Das ist nicht von uns

Tatort Resteessen vom Geschlechtermampf: Wotan Wilke Möhrings Falke ist in seinem Debüt "Feuerteufel" mit Identitätszweifeln beschäftigt. Der öde Fall strapaziert ja auch nicht

Wenn Wotan Wilke Möhring als Thorsten Falke nicht neuer Tatort-Kommissar geworden wäre, sondern Moderator der nachfolgenden Talksendung, hätte die "Günther Jauchz" heißen müssen. Mördergag, I know, aber musste raus. Wie der Thorsten mit seinem Kumpel dem Jan (Sebastian Schipper) da so ausgelassen herumtollt auf dem letzten, prägentrifizierten Brachland Hamburgs am Lagerfeuer der gemeinsamen Erinnerungen: schröcklichst.

Freundschaft, okay, kann man machen, aber dieses Kumpelgetue, das geht gleich mal gehörig auf den Zeiger. Man kennt es nicht, man sieht es nicht, es wird einem nur behauptet, nach zwei Minuten sollen die schon ihr halbes Leben durch dick und dünn und so und können deshalb nicht anders, als sich selbst in so schwermetallischen Begriffen wie Treue und Verrat zu denken, die man am liebsten erstmal irgendeiner Oberen Umweltbehörde vorlegen würde, ob damit überhaupt zu arbeiten ist, hier und heute.

Kumpelgetue löst umgehend unangenehme Gefühle aus, weil es nach selbstgefälliger Sentimentalität müffelt, wie sie nur Männer hervorzubringen im Stande sind, und vielleicht sogar nur Männer, die in deutschen Filmen beste Kumpels spielen müssen. Kumpelgetue ist gerade fünf und geht in die große Gruppe der Kita Wassertropfen. Dabei könnten, by jove, doch Männer um die 40 mal aus dem Zelt ihrer Old-Shatterhand-Winnetou-Seligkeit umgezogen sein in so etwas wie ein Leben, das auch dann nicht zu Ende ist, wenn einer von zwei Buddies schwanger hat und bald Kind kriegt.

Anger Manager

Aber, und da geht's dann ab in Feuerteufel, dem 722. neuen Tatort dieses Jahresdieser Saison, den Wotan Wilke Möhring abgekriegt hat, weil beim Einmal-Schweiger noch was übrig war an Sendeplätzen, aber vermutlich ist genau dieser Männlichkeitstransfer (vom Zelt ins life) das, worum sich dieser neue Tatort scheren will. Wie aus dem Falken eine Taube wird, um in den terms of amerikanischer Politik zu sprechen. Während Til-Schweiger-Figuren immer noch versuchen, einen zeitgemäßen Machismo zu behaupten, der die eigenen Kinder lieb hat, in die bürgerliche Ehe strebt und trotzdem im Stehen pinkelt, marschiert Möhrings durch mehrere letzte Rollen anprominentierter Mann gleich zum Rückzugsgefecht in die Gendarena ein.

Wobei Möhrings Figuren praktischerweise zwei Anteile haben: Was schon da ist, wo es hinsoll in diesem Tatort, ist das Schluffig-Zurückhaltende an seinen Figuren (der Witwer in Das Leben ist nichts für Feiglinge, gerade im Kino). Was dagegen noch bearbeitet werden muss ist der Anger Manager, der WWM, wie in seine Fans womöglich nennen, in Männerherzen schon war und dem in Feuerteufel der Kragen platzt, als der Jan-Freund aka Krawattenhorst aus dem Innendienst noch mal vorbeikommt für irgendeinen Versöhnungsquatsch.

Die, äh, Reise in flexiblere Geschlechterrollen als "Mann macht, Frau kocht", die in diesem NDR-Tatort angetreten wird, kann man doof finden (would do that) – zuerst ist sie aber mal Symptom of heute. Was muss da arbeiten an krisenhafter Männlichkeit bei den Verantwortungsmännern (Drehbuch: Markus Busch, Regie: Özgür Yildirim, Redaktion: Christian Granderath plus die Schauspieler), vielleicht ja auch Verantwortungsfrauen (Redaktion: Daniela Mussgiller), kurz: Gesellschaft, dass die Verunsicherung der Rolle bis zum Subplot des Underwhelmers Ruben Schaller (David Berton) zittert. Der versucht, Phlegma abzulegen und Freundin zu beeindrucken, in dem er ein Auto anzündet. Auf Ideen kommen die jungen Leute, wenn sie noch nicht wissen, welch große Freude man mit Wellness-Wochenenden bereiten kann.

