„Das ist jetzt ein Reflex“

Im Gespräch Wolfgang Rindfleisch über die Dokumentation „Anderson“ und die Funktion der Stasi-Diskussion heute
Matthias Dell | Ausgabe 40/2014
„Das ist jetzt ein Reflex“
Der Schriftsteller Sascha Anderson heute, 1991 wurde er enttarnt als IM

Still: Edition Salzgeber

In dieser Woche kommt Annekatrin Hendels Dokumentation Anderson in die Kinos, die bei der Berlinale im Februar Furore machte. Es ist nicht der erste Film über den 1991 als IM der Staatssicherheit enttarnten Schriftsteller Sascha Anderson. Aber es wird, weil es um Verrat geht, verschiedene Meinungen geben. Wir haben Wolfgang Rindfleisch gebeten, sich den Film anzuschauen. Aus Gründen: Rindfleisch ist ein Altersgenosse Andersons, der das kulturelle Ostberlin der achtziger Jahre kennt, ohne zu Andersons Kreisen gehört zu haben. Das aufgeschriebene Interview ist allerdings nicht die ideale Form, weil Rindfleischs trockene Ironie sich ohne Tonlage und Mimik nicht so gut mitteilt. Er „lächelt“ an solchen Stellen im Text daher immer.

Der Freitag: Kannten Sie Sascha Anderson zu DDR-Zeiten?

Wolfgang Rindfleisch: Der Name war ein Begriff. Ich hab ihn vor seinem Abgang 1986 aber nur einmal erlebt in einer Akademie-Veranstaltung zum 100. Geburtstag von Lukács. Heiner Müller und Peter Hacks stritten lustig darüber, wie man Stücke schreibt. Hacks beklagte sich über das Bühnenbild von Müllers Macbeth-Inszenierung an der Volksbühne. Das war ein Berliner Hinterhof, authentisch. Das missfiel dem Klassizisten. Der wollte Tasso nur mit Lorbeerkranz und zwischen Säulen. Daraufhin hat Anderson gesagt, dass man dann gleich biedermeierliche Wilhelm-Busch-Welten bauen sollte.

Und Müller?

Sagte nichts dazu. Der meinte, ich beginne ein Stück vorne und schreib’s dann über die Mitte bis zum Schluss. Woraufhin Hacks sagte, und das war der Spaß: Das muss ich dem Müller jetzt mal sagen – ein guter Dramatiker schreibt von hinten nach vorne.

Zurück zu Anderson.

Zu dem Kreis habe ich nicht gehört, ich habe mich da am Rande bewegt. Mit Bert Papenfuß, der im Film vorkommt, bin ich in Greifswald aufgewachsen.

Wie haben Sie die Literaten, die sich in der Küche des Liedermachers Ekkehard Maaß getroffen haben, im Film wahrgenommen?

Die Leute hatten, die Maler ausgenommen, keine akademische Ausbildung – eine Parallelentwicklung zu den Genialen Dilettanten in Westberlin, das ist mir durch den Film aufgefallen. Die Leute in der Küche machen irgendwie dasselbe wie die auf der anderen Seite, eine Gegenkultur, die sich entwickelt. Und es gibt einen gesteuerten Führer, das ist Sascha Anderson. Alle schwärmen von ihm, die Frauen sind hin und weg von dem ungewaschenen Lümmel.

Bei Maaß fand ich komisch, dass der vom Groll auf den Verräter spricht, sich aber dann seine Küche aus dem Kreuz leiern lässt, damit die Kulisse werden kann für Andersons Show.

(lächelt) Nennen wir es widersprüchlich. Eitel sind die alle, deshalb haben sie sich auch gefunden.

Wie fanden Sie den Film?

Ich habe ihn als nicht so uninteressant empfunden wie gedacht. Ich hatte vorher Zweifel, weil Anderson eigentlich nichts mehr zu erzählen hat. Der Film ist von der ganzen Optik her ein Versuch, seine Geschichte objektiv zu machen, obwohl’s das ja nicht ist. Der vorherige Film von Annekatrin Hendel, Vaterlandsverräter, über den Schriftsteller Paul Gratzik gefällt mir aber besser. Der Typ ist interessanter, der gibt kein Jota preis, ist ein Kämpfer. Was man bei Sascha Anderson so nicht registrieren kann.

„Anderson“ soll Teil einer Trilogie des Verrats sein. Hilft der Film da weiter?

