Das Gesellschaftsspiel

Aktionsfelder Die Dokumente der Geburtstagsfeier für den einstigen Deutsche-Bank-Chef Ackermann im Kanzleramt sind nun zugänglich. Vorschläge für einen Umgang damit
Das Gesellschaftsspiel
"Tischreise oder Bekomme den Platz von Professor Sauer!" Ein Brettspiel für die ganze Gesellschaft zur spielerischen Überwindung der eigenen Exklusionserfahrung - zur Zeit nur erhältlich in der gedruckten Ausgabe

Grafik: Der Freitag

Das ist keine Neuigkeit. Das „Abendessen zu Ehren von Herrn Dr. Ackermann, am Die., 22. April 2008, 19:00 Uhr, Bundeskanzleramt, 8. OG“, wie in der Sprache dieses Amtes auf dem Blatt mit der Tischordnung notiert ist, hat schon vor drei Jahren Furore gemacht. Im August 2009 thematisierten Fernsehjournalisten das – für Demokratiepuristen womöglich etwas befremdliche – Angebot der Bundeskanzlerin an den damaligen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, anlässlich seines 60. Geburtstags eine Einladung für ihn und 30 Freunde und Freundinnen im Kanzleramt auszurichten. Die Gästeliste kursierte seinerzeit.

Dass wir die Tischordnung des Abends hier nun veröffentlichen, verdankt sich der Klage des Verbraucherschützers Thilo Bode (Foodwatch), der sich auf das Informationsfreiheitsgesetz berief und eine Anfrage ans Kanzleramt stellte auf Einsicht in die Dokumente des Abends (Redevorlage, Gästeliste, Tischordnung, Rechnungen). Das Kanzleramt lehnte ab, Bode klagte und erhielt im März dieses Jahres vor dem Oberverwaltungsgericht in Berlin zum zweiten Mal Recht. Daraufhin forderte Stefan Wehrmeyer von der Seite FragDenStaat.de die Dokumente an, die das Kanzleramt Anfang Juli übersandte mit dem Hinweis, dass es einer Veröffentlichung nicht zustimme. Das Portal netzpolitik.org konnte diese Auskunft mit seiner Vorstellung von Informationsfreiheit nicht verbinden und stellte das Konvolut vergangene Woche zum Download bereit.

Neu ist also nichts. Aber mehr noch als die Redevorlage und die Lebensmittelrechnungen („Backhits Donauwelle 1000g“) ist der obenstehende Sitzplan Ausdruck eines Beziehungsgeflechts zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, das sich selten so anschaulich abbilden lässt.

Internationaler Brauch

Um Schlüsse über Binnenhierarchien ziehen zu können, müsste man Insiderwissen, das wir nicht haben, mit elementaren Benimmregeln verrechnen. Auf knigge.de heißt es etwa unter Tischordnung: „Demnach sitzen Verlobte immer, Ehepaare nie nebeneinander, es sei denn, es handelt sich um ein Essen aus Anlass einer runden Wiederkehr ihres Hochzeitstages.“ Das ist hier der Fall, Ackermann sitzt seiner Gattin Pirkko Mölsä schräg gegenüber.

Irritierend ist, dass es auf knigge.de weiter heißt: „Nach internationalem Brauch sitzt ein männlicher Ehrengast rechts von der Gastgeberin, seine Partnerin rechts vom Gastgeber.“ Nach internationalem Brauch hätte Merkel also auf der Mölsä-Position, Ackermann auf der Merkel-Position, Mölsä auf der Sauer-Position und Sauer, anwesend, auf der Ackermann-Position sitzen müssen. Mit Merkel und Ackermann „face to face“ wird hier ein Setting aufgerufen, das eher an eine Verhandlung erinnert als an einen privaten Anlass.

Vollends irritiert wird das Bild, das man sich machen könnte, durch einen launigen Begleittext, den Frank Schirrmacher im Modus eines Bekenntnis’ 2009 schrieb (Ich war auf Ackermanns Party). Darin lobte er die „kluge Tischordnung“, behauptete aber, Schürer gegenüber gesessen zu haben, und dass neben Schürer wiederum Lehmann platziert gewesen sei, davon nicht weit entfernt Hambrecht, Schavan und Schaeffler (deren Tischherr er in obiger Anordnung gewesen sein müsste) links von ihm. Entweder trügt Schirrmachers Erinnerung oder der vom Kanzleramt ausgegebene Plan hat noch Entwurfscharakter.

Drei Runden aussetzen

Wie auch immer. Zur Aneignung für alle Nicht-Dabeigewesenen – und besonders für Demokratiepuristen – empfehlen wir, daraus ein Brettspiel nach Art der beliebten Seereise („Warten bis ein Schiff vorbeikommt und Hilfe bringt“) zu basteln: Tischreise oder Bekomme den Platz von Professor Sauer! Startfeld wäre draußen vor der Tür, also links von Bomhard. Los kann, wer eine 6 würfelt und es damit über den Gastgeberinnenschoß auf den Ackermann-Platz schafft.

Von da dann im Uhrzeigersinn herum – wobei dem Erfindungsreichtum an Aktionsfeldern keine Grenzen gesetzt sind. Ein paar Vorschläge: Weidmann-Feld meint „Karrieresprung“, weiter bei Nowak. Springer-Leute gleich „Karriereknick“ (mit dem Fahrstuhl wieder runter), also von Döpfner auf Fr. Springer, von Fr. Springer auf Diekmann, von Diekmann zurück zum Start. Frank Elstner – „Langeweile“, drei Runden aussetzen. Schürer – „Erinnerungsprobleme“, warten, bis jemand auf Schirrmacher steht. Der Zielplatz von Prof. Sauer muss mit exakter Augenzahl erreicht werden.

Andernfalls geht es einfach weiter, immer so weiter.

Die Tischordnung des Geburtstagsessens als Spielbrett finden Sie in der gedruckten Zeitung. Hier können Sie sie runterladen. Viel Spaß beim Ausprobieren

15:30 02.08.2012
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