„Darüber brauchen wir ja gar nicht reden“

Analyse Über strukturellen Rassismus will beim NSU keiner sprechen. Eindrücklich führte das eine „Anne Will“-Sendung vor
Matthias Dell | Ausgabe 44/2016
„Darüber brauchen wir ja gar nicht reden“
Mehmet Daimagüler, Nebenklageanwalt im NSU-Prozess
Foto: Jürgen Heinrich/Imago

Der 9. Dezember 2015 war ein denkwürdiger Tag. Weniger wegen des Textes, der im Namen von Beate Zschäpe an diesem Tag im Münchner Gericht verlesen wurde. Vielmehr wegen der Anne-Will-Sendung, die am Abend auf dieses Ereignis reagierte. Denn die Sendung verschob die kriminalistische und juristische Befassung mit dem NSU-Komplex exemplarisch ins Diskursive – in die Sphäre von Ansichten und Beobachtungen, Haltungen und Schlussfolgerungen.

Und die Sendung machte etwas sichtbar, was in der deutschen Öffentlichkeit selten sichtbar wird, weil man darüber so schlecht reden kann: Rassismus. Ein hartes Wort, das eine hässliche Sache meint, weshalb es wenig Begeisterung hervorruft, wie sich auf dem Gesicht der langjährigen Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen eine Viertelstunde vor Schluss zeigte.

Es spricht da gerade der Nebenklageanwalt Mehmet Daimagüler, der dafür wirbt, sich mit problematischen Haltungen von Ermittlungsbeamten auseinanderzusetzen („Das macht doch eine reife Demokratie aus“), und Friedrichsen schaut aufmerksam, vielleicht schon etwas gequält in seine Richtung, bis ihr, einer Frau, die in zahllosen Gerichtsprozessen und Fernsehsendungen Geduld und Contenance erfolgreich gewahrt hat, für einen Moment die Züge entgleiten: ein Blick nach unten, ein schweres Atmen, das gleichermaßen tiefstes Angewidertsein wie größte Hilflosigkeit bedeuten könnte.

Eine Partitur für die Bühne

Nicht nur die Miene von Gisela Friedrichsen verzieht sich, auch die anderen Körper sprechen in dieser Sendung – neben der Journalistin und dem Anwalt sind an dem Abend die Politiker Günther Beckstein (CSU, Ex-Innenminister Bayern) und Clemens Binninger (CDU, Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag) bei Anne Will zu Gast.

Beckstein hat Schwierigkeiten, den Blick mit Daimagüler zu halten, außerdem hustest es aus ihm immer wieder. Es ist kein Traudl-Junge-Husten, das Hitlers Sekretärin registrierte und reflektierte, wenn sie in dem Film Im toten Winkel in Bereiche ihrer Lebensgeschichte vordrang, in denen es unangenehm für sie wurde. Das Husten von Beckstein klingt nach höherer Gewalt: nach einer Lawine, unter der Keimlinge einer Argumentation begraben werden, die zu schwach zum Blühen sind.

Binninger windet sich, als wolle er Gesagtes einhegen durch Körperballett. Er lächelt, als könne er mit einem ausweichenden Gesichtsausdruck die Luft aus Daimagülers Äußerungen lassen. Auch Binninger fällt es schwer, dem Juristen ins Gesicht zu schauen, wenn er ihm was erklärt – in Becksteins Antlitz ist einfach mit mehr Zustimmung zu rechnen. Daimagüler sitzt aufrecht, fast starr, um die Fassung nicht zu verlieren, nicht zynisch zu werden, nicht zu eifrig zu erscheinen. Die Energie aus dem Körper beschleunigt das Sprechen.

Kathrin Röggla hat einmal eine Talkshow mit Klaus Kinski in einen Theatertext verwandelt (sie haben so viel liebe gegeben, herr kinski!, 2004), weil dieses Gespräch zwischen Kinski und dem Moderator Reinhard Münchenhagen die Unmöglichkeit von Kommunikation abbildete. In ähnlicher Weise könnte die Partitur der Anne Will-Sendung sich auch als Grundlage weiterer Bühnenarbeiten zu den 20 bereits existierenden Uraufführungen zum Thema NSU gesellen. Es geht darin nämlich darum, wie man über etwas redet, über das man nicht zu reden braucht. Nicht reden kann. Nicht reden will.

Dabei, und das macht die Sendung aus dem Dezember so interessant, treten die Konflikte zwischen Leuten auf, die nicht weit voneinander entfernt scheinen. Beckstein war der Politiker, der schon nach dem Mord an Enver Şimşek im Herbst 2000 seinen Apparat anwies, einen rechtsextremen Hintergrund zu prüfen, der auf eine Überprüfung regionaler Neonazis drang, die der Verfassungsschutz verschleppte. Daimagüler nennt ihn den „Einäugigen im Land der Blinden“, was ja auch eine Anerkennung ist. Binninger hat sich im Untersuchungsausschuss verdient gemacht, er ist respektiert, gilt als Fachmann, auch weil er selbst einmal Polizist war. Er spricht, wie ein Kellner den Tisch deckt: geordnet, ruhig, alles ist an seinem Platz.

