Da können zwölf Krähen drauf sitzen

Polizeiruf Anfangs dynamisierend runtergedimmt: Die Rostocker Folge "Fischerkrieg" kriegt zwar ihren brisanten Stoff nicht richtig sortiert, gefällt aber dank Figuren und Dialogen

Irgendwie das Gefühl, dass der Turbo heute nicht reingeht, aber auf geht's, Union. In unserer neverending Ästhetik des Sonntagabendkrimis lässt sich nach Fischerkrieg notieren: Die großen Bögen sind noch nicht verloren. Reihenuntypisch versucht der immer noch relativ neue Rostocker Polizeiruf (Folge 7 erst, this time) die Spannung über die Ausstrahlungspausensemester hinweg zumindest un peu hochzuhalten. Beim Tatort/Polizeiruf geht's ja immer wieder bei einer Art Null los, es gibt einfach keine Entwicklung der handelnden Personen. Hier aber deutet sich nach dem Ende der Auftaktdynamik einiges an bleibenden Werten an.

Dachten wir beim letzten Mal noch, Everybody's Volker (Josef Heynert) sei der edelste aller Edeldomestiken, der sich selbstlos quält wie Sau für Bukoff (Charly Hübner) und mit dessen Frau ins Kino geht, wenn der Kollege nicht kann, sind wir nun eines Besseren belehrt: Da geht doch was oder so drucksend wie Volki bei der Vivjenne (wie geil das der Bukoff-Veit auch immer sagt) anklampfert, lässt sich die Ehekrise im Hause der Workaholic-Dampframme Bukoff, die ja vielmehr eine Eheermüdung ist (wie toll sind diese Essens-Hausplanungs-Dialoge gespielt, Buch: Florian Oeller, der sich auf fetzige Dialoge versteht), vielleicht bald auf auch nicht unkomplizierte Weise lösen. Tröstung steht zumindest in Gestalt von unserem – diesmal verletzt zum Innendienst verdammten – Darling bereit steht.

Wäre die Liebe, diese vermaledeite Himmelsmacht, Arbeit, könnte man die Ressorts einfach neuordnen: Everybody's Volker ermittelt privat ab jetzt einfach in bed with Vivjenne und Bukoff wird, da war doch auch schon mal was, mit Frau König (Anneke Kim Sarnau) zusammengeführt, was immerhin den Vorteil hätte, dass sich da keiner beim anderen für Überstunden entschuldigen müsste. Prognose: Die Verzweiflung über das, was er nicht zu schätzen wusste, als er's hatte, und was ihm danach dann fehlt, werden sie Bukoff nicht so einfach in was peacig Neues kanalisieren lassen (ist ja auch about love), sondern dann schon die ganz große disparation mit Nächte durchsaufen, unrasieren und im Büro schlafen.

Charity-God of Rotlicht

Und wohin mit Poeschi (Andreas Guenther), dem Ekel-Smartie, der irritierenderweise – Inkonsistenz! Inkonsistenz!, krakeelt der Detailfuchs –  diesmal immer nur, auch von Volker, Poeschel genannt wird? Braucht eh keine, ist sich selbst enough, so wie er da bei den Ladies auf dicke Hose macht ("Anton Poeschel, Kripo Rostock. Wie heißtn du?"), die beim Charity-God und Rotlicht-Vater Bukoff (Klaus Manchen) den Laden schmeißen. Für unseren Geschmack manchmal vielleicht auch zu extrem doof, wie Poeschi da auf Bukoffs Ende wartet und, ausgerechnet, Volker "Loyalität hat einen Namen" Thiesler vorschlägt, rechtzeitig aufs nächste große Pferd zu setzen. Dann geht's am Ende eben immer nur mephistotelisch aus (und das, ausgerechnet, bei "Veit" Bukoff), dass Poeschi die Hülse findet, die dem Menschenschmuggler der Herzen die Geschichte rettet. Aber: Poeschi ist schon ne tolle Figur. Wie natürlich auch – immer mit amazing Krawatten, Hemd und Brille – Chief Röder (der allergrößte Uwe Preuss), der diesmal wieder so schnarrig den ganzen Kindergarten moderieren darf ("Unsere Spürnase"/"Manchmal ist das so, Sascha"), dass es eine Schau ist.

Die Geschichte von Fischerkrieg will viel und performt auch einiges, was die Gegenwart an Dilemmata so im Angebot führt – die Dialektik des Migrationsschwarzmarkts, die von Vitti Bukoff im finalen Verhör ansatzweise dilemmatös (da wär' noch mehr gegangen, wenn's groß hätte werden sollen) der gesetzeshütenden Frau König unter die Nase gerieben wird. Wobei immerhin der kritische Begriff von deutscher Asylpolitik und der Hinweis auf den Zusammenhang der moralischen Bewertung mit der je ideologischen Großwetterlage hübsch sind – Fluchthelfer oder Menschenschmuggler, es ist alles eine Frage der, äh, Menschenrechte.

Unterkomplex kommt dagegen der titelgebende struggle der lokalen Fischer mit transnational operierenden, EU-Gesetzte supporteten Reedern (wie Röder "Kambodja" sagt, ganz alte Schule) daher – für so ein komplexes Problem braucht es etwas längeren Atem als den verständlichen, aber leicht muffigen Mundgeruch von Vor-Ort-Empörung.

