Clips und Klischees

NSU-Tribunal Schlaglichter auf die blinden Flecke der Geschichte: Wie neue Filme über den Rechtsterrorismus die Wahrnehmung ändern

Die Frage lautet: Was würden Nazis niemals tun, und es geht um Personenbeförderung. Eine Straßenumfrage auf dem Berliner Kurfürstendamm, eine Frau nimmt mit abwägendem Ernst die Antworten von Passanten entgegen, wie es Agenten der Empirie nun mal tun. Dabei haben die Szenen mitunter einen helgeschneiderdadahaften Witz, weil die Suche bis zu Marken und Modellen von Autos vorgestoßen wird. Denn Nazis fahren Auto, ist die Bilanz, vielleicht noch Bus, Bahn, Motorrad, auf keinen Fall aber Rad. Warum nicht? „Fahrradfahren hat was Friedliches an sich“, sagt eine Frau.

Was würden Nazis niemals tun? ist einer von 21 Spots, die im Vorfeld des am 17. Mai in Köln beginnenden NSU-Tribunals gedreht wurden. Verschiedene Filmemacherinnen haben kurze Filme produziert, die als Teaser für die Veranstaltung gedacht sind, die aber auch unabhängig davon funktionieren – als Schlaglichter zum Umgang mit der rechtsterroristischen NSU-Mordserie im sechsten Jahr nach deren Bekanntwerden.

Und in diesem Kontext ist die Frage nach radelnden Neonazis mehr als ein Witz. In dem kurzen Film kann man der Konstruktion von Schubladen zuschauen; das kontextlose Fragen der in ihrem nüchternen Interesse so erklärungsbedürftig wirkenden Interviewerin führt direkt hinein die Bilder, die Leute wie ich und du sich halt machen von der Wirklichkeit. Ein älterer, offensichtlich wohlhabender und gebildeter Herr leitet seine Antworten ab wie eine Matheformel: Nazis sind zu doof für die Führerscheinprüfung, haben kein Geld für ein Auto, also eher ÖPNV. Wenn doch Auto, fügt der Herr seine Distinktionssicherheit ausstellend an, dann 3er-BMW.

Die Dumpfheit der Neonazis

Mit dem Bild vom dumpfen Neonazi lässt sich das kaltblütige Morden der Zwickauer Zelle, ihr organisiertes Leben im Untergrund nicht in Einklang bringen. Dass daran auch die Ermittler der mit der immer gleichen Waffe begangenen NSU-Mordserie scheiterten, deutet das Insert am Schluss des Clips an: Zwei weiße Männer auf Fahrrädern wurden trotz Zeugenaussagen als Täter ausgeschlossen. Die polizeilichen Untersuchungen konzentrierten sich auf das Umfeld der Opfer – und damit auf eine andere hermetische, klischeehafte, von Rassismen durchsetzte Bilderwelt, in der Migranten mit Verbrechen, Drogen, Halbwelt verschlagwortet sind.

Die von der Wirklichkeit abweichenden Vorstellungen, die von türkischstämmigen Kleinunternehmern oder Neonazis kursieren, sind medial vermittelt. Deshalb zielen die Spots nicht selten direkt auf diesen Vermittlungsapparat. In Bestes Gericht sind Szenen aus der pseudo-dokumentarischen Fernsehsendung Richter Alexander Hold kompiliert, in denen die Darstellerin Lale Yilmaz die Rollen spielt, die für sie vorgesehen sind: verschleppte Putzfrau, verschleppte Tochter, bedrohte Freundin. Die Zusammenstellung zeigt einerseits die Klischeeproduktion im Nachmittagsprogramm eines deutschen Privatsenders, verströmt andererseits durch die Figur des putzig-väterlichen Fernsehrichters aber auch immer wieder das Pathos einer gerichtlichen Wahrheitsfindung, für die sich der Münchner Prozess in seiner Reduzierung des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds auf das Zwickauer Trio gar nicht interessieren will.

