Dabei sein ist alles

Sport Man kann sich die Tour de France und die Olympischen Spiele anschauen. Aber wie?

Doping ist, wenn auch die B-Probe positiv ausfällt. Das hat das Fernsehen gelehrt, für die Jetztzeit spätestens im Jahr 1988, als der Olympiasieg des kanadischen Sprinters Ben Johnson annulliert wurde. Damals ließ sich das Drama des Mannes (dessen Name nicht zufällig gleich dem eines Shakespeare-Konkurrenten klang) als Einzelfall erzählen: Befeuert vom unerhörten Skandal geriet Johnson zum Außenseiter, der seinen raschen Aufstieg mit einem tiefen Fall bezahlen musste. Schon äußerlich konnte man seinerzeit Ben Johnson leicht entsorgen: Verliehen ihm seine riesigen Muskelberge nicht sowieso etwas Monströses? Und deuteten nicht alle äußerlichen Zeichen (Oberlippenbart, Goldkettchen) auf einen Emporkömmling, der am Ruhm der "königlichen" Eleganz des offiziell nie überführten Dauersiegers Carl Lewis kratzen wollte?

20 Jahre später ist Doping ein Verdacht, der über allen Sportarten liegt und über dem Radfahren und China insbesondere. Was Doping ist, wird umso unklarer, je breiter die Diskussion darüber geht. Das Wissen um die Möglichkeiten der Leistungssteigerung, das heute manche Erzählung von technischen Tüfteleien und individuellem Trainingseifer ersetzt, hat sich noch nicht in eine neue Ethik der medialen Verwertung des Sports übersetzen lassen. Doping ist eine Realität im Spitzensport wie die Existenz mafiöser Strukturen in der Wirtschaft, aber der Umgang damit ist der alte: Es gibt eine Liste, auf der verbotene Substanzen stehen, die nachzuweisen in zahlreicher werdenden Tests versucht wird. Zur Vergeblichkeit dieser Praxis gehört die Einsicht, dass die Tests den sich weiter verfeinernden Möglichkeiten der modernen Sportmedizin immer hinterherhinken.

Anschaulich wird die Agonie der aktuellen Dopingpolitik nun im Fernsehen, das nach wie vor seine Heldengeschichten erzählen will und dabei immer häufiger von deren Manipulation reden muss. Weil die Einzelfallstrategie nicht mehr trägt, ein Einsehen in die Systematik des Dopings aber Resignation zur Folge hätte, hat sich bei der aktuellen Tour de France nach den ersten Entdeckungen von Dopingsündern eine am Marketing geschulte Hoffnung herausgeschält: Positive Befunde könnten auch als Ausweis einer funktionierenden Antidopingbekämpfung gewertet werden und somit die Glaubwürdigkeit der Bemühungen um "Sauberkeit" steigern. Allerdings gerät selbst das Marketing an seine Grenzen, wo zu viele Nachweise die Glaubwürdigkeit strapazieren.

So weist das mediale Sportschauen 20 Jahre nach Ben Johnson die eigentümliche Paradoxie auf, das jede besondere Leistung wie etwa die Gipfelerstürmung des Riccardo Ricco, schon wenn sie sich ereignet, nicht in atemloser Bewunderung bejubelt werden kann, sondern von den leisen Ahnungen des Zweifels gezügelt werden muss. Der Sport im Fernsehen, an sich doch Feier des magischen Augenblicks, wird in die Nachträglichkeit der Kontrollen verlängert. Damit wird das, was am Spitzensport bislang berauscht hat: die Höchstleistung, zum medialen GAU.

Das Grau gleichförmiger Mittelmäßigkeit aber langweilt den Zuschauer, der sich den Zynismus leisten könnte, auf eventuelle Unfairness, Gesundheitsschädigung und fehlende Vorbildfunktion durch die Athleten zu pfeifen, solange seine Kinder unambitioniert mit ihm fernsehen und das Spektakel stimmt. Das - staatliche - Fernsehen kann dies aus denselben Gründen nicht, wie die Politik das Doping geißeln muss, das es zugleich durch seine Art der Sportförderung motiviert. Die Zukunft dieses Dilemmas zeigt deshalb am besten der Spot, mit dem die ARD auf die dieswöchigen Königsetappen in den Alpen eingestimmt hat: Keine Bilder von den einstigen Helden Hinault, Pantani und Armstrong, sondern Allerweltsaufnahmen von jubelnden Zuschauern an der Strecke. Dort ist die Welt noch in Ordnung, weil kein Fernsehen Heldendramaturgien entwerfen kann, wenn ein Ausschnitt von Realität an dem Betrachter an der Strecke vorüber fliegt. Solange die Medien Doping und Leistungssport nicht zusammenhängend erzählen können, muss der Zuschauer auf den Filter des Fernsehens verzichten, wenn er nicht dauernd zwischen seinem Spaß (Spektakel) und dem Ernst der Politik (Dopingkontrolle) hin- und herzappen will. Es gilt für ihn quasi das olympische Motto: Dabei sein ist alles. Fernsehen nichts.

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