Kein Sieg am Grünen Tisch

Hinten raus verliert sich der Fall dann in den, sagt der Kulturpessimist: heute typischen Taschenspielertricks der Verdächtigkeitshinauszögerung – die springt immer bis an den kritischen Punkt zur Kolportage (wenn Wondrak, gespielt vom einstigen Baseler Bühnenlokalmatadoren Tilo Nest, zehn Sekunden vor Ableben mit der Liebe zum von Beginn an toten Thomsen rausrückt), woraufhin der Bergisel verliebte Schanzenrichter in uns am liebsten auf Wiederholung des kompletten Durchgangs bei geordneteren Bedinungen entscheiden würde: Was nützt einem als Zuschauer ein psychologisches Motiv, dass man so gedrängelt erst im Moment der Überführung erfährt? Solche Angaben sind was für die Buchhaltung, die die Urlaubstage zählt, damit alles seine Richtigkeit hat. Aber so ein Polizeiruf wird auf dem Platz und nicht am Grünen Tisch gewonnen, wo man sich dann hinterher zusammenreimen kann, dass doch alles gestimmt hat.

So ist Rostock wieder einmal Freude kraft seiner Figuren, die diesmal (Regie: Alexander Dierbach) dynamisierend runtergedimmt sind auf einen Aggro-Latenz-Mood, der selbst – Blackjack erst zum Ende raus – Bukoff gut steht. Dafür spricht auch die Muhammad-Ali-Rope-a-Dope-Taktik beim "Rumble in the Jungle" dereinst gegen Georgie Foreman, die Bukoff bei "War mal 'n Freund"-Ronny (groß: Jens Münchow) in der Klause anwendet (den Kopfstoß mitnehmen, damit verhaftet werden kann), weil dazu ja auch eine gewisse Zurückhaltung gehört.

Die "Vollblutjournalistin" Nina Berger (Inga Busch) ist nicht so albern wie Journalisten sonst am Sonntagabend, muss aber auch so eine auf sehr laut gestellte Kamera mit sich rumschleppen, damit man sie erkennen kann (dieser Beruf macht äußerlich einfach nicht viel her). Dass sie dann fesch nach einem "Interview" fragt, würden die richtigen Journalisten, die wir aus der freien Wildbahn kennen, so natürlich nie, wenn es ihnen doch nur um Infos für die hotte story geht.

 

Die Musik (Sebastian Pille) ist uns, offen gestanden, nicht völlig klar geworden. Sie baut bei der Ronnys-Vater-Dieter-(auch sehr gut: Michael Prelle)-bedeutet-Bukoff-Ronnys-möderischen-Plan-Szene in den Katakomben aber einen schönen Akzent auf, der vom Dengeln in den Echokammern der Verschwörung elegant hinübergleitet ins Sphärische von Frau Königs Herkunftssuche. Die sitzt da gerade und guckt Fotos von früher, um am Ende festzustellen, was wir schon seit letzter Folge ahnen sollten: Sie ist in Wahrheit eine von uns. Nähere Aufklärung dann bestimmt beim Tausendsassa Veit Bukoff (so lässig, wie der ausschließlich mit grünen Scheinen arbeitet). 

Ein Hinweis, wer kennt ihn nicht: der Zettel am Küchenschrank vom Büropausenraum, der in Großbuchstaben Eigeninitiative einfordert und dabei allmählich in übersehbare Deko regrediert

Eine Aufforderung, die Schimanski anders betont hätte: "Ronny, hör auf, hör einfach auf, Ronny"

Schon wieder ein Gewinnspiel, bei dem diesmal vielleicht nicht jeder mitmachen kann (kommen hoffentlich noch weitere): Am 30. Januar um 20 Uhr wird in feierlichem Rahmen die Vorstellung des jetzt schon wahnsinnig beliebten Buchs zu hier – Matthias Dell "Herrlich inkorrekt". Die Thiel-Boerne-Tatorte (136 S., 9,90 €, Bertz+Fischer) – im Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße vorgenommen. Es gibt erst einen privatwissenschaftlich-vergnügten Vortrag vom Autor mit eigens ausgewählten Schaubeispielen aus 40 Jahren Sonntagabendkrimihistoire (Thema: Der Literat im beliebten Sonntagabendkrimi. Darstellungsaushandlungen zwischen Elfenbeinturm und Suppenkasperletheater) und anschließend ein Gespräch zum Buch mit dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier (bekannt aus eigenem Blog, Bildblog, Der Spiegel, u.a.).

Aus diesem Anlass werden hier 2 x 2 Eintrittskarten verlost. Die Frage lautet diesmal (weil's beim letzten Mal ja angeblich zu einfach war, wo es doch "schwer"  im Zeitalter von Google gar nicht mehr gibt): 

Wie hieß das Schiff, auf dem der spätere Erbauer des Literaturhauses Berlin, Richard Hildebrandt, in der zweiten deutschen, wegen des Festsitzens im Packeis von Grönland legendär gewordenen Nordpolarexpedition 1869/70 von Bremerhaven aus in See stach? (Ein Tipp, weil wirklich nicht so leicht: Es war das Schiff, auf dem auch der Arzt Buchholz zur Crew gehörte, der mad wurde und angeleint werden musste.)

Die richtige Antwort bis Mittwoch, 23. Januar, 12 Uhr an community-support@freitag.de mailen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, Freitag-Angestellte und deren Verwandte dürfen nicht mitmachen. Glücksfee: Frau Zeise again, JJK und Young Jule bilden gewohnt souverän den Ziehungsausschuss.

21:46 20.01.2013

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