Medial ist die NSU-Mordserie derweil selbst zum Gegenstand von Bearbeitungen geworden. Während es vor dem November 2011 kaum filmische Beschäftigungen mit Rechtsterrorismus gibt – auch Daniel Harrichs Spielfilm Der blinde Fleck über das Oktoberfest-Attentat von 1980 kam erst 2013 heraus –, findet sich der Rollenname „Beate Zschäpe“ nun schon in drei Filmen; in zwei Teilen des ARD-Projekts Mitten in Deutschland: NSU und in dem ZDF-Doku-Drama Letzte Ausfahrt Gera (beides 2016).

Daneben bilden eine Reihe von dokumentarischen Arbeiten die Erkenntnisse ab, die der Prozess in München, die Untersuchungsausschüsse des Bundestags und diverser Länderparlamente sowie eigene Recherchen ergeben. Dazu gehören auch Dokumentationen wie die vor kurzem ausgestrahlte ARD-Sendung Tod einer Polizistin über den Mord an Michèle Kiesewetter, in der die offenen Fragen der Geschichte einen spekulativen Übermut motivieren, der eher zur Verunklarung als zur Aufklärung geeignet ist; ein eigenartiges Raunen, das durch die professionellen Sprecherinnenstimmen den Anschein des Seriösen erweckt, und sich umstandslos in die Kommentarspalten von Rezensionen oder Youtube-Archivierungen verlängert.

An einer anderen Perspektive ist einem Beitrag wie 6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage – Die Morde des NSU gelegen. Der Dokumentarfilm von Sobo Swobodnik, der am 18. Mai Kinostart hat, versucht sich an einer mehrstimmigen Geschichtsschreibung, die sich nicht an der Ermittlung des Kriminalfalls und damit den Bewegungen der Täter orientiert. Zu Schwarzweißbildern von den Schauplätzen der zehn Morde tragen Schauspielerinnen Texte vor, die aus Zeitungsberichten, Prozessakten oder Interviews stammen.

Die Würde der Opfer

Das Projekt funktioniert wie eine Einführung in das Wissen, das die Beschäftigung mit dem NSU-Komplex hervorgebracht hat. Zitiert wird etwa die Fallanalyse aus der Zeit vor dem Auffliegen, die einen autochthonen Täter ausschloss, weil das „Töten eines Menschen in unserem Kulturraum mit einem hohen Tabu belegt“ sei. Oder eine Aussage von Pinar Kilic, die in den Abgrund weist, über dem die Hinterbliebenen weiterleben: „Ich habe alles verloren, meinen Mann Habil, den Vater meiner Tochter, meine finanzielle Lebensgrundlage, meine Gesundheit. Das Allerschlimmste aber war vielleicht – ich habe auch das sichere Gespür verloren für das, was ich tun soll. Ich weiß nicht mehr, wo ich hingehöre.“

6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage bemüht sich wie schon der Dokumentarfilm Der Kuaför aus der Keupstraße (Freitag 8/2016) darum, den Familien der Opfer etwas von der Würde zurückzugeben, die ihnen die quälenden, gegen sie gerichteten Ermittlungen genommen haben. Künstlerisch produziert das leider eine Statuarik, die hinter der Eloquenz und Pointiertheit der Spots zurückbleibt. Die fragmentarischen Clips ergeben ein größeres, dynamischeres Bild von Geschichte, weil sie auch die Anschläge von 1980 und 1992/93 erinnern. „Geschichtenerzählen ist Widerstand gegen die Wahrnehmung, dass das Leben eine Reihe zufälliger Ereignisse ist“, heißt es in einem Spot. Damit ist die weitere Aufgabe für die mediale Zusammenschau des deutschen Rechtsterrorismus benannt.

Info

6 Jahre, 7 Monate, 16 Tage – Die Morde des NSU Sobo Swobodnik D 2017, 76 Minuten

Spots unter tribunal-spots.net

06:00 16.05.2017
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