Frage, Antwort, Antwort, Frage

Das Merkwürdige an der Krisenmännlichkeit ist, dass sie auf der Stelle tritt (vermutlich meint das Krise): Solche Frauenbilder da reinzujagen wie Katharina Lorenz, die zur Begrüßung dem Chef (indifferent oder nur schlecht nachsynchronisiert: Achim Busch) den Hals brechen könnte als blonder Engel, und die dann, von der Traufhöhe of Falkes Restmachismo heruntergemacht, sich erstmal beweisen muss (ehe ihr der Mann am Ende den Platz zuweisen kann) – ist das nicht die Struktur, in der Männer im Film Respekt lernen wollten vor Frauen um 1985 rum? Uns ist so 'ne charming-flötende Normalitätsbehauptung, wie Conny Mey eine war, lieber als diese ehrgeizige Topcheckerin, die dauernd über was als defizitär Empfundenes hinwegposen muss.

Wenn sie etwa – Hartmut Rosa, ick hör dir trapsen – noch während des Verhörs mit diesem Billstedter Basketballer (eine Esche in Friedenszeiten, macht auf sich aufmerksam, indem sie von der Scene schleicht) die Handydatenabfrage macht, die noch, bevor das Verhör zu Ende ist, alle Daten am Start hat. Wenn sich neulich bei Schweigers Debüt noch gewundert wurde, wie schnell da der Fahri Yardims IT-Fachmann Yalcin Gümer via Middle East Hotels auscheckt und hackt – der hat ja wenigstens noch getippt. Bei Lorenzens Style hat man das Gefühl, dass Frage und Antworten eins sind; eines Tages wird die Antwort wohl vor der Frage kommen, wenn das so weiter geht, und was Hartmut Rosa dann zur Erklärung noch einfällt, wissen wir auch nicht.

Der Fall selbst hat Momente (das maigrethafte Abklopfen der üblichen Verdächtigen), ist aber langweilig. Die Geschichte entpuppt sich am Ende als doch ziemlich unterkomplex (wieso setzt der Mintal-Mann – gespielt vom großen, hier unterforderten Bernhard Schütz – die Belohnung aus? Weil er geschnappt werden wollte?) und unspannend (die Erklärungen am Ende machen nicht viel her; hinterher kann ja jeder alles erzählen). Die Ödnis der Spannungsverwaltung zeigt sich etwa daran, wie beiläufig diese Todesinfo reinkommt von dem Jungen, den der Mob vors Auto gejagt – Falke setzt sich einfach wieder und plaudert weiter. Am Feuerteufel selbst beeindruckt immerhin, das er nur mit Bränden arbeiten kann, dem Mintal-Mann also nicht Schläge androht, sondern Brand. Konsequente Corporate Identity oder eben wie beim Superhero nur ein Feature am Start.

Ästhetisch macht Feuerteufel auf tough mit abgespacktem Betonhamburg (Kamera, in love with the Sozialwohnungsbau: Matthias Bolliger) und diesen endlosen Nachtverzweiflungsfahrten des Furious Falken (wie weit wohnt der eigentlich vom Revier weg), die unbedingt Großstadtblues haben wollen. Das wollen irgendwie immer alle, dabei scheint doch manchmal selbst in der Stadt die Sonne.

Ein Satz, der bei Fußballklubpräsidenten um 2005 beliebt war: "Ich will Mintal"

Ein Frage, die täglich erfolgreich friedlich gestellt wird: "Wo ist mein Handy?"

Eine Fortbildung, von der man nur träumen kann: "Ich mach jetzt 'nen Lehrgang, Menschenführung, Teambuilding"

Eine Ansage, der für Rätselfragen geeignet ist: "Du bist tot, Mann"

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21:45 28.04.2013
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Ausgabe 42/2021

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