Das Kreisen der Kamera bildet nicht

49. Viennale Das Film-Festival in Wien zeigt Musikdokumentationen von grausiger Ästhetik, die am Ende aber ihren Sinn offenbaren: als Ausgangspunkt für eine Suche

Nach Cannes und Venedig ist Wien ein weiteres Festival, das sich einen subjektiven Zugriff auf die Filmproduktionen des Jahres gestattet und in dem eine Gala-Premiere mit Regisseur und Produzent von David Cronenbergs Sigmund-Freud-Film Eine dunkle Begierde (Freitag vom 1. September) ebenso Platz hat wie jüngste Arbeiten von Jean-Marie Straub. Umso kurioser, dass es Musikdokumentationen wie Hit so hard und Who is Harry Nilsson... (and why is everybody talkin‘ about him?) im Programm führt. Denn ästhetisch sind die Filme ein Graus; sie formatieren Geschichten wie die der Hole-Drummerin Patty Schemel oder des Folk-Singer-Songwriters Harry Nilsson auf eine Weise durch, die sich an schlichtestem Fernsehkonsum orientiert.

Originalmaterial wird montiert mit drögen Zeitzeugeninterviews. Die Dramaturgie orientiert sich an der Chronologie ­eines Wikipedia-Eintrags und mündet, musikalisch orchestriert, in Erlösungsgeschichten, die das befriedete Nachleben (Patty Schemel kümmert sich heute um Hunde und den Nachwuchs) oder die Größe des Nachruhms (Nilsson) der Kaputtheit eines intensiven Rock’n’Roll-Lebens entgegensetzen. Dadurch werden die eigentlichen Geschichten verpasst: Schemel ist schon deshalb eine interessante Figur, weil es in der Geschichte der Popmusik eine überschaubare Zahl an Schlagzeugerinnen gibt.

Aber über die zweifellos interessanten Genderaspekte eines Musikgenres wie Grunge, in dem sich Patty Schemel oder Bandleaderin Courtney Love von den traditionellen Rollenverteilungen des Pop zumindest zeitweise emanzipieren konnten, wird nicht reflektiert.

Auf die Gemachtheit zurückgeworfen

Sinnbild der künstlerischen Insuffizienz solcher biografischen Illustrationen ist die automatisiert wirkende Kamerabewegung über Zeugnisse wie Fotos oder Zeitungsartikel hinweg, die in ihrem wohlkalkulierten Kreisen, Fokussieren und Fahren ermüdet. Immerhin lässt sich dadurch der Reduktionismus eines Independentfilmemachers wie Lewis Klahr besser verstehen, dessen Animationsfilm The Pettifogger die stupide Grammatik der amerikanischen Fernsehdokumentarfilmsprache neu besetzt.

Klahrs Film verdichtet nur mehr Zitate aus amerikanischen Noir-Filmen mit geheimnisvollen Frauen, melancholischen Männern und leuchtenden „city lights“ zu einer elliptischen Erzählung, die am Ende als vornehmlich einzelne, abstrakter werdende Flickr-Bilder montiert werden, die Narration der Reste dementiert. Die Kamerabewegungen bleiben überraschend, und die meisterhafte Tonebene wirft den Film auf seine Gemachtheit zurück: Wo in The Pettifogger Schritte und Türknarren zu hören sind, „sieht“ man die Bilder der kanonischen Filme, zu denen diese Tonspuren ursprünglich als nachinszenierte Geräusche erzeugt worden waren.

Eine andere Variation kollektiver Americana liefert Lee Anne Schmidt, eine Schülerin des Zeitvermessers James Benning (13 Lakes, RR, Twenty Cigarettes), der auf der Viennale ein „Tribute“ gewidmet war. In California Company Town oder The Last Buffalo Hunt bereist Schmidt die postindustrielle Depression und öffnet die leidende Landschaft immer wieder für die Geschichte, die durch sie hindurchgegangen ist. Vor diesem Hintergrund kann man den faden Musikdokumentationen tatsächlich etwas abgewinnen: Es braucht sie als Ausgangspunkt für die Suche nach Verdrängtem.

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12:56 02.11.2011
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Ausgabe 41/2021

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