Das Kino als Reisebüro

Fernsehweh Am Anfang steht eine Ankunft – der Zug der Gebrüder Lumière. Ins Kino geht man seither aber auch, um in fremde Welten aufzubrechen. Das wird hier mal wörtlich genommen
Matthias Dell (Redaktion) | Ausgabe 33/2013 3
Das Kino als Reisebüro

Foto: Farbfilm Verleih

Matthias Dell

Halbschatten Nicolas Wackerbarth, Deutschland 2012

In Nicolas Wackerbarths Film Halbschatten herrscht ein eigentümliches Missverhältnis: Die Geschichte, das Spiel, die Inszenierung sind zu klein für den Ort, an dem sie stattfinden. Ein Ferienhaus in der Nähe von Nizza, mit Pool und einem fulminanten Blick vom Hang aufs Meer. So ließe sich‘s aushalten, möchte man meinen, aber Merle (Anne Ratte-Polle) muss beim Warten im Haus auf den Liebhaber Entfremdung, Einsamkeit oder etwas ähnlich Problematisches darstellen. Deshalb interessiert man sich weniger für sie als für das Haus und den Ort und bleibt am Ende sitzen, um in den Credits einen Hinweis zur erhaschen, wohin die Buchungsanfrage für den nächsten Urlaub zu richten ist: Villefranche-sur-Mer. Dem Film scheint das ähnlich zu gehen, manchmal verschwindet er in dokumentarisch anmutenden Bildern von abendlichen Straßen in Nizza. Im Sinne der tatsächlichen Kräfteverhältnisse könnte man sagen: Halbschatten ist der Film eines Location Scouts (Iris Czak).

Stefanie Diekmann

Das grüne Leuchten Eric Rohmer,
Frankreich 1986

Das grüne Leuchten bestimmt dem Glück einen relativ genau bezeichneten Ort, am Strand von Saint-Jean-de-Luz, wo die Reisende am Ende ankommt und wenigstens für den Moment nicht mehr allein ist. Vor diesen Moment setzt der Film das Hin und Her zwischen Paris, der Normandie, Paris, den Alpen, wieder Paris und dann Biarritz als Beharren auf einem Glücksversprechen, das niemand gegeben hat und an dem doch festgehalten wird, fast wider Willen und mit jener geringen Chance, die sich vielleicht nur in einem Film der „Comédies et Proverbes“ (wie diese Werkphase bei Rohmer heißt) erfüllen kann.

Marie Rivière, die in einigen Filmen von Rohmer mitspielt, ist als Delphine nicht so schön wie als Anne in Die Frau des Fliegers (1981)oder als Isabelle in Herbstgeschichte (1998), wo sie sich ihrer Sache sicher sein darf und sich mehr oder weniger an einem Ort aufhält. Das Reisen ist hier tatsächlich Ausdruck der Unruhe, der Unzufriedenheit: kein richtiges Leben im falschen und keine halben Sachen, solange es noch ums Ganze geht, was bei Rohmer fast immer der Fall ist, am Strand, am Kaffeetisch, auf den Spazierwegen und in den Wartesälen der Bahnhöfe, in denen sich die Dinge erst dann zum Guten wenden können, wenn man es vorher aufgegeben hat.

Cristina Nord

La Cienága Lucrecia Martel,
Argentinien 2001

La Ciénaga spielt in der Provinz Salta, im Norden Argentiniens; Lucrecia Martel wuchs dort auf, und auch ihre späteren Filme, La Niña santa (2004) und La Mujer sin Cabeza (2008), sind dort angesiedelt. In La Ciénaga macht eine Großfamilie Ferien in einer Villa in den Bergen; die Erwachsenen hängen betrunken und schläfrig am Pool, die Kinder gehen im Wald auf Jagd oder erzählen sich gruselige Geschichten von Tieren mit unendlich vielen Zahnreihen, zwischen den indigenen Hausangestellten und den Angehörigen der Familie ergeben sich vielgestaltige Beziehungen, in denen die grundlegende Asymmetrie spürbar bleibt.