Wenn Sie das Phänomen meinen, das Was-steckt-dahinter, dann ist es relativ einfach: Selbstdarstellung und Allmachtsfantasien. Dass er glaubt, alles im Griff zu haben. Das hat selbst Heiner Müller gedacht. Auch wenn es sicher richtig ist, dass Müller mit denen besser reden konnte als mit irgendeinem Parteinik.

Interessiert Sie die Beschäftigung mit den IM-Geschichten noch?

Das klärt nichts mehr. Die ganze Staatssicherheitsgeschichte hätte man nur unter den Verhältnissen der DDR klären können, die Bevölkerung hätte das noch tun müssen. Jetzt wird das nur noch benutzt. Insofern zeigt der Film einen Kampf gegen Windmühlen. Dem Anderson geht’s gut. Ein Beamter würde er nicht werden wollen, wo das hinderlich wäre – was soll da also noch sein? Heute reicht es, den Dämon Stasi in gewissen Abständen rauszuholen, vor irgendwelchen Wahlen. Dann ist es durch, und es redet keiner mehr drüber. Das ist ein Reflex jetzt. An den Leuten, die es persönlich angeht, weil sie für sich Sachen klären wollen, hat auch keiner ein Interesse.

Sie meinen die Leute, die damals Opfer waren?

Die, die nicht mehr arbeiten konnten. Maler, die keine Ausstellung mehr kriegten, Schriftsteller, die keine Bücher mehr veröffentlichen konnten. Das sind Opfer. Die mussten gehen. Die anderen, wo der Nachbar mal über den Gartenzaun geguckt hat, sind mir relativ wurscht. Das hatte kaum Folgen. Vielleicht ist der dann nicht Abteilungsleiter geworden, gut.

Bis wann war die Auseinandersetzung denn ein Thema?

Mindestens bis 1995/96. Da kam das immer wieder. Und es gab damals schon die Frage, ob das jetzt noch wichtig ist oder nicht. Diese Frage wurde wichtiger als: Wer hat denn überhaupt?

Wie verhält sich der Film da?

Ich habe nicht gesehen, dass ein Auszug aus einer Akte erscheint. Dabei wäre das für mich etwas, wozu diese Akten heute dienen könnten: Was hat der eigentlich über den gesagt? Da könnte sich jeder ein Bild machen, was Spitzelarbeit bedeutet. Es ist klar: Die Leute, die nicht mehr arbeiten konnten und rausmussten, das sind die Opfer solcher Leute wie Anderson. Aber sonst sind in dem Diskurs auch viele Legenden drin.

Zum Beispiel?

Uns war es beim Rundfunk 1987 gelungen, Brechts Fatzer durchzukriegen – mit dem Schlusskommentar von Heiner Müller, den Wekwerth im selben Jahr am BE nicht inszeniert hatte: „Staatsmann, gib den Staat heraus.“ Sollte bei uns erst auch nicht sein. Der Hauptabteilungsleiter Funkdramatik: Der Müller-Text kommt nicht vor! Da Müller den dann aber gelesen hat wie ein Beamter bei der Post und nicht als Fanal, fand niemand Anstoß dran. Derselbe Hauptabteilungsleiter hat das Jahre später zum Anlass genommen, schon einmal zu würdigen, wie subversiv die Hörspielabteilung und ihr Hauptabteilungsleiter vor der Wende gewirkt haben.

Ich kann mir Leute vorstellen, denen Ihr Begriff von der Stasi zu harmlos erscheint.

Fritz Mierau hat uns im Studium Geschichten erzählt, gegen die die Scharmützel mit der Stasi in der späten DDR doch eher lächerlich wirken. Da ging es um die Tscheka, die Anfang der zwanziger Jahre nach Schauspielern gesucht hat, die in Bulgakows Die Tage der Turbins Weißgardisten gespielt haben. Die Tschekisten hatten Bühnenfotos, die sie dem Mann hingehalten haben: Bist du das? – Ja. – An die Wand. Und dann war der tot. Aber das ist ein anderes Stück, das heißt Mauser.

Wolfgang Rindfleisch, geboren 1954 in Greifswald und seit 1977 in Berlin, studierte Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität und arbeitet seitdem als Regisseur und Autor beim Rundfunk

Das Gespräch führte Matthias Dell

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06:00 15.10.2014
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