirken möchte, könne Anabolika nehmen. 1960 fährt Joseph Keul zum ersten Mal als Sportarzt zu Olympischen Spielen, seit 1984 als Chefarzt. Er ist Mitglied des NOK, Anti-Doping-Beauftragter des NOK, des DSB und des Bundesinstituts für Sportwissenschaft sowie Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse. Im Jahr 2000 stirbt Keul. 1976 setzt er dem Ruderer Peter Michael Kolbe vor dem Einer-Finale von Montréal eine Vitaminspritze. Die Spritze bekommt Kolbe nicht, er bricht vor dem Ziel ein. Der Hammerwerfer Uwe Beyer zeigt 1977 im ZDF-Sportstudio ein Rezept. Joseph Keul sagt 1992, wenn er anabole Steroide verschrieben hätte, dann wäre das längst bekannt.

Leben bewältigen

In den achtziger Jahren ist Hartmut Riedel Chefarzt des DDR-Leichtathletikverbandes und Forschungsdirektor des Dopinglabors in Kreischa. 1987 fährt Riedel von einem internationalen Leichtathletik-Meeting in Österreich nicht in die DDR zurück. Riedel kommt an die Universität von Paderborn zu Heinz Liesen, der 2007 emeritiert wird. Liesen arbeitet von 1973 bis 1990 als Mannschafts- und Verbandsarzt des Deutschen Hockey-Bundes und von 1985 bis 1990 des DFB. Liesen sagt: „Wir versuchen, den Sportler umfassend zu betreuen, das heißt also auch seine Persönlichkeitsstruktur mit zu entwickeln Dazu gehört auch, festgestellte Defizite, die wir immer wieder beobachten, substituieren zu können, um hier den Menschen auch wirklich im Hochleistungssport komplex entwickeln zu können, damit er die Möglichkeit hat, das Pensum, das heute im Training erforderlich ist, um international bestehen zu können, gesund und ohne Schaden für sein weiteres Leben bewältigen zu können.“

Liesen ist über ein Jahrzehnt Assistent von Wildor Hollmann. 1954 findet Hollmann heraus, dass man bei der Fahrradergometerarbeit weitaus höhere Sauerstoffaufnahmewerte erreichen kann als bei der Drehkurbelarbeit. 1958 gründet er das Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule in Köln. 1977 sagt Hollmann in Kiel, die Anti-Doping-Erklärung von Willi Weyer und Willi Daume sei von rührend anmutendem Niveau. Ihr Verhalten gleiche dem Ingenieur, der einen Mondflug vorbereitet und sich dabei der Materialien von Peterchens Mondfahrt bedient.

1988 erhält Hartmut Riedel eine C3-Professur an der Universität Bayreuth, ohne das er seine Habilitationsschrift vorlegen muss. Niemand aus der achtköpfigen Berufskommission beanstandet das, man verlässt sich auf eine Empfehlung von Keul. Die Arbeit, die später auftaucht, trägt den Titel Zur Wirkung von anabolen Steroiden auf die sportliche Leistungsentwicklung in den leichtathletischen Sprungdisziplinen. Keul erklärt, ihm habe der Titel ohne „anabole“ vorgelegen. Hollmann sagt, er habe davon abgesehen, Riedel nach Doping zu fragen, da dieses Thema für eine mögliche Beschäftigung an seinem Institut in Köln irrelevant gewesen sei.

Sozial abgesichtert sein

1976 ist Wilfried Kindermann Mitarbeiter bei einer Untersuchung von Keul und Deus, die an 10 Normalpersonen und 15 Gewichthebern den „Einfluss von Nandrolondecanoat vor und nach zweimonatiger Behandlung sowie 4 Wochen danach“ erforscht. Im Befund heißt es, ein Verbot von anabolen Hormonen mit dem Hinweis auf die Schädigung, die nicht bewiesen sei, lasse die ärztliche Beratung beziehungsweise den Arzt selbst fragwürdig erscheinen und sei daher nicht empfehlenswert. Wilfried Kindermann wird 1979 Leiter des Instituts für Sport- und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes. 1976 sagt er: „Im Osten kommen Frauen auch mit tiefen Stimmen durch den Alltag. Dort sind sie sozial abgesichert.“ Zehn Jahre lang arbeitet Kindermann als DFB-Mannschaftsarzt, bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ist er „Chief Medical Officer“. Kindermann ist Mitglied der Anti-Doping-Kommission des DFB sowie des DLV und im Kuratorium der Nationalen Antidoping-Agentur. Im September 2008 wird er emeritiert.

Im Oktober 2008 besetzt Tim Meyer die W3-Professur in Saarbrücken. Zuvor ist Meyer neun Jahre lang Assistent von Kindermann gewesen und 2007 dem Ruf an die Universität Paderborn gefolgt. 2001 wird Liesen 60 Jahre alt. Wildor Hollmann gratuliert: „Forscherisch imponierte Heinz Liesen von seiner Zeit als studentische Hilfskraft bis zum heutigen Tage durch seine schöpferischen Ideen und seinen Einsatz, der auch vor zahlreichen Selbstversuchen nicht Halt machte.“ 2008 findet die EM in der Schweiz und Österreich statt. Vor dem Turnier sagt Meyer: „Ich zähle den Fußball aber unter Dopinggesichtspunkten nicht zu den höchstgefährdeten Sportarten.“ 2010 fährt Meyer im Ärzteteam des DFB zur WM nach Südafrika.

Seit 1998 lebt Armin Klümper in Südafrika. 2005 veröffentlicht er das Buch Heilpflanzen der Welt. Im Untertitel heißt es: Heilen mit Kräutern. Die Pflanzen- und Heilkunst der Maori.

Kompiliert aus Texten aus Spiegel, Zeit, FAZ, DGSP aktuell. Dank an Cycling4fans.de

12:20 09.06.2010
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