Vor einigen Jahren habe ich einen Arbeitsaufenthalt in Argentinien um eine Woche Urlaub in der Provinz Salta verlängert. An einem Tag führte mich ein Ausritt durch die waldigen Berge des Umlands. Während mein Pferd auf den steilen Wegen vorsichtig Huf vor Huf setzte und ich mich darauf konzentrierte, dornigen Ästen auszuweichen, schimpfte der Reitlehrer auf faule Indios und schwule Männer. Ich versuchte ihn zu bremsen, aber es half nichts. Als ich erzählte, woher ich Salta kannte, aus den Filmen von Lucrecia Martel, reagierte er säuerlich. Sicher, er freue sich, dass eine Salteña internationale Bekanntheit genieße. Aber die Filme? Die zeichneten ein viel zu hässliches Bild.

Barbara Schweizerhof

Mimino Giorgi Danelia,
Sowjetunion 1977

Für den Zuschauer beginnt Mimino wie eine Traumreise: ein Flug über den georgischen Kaukasus. Schroffe Berge, Dörfer mit uralten Kirchen und steile Wiesen mit jubelnden Kinderscharen ziehen unter dem Blick der Kamera vorbei, es ist zum Fernwehkriegen. Tatsächlich handelt der Film von Fernweh – und dem Paradox des „Überall ist es schöner, wo wir nicht sind“.

Die Titelfigur Mimino, ein georgischer Pilot, will eines Tages die Kleinfliegerei aufgeben zugunsten der „großen Aviation“. Es war der Blick einer Frau auf ihn, den Transporteur von Hühnern und Mehlsäcken, der ihn veranlasst hat, nach Moskau zu reisen und sich zu bewerben. Die dortigen Abenteuer aber führen statt einer Annäherung an die blonde Stewardess zum Beginn einer „wunderbaren Freundschaft“ mit einem Armenier. In der vorletzten Szene, Mimino ist Pilot der internationalen Fluglinie, versucht er eben diesen Armenier aus dem Westberliner Europa-Center (Kudamm, Bikini-Haus, Flughafen Tegel – alles an Originalschauplätzen gedreht) anzurufen. Ein Missverständnis mit der Vermittlerin führt dazu, dass das Telefon statt im georgischen Telawi im israelischen Tel Aviv klingelt. Dort meldet sich – kein ganz unwahrscheinlicher Zufall – ein georgischer Immigrant, der seinen unverhofften Gesprächspartner zum Anstimmen eines Lieds anstiftet und darüber einen akuten Anfall von Heimweh erleidet. Zum Steinerweichen. Für die Premiere bei den Moskauer Filmfestspielen musste Regisseur Danelia diese Szene herausschneiden, den Preis bekam er trotzdem. In den Kinos lief der Film in der vollständigen Fassung. Schließlich kehrt Mimino zur Kleinfliegerei in den Kaukasus zurück.

Andreas Busche

Petulia Richard Lester,
Großbritannien/USA 1968

Am Anfang dürften es Die Straßen von San Francisco gewesen sein im ZDF-Vorabendprogramm. Später natürlich Bullitt (1968) mit Steve McQueen. Damals spürte ich intuitiv, also ohne den Zusammenhang zu verstehen, dass gute Actionszenen viel über eine Stadt erzählen können. Bei vollem Bewusstsein habe ich mein Herz an San Francisco allerdings erst beim Schauen von Richard Lesters Petulia verloren. Das lag einerseits an der unmöglichen Chemie zwischen George C. Scott und Julie Christie. Und andererseits an Lesters Blick auf eine Stadt, die in den neunziger Jahren, als ich den Film zum ersten Mal sah (in einer Julie-Christie-Reihe im Berliner Babylon), im Kino bereits auserzählt war. Der Engländer Lester drehte „on location“, aber immer fand er eine Perspektive oder einen Ort, der neue Geschichten über San Francisco preisgab. Christie sollen die Drehorte damals gelangweilt haben, was meine Schwärmerei für sie kaum trübte. Jahre später lebte ich selbst eine Weile in San Francisco, nicht zuletzt wegen Petulia. Aber Lesters Bilder, eingefangen von Kameramann Nicolas Roeg, blieben unerreicht.

