Das geerbte Trauma

Interview Martin Farkas über seinen Film „Über Leben in Demmin“, Neonazis und einen vergessenen Massenselbstmord

Eine lange Geschichte: Im Frühjahr 1945 gehen in Demmin Hunderte Leute in den Tod aus Angst vor der anrückenden Roten Armee. Als die da ist, kommt es zu Vergewaltigungen, die Stadt brennt, die Leichen liegen herum. Die Geschichte ist weder verarbeitet noch bekannt. Der Kameramann Martin Farkas versucht, sie in seinem Dokumentarfilm Über Leben in Demmin zu fassen.

der Freitag: Wie sind Sie auf Demmin gestoßen?

Martin Farkas: 2013 hat der Schauspieler Charly Hübner, den ich vom Polizeiruf Rostock kannte, mich gefragt, ob ich mit ihm seinen Beitrag zum ARD-Projekt 16 x Deutschland drehe. Hübner war für den Teil über Mecklenburg-Vorpommern zuständig. Er kannte Jan „Monchi“ Gorkow, den Sänger von Feine Sahne Fischfilet, über den er jetzt in einem Langfilm erzählt. Monchi sagte damals, wir müssen nach Demmin, da gibt es diesen Neonazi-Aufmarsch.

Der jährlich am 8. Mai durch die Stadt zieht. Seit wann gibt es den?

Seit 2006. Ich war völlig verblüfft, das zu sehen: das Schweigen, die große Ruhe, mit der das vor sich geht. Damals gab es nur eine kleine Gruppe, die dagegen demonstrierte. Ich kannte solche Nazi-Aufmärsche nur mit großem Widerstand dagegen, an dem ich mich als junger Mann beteiligt habe: in München, im Allgäu, in Wunsiedel, überall da, wo so was aufgepoppt ist. Die Ruhe in Demmin empfand ich als sehr bedrohlich.

Wie bildet man so was ab?

Das ist so ein beeindruckendes Bild, so sinnlich, so stark, wenn wir da die Kamera draufgehalten hätten, da kann man noch so viel sagen im Text, das Bild ist immer stärker. Das ist wie Leni Riefenstahl. Deshalb wollte ich in den Zug rein und die Gesichter filmen. Das Demonstrationsrecht lässt das zu. Ich bin da also mit meinem Presseausweis und der Kamera rein und habe was auf die Schnauze gekriegt. Jemand hat seinen Schal, seine Kapuze hochgezogen und zugeschlagen. Ich habe das als Vernichtungswunsch erlebt, diese Wut gegen mich, die Aggression. Das hatte ich vorher noch nie erlebt. Deshalb habe ich angefangen zu recherchieren und kam auf die Geschichte, die unten drunterliegt.

Eine kollektive Hysterie: Im Frühjahr 1945 bringen sich in Demmin Leute um unter anderem aus Angst vor der Roten Armee. Was weiß die Stadt davon?

Es gibt bei den Jungen zum Teil große Ahnungslosigkeit. Der Neonazi-Aufmarsch spielt mit Versatzstücken, aber das gründet nicht auf einer Auseinandersetzung mit der Geschichte. Ich habe einigen Protagonisten den Film vorab gezeigt und die waren völlig überrascht, die haben mehr über ihre Stadt verstanden. Die leben in Demmin, haben dafür gerungen, haben sich zum Teil übel verhalten, dass sie den rechtsradikalen Aufmarsch machen können, aber sie wissen nicht, worum es geht. Da kommt man sich vor wie ein Aufklärer.

Zur Person

Martin Farkas, Jahrgang 1964, arbeitet als Kameramann unter anderen für Dominik Graf. Daneben realisiert er selbst Dokumentarfilme: 2009 etwa Deutsche Seelen über die Colonia Dignidad und die Frage, wie Faschismus entstehen kann. Über Leben in Demmin startet am 22. März

Im Film gibt es niemanden, der den Aufmarsch verteidigt.

Es ging mir nicht um die überzeugten Neonazis. Mich hat interessiert, dass es in der Mitte unserer Gesellschaft eine relativ breite Akzeptanz gegenüber diesem Rechtsradikalismus gibt. Eine Bereitschaft, das mitzutragen. Das konnte vor kurzem noch nicht ausgesprochen werden, aber die Gefühle waren wohl immer da.

Haben Sie eine Erklärung?

Die eine gibt es nicht. Der Film ist der Versuch, die Frage, die viele von uns mit Angst erfüllt, auf andere Weise zu stellen. Nicht individuell zu gucken: Was ist bei dir passiert, dass du rechtsradikale Sprüche loslässt? Sondern tiefer zu bohren, wo das herkommt. Deshalb wollte ich den Blick öffnen in Soziologie und Geschichte. In der Forschung gibt es den Begriff von der transgenerationellen Weitergabe des Traumas. Das heißt, dass über die Traumata, die unsere Vorfahren erlebt haben – auch die Täter, die im Krieg vergewaltigt und gemordet haben entgegen der sogenannten soldatischen Ehre – heute erst geredet werden kann. Solange diese Generation lebte, konnte das nicht benannt werden. Eine schwierige Diskussion, aber ich glaube, wir müssen sie führen, um zu verstehen, warum die Ungeheuer immer wieder kommen.

Ein absurder Zirkelschluss ist die Rede am Ende des Aufmarschs: Da wird die gleiche Propaganda ausgegeben – „Russe“, „Horde“, „Steppe“ –, die zum Grund des Aufmarschs, dem kollektiven Selbstmord erst geführt hat.

Ganz genau. Das war für mich selbst kein leichter Weg, das so stehen zu lassen, weil ich das schwer erträglich fand. Da haben wir im Schnitt lange gerungen. Die Wiederholung der Propaganda, das hat auch eine Kontinuität: Im Westen gab es diesen Autoren, der mit Steppe und Osten hantiert hat ...

Konsalik.

Genau. Das sind deutsche Mythen, die klingen. Das Perverse ist: Der Typ, der die Rede hält, aus Texten zitiert, war der damalige NPD-Landtagsabgeordnete David Petereit. Der spielt auch im NSU-Komplex eine Rolle: Er hat unter anderem die Nazi-Publikation Weißer Wolf herausgegeben, die schon 2002 den NSU erwähnt.

Es gibt so viele Filme über die NS-Zeit, dass mancher sagt, es sei doch mal gut. Dann hört man in Ihrem Film von der kollektiven Panik und dem, was heute daraus wird. Und merkt: nichts ist gut.

Die meisten Filme zum Thema sind schwierig. Unsere Mütter, unsere Väter, wo sich viele einig waren, dass der ganz toll ist, die Nachgeborenen aufklärt. Der junge Mann, der zum Soldat geworden ist, sagt im Sterben mit verdrehtem Heldentum für die nächste Generation, sie solle den Scheiß lassen. Es gab da keine Helden, es gab vielleicht Leute, die weniger Arschlöcher waren als andere.

Warum dauert das so lang?

Das Wissen um die Schuld überlagert alles, auch wenn Leute sagen, wir wollen damit nichts mehr zu tun haben. Die Debatte ums Gnadengesuch des gerade verstorbenen Oskar Gröning, die hätte man vor 50 Jahren führen müssen. Hat man aber nicht. Auch deswegen sind die Sachen alle noch da.

06:00 24.03.2018
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