Der Ku-Klux-Klan!

Binninger und Beckstein sind also die Guten in Sachen NSU-Aufklärung. Aber es gibt für sie eine Grenze, an der sie scheuen. Eine Schwelle, über die sie partout nicht gehen: dass aus dem NSU-Komplex eine Beschäftigung mit rassistischen Strukturen und Denkmustern in Behörden, letztlich in der gesamten Gesellschaft folgen muss.

Beckstein wird dann dünnhäutiger, schlägt um sich, Binninger pfeift wie ein nickliger Schiedsrichter jedes Wort, von dem er glaubt, dass es nicht ins Gesamtbild gehört. Friedrichsen spielt für diese Teile der Diskussion keine Rolle, sie ist abonniert auf das Performen ihrer Gerichtsreporterinnen-Erfahrung („Ich habe noch keinen Prozess erlebt, der ...“) und will erkennbar auch nicht mehr.

Nun könnte man sagen, wieso sollte man nicht einfach anderer Ansicht sein als Daimagüler? Vielleicht ist die Feststellung, es gebe in Deutschland ein Problem mit strukturellem Rassismus, falsch. Vielleicht stimmt das gar nicht für diesen Fall. Behördenversagen, Verfassungsschutzgeschlampe, ja, aber struktureller Rassismus?

Aber dann ist da die Sendung, die etwas sichtbar macht, in der man etwas erkennen und verstehen kann. An den Körpern, den Mienen, denen man anmerkt, wie tief etwas sitzt. Daimagüler setzt das Thema früh auf die Tagesordnung, und Anne Will ist als Moderatorin so aufmerksam und offen, es wieder anzusprechen, als die Diskussion schon woanders ist.

Einer der besten Dialoge ist der kurz vor Schluss. Binninger erklärt, was an Beamtenhandlungen nicht länger akzeptabel sein soll: „Fremdenfeindliche Äußerungen, Stigmatisierungen, das geht nicht. Das hat in einer demokratisch verfassten Polizei nichts verloren.“

Daimagüler (ergänzend): „Oder dass man beim Ku-Klux-Klan Mitglied ist.“

Binninger (selbstsicher): „Darüber brauchen wir ja gar nicht reden.“

Daimagüler: „Aber Sie erwähnen es ja nicht! Wenn wir nicht drüber reden müssen, dann erwähnen Sie’s doch bitte.“

Binninger (ausweichend lächelnd, leise): „Ich kann’s ja auch erwähnen (lauter): Oder dass man beim Ku-Klux-Klan Mitglied ist.“

Daimagüler: „Danke.“

Binninger: „Und dann hinterher mit einer, wie soll man sagen, recht laxen Handhabung auch davonkommt. Das geht alles nicht, das haben wir auch kritisiert.“

Aber es geht eben doch, und darauf zielen Daimagülers Interventionen: Alles, was er Binninger hier abnötigt, ist das, was sonst verschwindet. Wie Binninger dann selbst, wenn auch vermurmelt, gesteht: Die „laxe Handhabung“ ist in Wahrheit ein Skandal. Die beiden Polizisten aus der Einheit von Michèle Kiesewetter, die beim Ku-Klux-Klan in Stuttgart Mitglied waren (womöglich: eine Gründung des Verfassungsschutzes), sind weiter im Dienst. Es reichte, zur Entschuldigung vorzubringen, sie hätten nicht gewusst, dass der Ku-Klux-Klan rassistisch ist. Der Ku-Klux-Klan!

Und deshalb glaubt Binninger, darüber nicht reden zu müssen, weil es selbstverständlich ist. Was für ihn gilt, aber eben nicht für Teile der Realität. Und dass selbst ein so aufgeschlossener Politiker wie Binninger dieser Realität nicht ins Auge schauen will, zeigt, wie sehr es in der deutschen Gesellschaft an einem Verständnis davon mangelt, was Rassismus ist. Binningers „Wie soll man sagen“ bringt den Status quo auf den Punkt.

„Es war kein Motiv erkennbar“, hatte Beckstein über die Ceska-Morde zu einem früheren Zeitpunkt der Sendung sagt. Was eben nur stimmt, wenn man das Offensichtliche übersieht. Um das Offensichtliche künftig erkennen zu können, ist die Debatte notwendig, die Mehmet Daimagüler anstrengen wollte.

06:00 30.11.2016
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