Simon Rothöhler

A Canterbury Tale Powell & Pressburger, Großbritannien 1944

Auf Reisen wird man von Vorstellungsbildern begleitet, die sich wenig um korrekte Verortung scheren. Der imaginäre Index ist wichtiger als der geografisch objektivierbare. Wenn ich in England bin und aufs Land fahre, sind die sanften Hügel aus Michael Powells und Emeric Pressburgers A Canterbury Tale (1944) auch dann als Filter vorgeschaltet, wenn ich mich räumlich ganz woanders befinde, etwa in Cambridgeshire oder im Lake District. Der zweite Hauptlieferant des bei jeder englischen Landpartie subjektiv mitlaufenden Bilderhaushalts liegt realiter 200 Meilen westlich von Canterbury, in Netherbury, Dorset. Dort stand Hugh Fearnley-Whittingstalls ursprüngliches River Cottage, berühmt geworden durch die gleichnamige Koch- und Selbstversorger-Fernsehshow des britischen Channel 4. Die darin aufgemachte Autarkiefiktion feiert den unverwüstlichen Kohlrabi und alte Schweinerassen „from nose to tail“, lässt sich aber nie zum rechten Muff antiurbaner Landlust-Klischees hinreißen. River Cottage weiß, dass der Zuschauer weiß, dass die sanften Hügel geschickt gefilmt und Vorstellungsbilder realitätsmächtig sind.

Pegah Ferydoni

Women without Men Shirin Neshat, Deutschland / Österreich / Frankreich 2009

Wenn ich mit meinen Filmen reise, halte ich meinen Beruf für den aufregendsten der Welt. Man arbeitet dann an den ungewöhnlichsten Orten in direktem Kontakt mit Land und Leuten. Ob ich dabei in piefigen Pensionen wie der „Zwiebel“ in Peenemünde zu den Dreharbeiten von Peer Gynt (2006) oder im eleganten Hotel des Baines am Lido wohne, um bei den Filmfestspielen den Silbernen Löwen von Venedig entgegenzunehmen, spielt für mich keine Rolle. Ich sehne mich nach den Morgenstunden auf der Terrasse meiner – wie ich sie nenne – Joseph-Conrad-Hütte an einem dampfenden Mangrovenfluss auf einer Tropeninsel vor der kambodschanischen Küste, wo wir Türkisch für Anfänger (2012) drehten. Seitdem reise ich immer wieder nach Thailand. Wohl am spannendsten waren aber meine drei Monate in Casablanca für Women without Men (2009). Wenige Tage vor der Anreise waren Bombenanschläge in der Nähe meines Apartments verübt worden. Dort gibt es auch einen verlassenen Zoo, in dessen Gehegen Menschen wohnen, die von Affen bewacht werden, die jeden Fremden mit Steinen fortjagen. Morgens kaufte ich in lokale Tracht gehüllt mein Brot in der Altstadt, und abends wusch ich meine Wäsche auf dem Dach und betrachtete lange das Meer. Was für eine goldene Zeit!

Pegah Ferydoni ist Schauspielerin im Fernsehen, Kino und Theater. Im Herbst kommt ihr neuer Film "300 Worte Deutsch" ins Kino. Bis Ende 2012 moderierte sie das Magazin "Kulturpalast" auf ZDF.kultur

Klaus Raab

Pretty Woman Garry Marshall,
USA 1990

In Pretty Woman von 1990 spielt Julia Roberts eine Prostituierte, und Richard Gere spielt einen reichen Geschäftsmann, der in beruflichen Dingen ziemlich, in charakterlicher Hinsicht etwas weniger deformiert als andere Geschäftsleute ist. Sie treffen sich, verlieben sich – hübsches Märchen. Aber ich habe es aus irgendwelchen Gründen jahrelang verpasst. Bis ich 2001 beruflich nach Los Angeles reiste. Los Angeles ist eine Ansammlung großer Straßen, aber falls man es schafft, einmal aus dem Auto auszusteigen, befindet man sich wahrscheinlich an einer Stelle, an der ein Film gedreht wurde. Eine Stadtrundfahrt durch Los Angeles besteht im Grunde darin, von einem Drehort zum nächsten zu fahren. So erfuhr ich, auf welchem Stückchen Rasen Richard Gere seine Schuhe auszog und barfuß herumtapste. In Pretty Woman ist das der Moment, in dem auch dem letzten klar wird, dass er bereit ist, einen Teil seiner Geschäftsmännischkeit für die Frau, in die er verliebt ist, abzulegen. Kein unbedeutender Moment der Filmgeschichte. Die wundersame Begegnung mit fünf Quadratmeter Rasen in der Autostadt Los Angeles verleitete mich dazu, mir Pretty Woman anzuschauen. Die Stadt war mein Reisebüro, und die Reise in die Welt der Träume begann in der Videothek. Ich kann sagen, dass mein Leben seitdem reicher ist: Dank Pretty Woman weiß ich, wie man im Restaurant vorgeht, wenn mehr als eine Gabel neben dem Teller liegt.

06:00 28.08.2013

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