Das letzte Abenteuer der Digedags

Grenzüberschreitung „Mosaik“ war einer der herausragenden DDR-Comics. Nun soll das Privatarchiv des Künstlers und „Mosaik“-Erfinders Hannes Hegen ins Zeitgeschichtliche Forum kommen

Die Nachricht geht so: Das Privatarchiv von Hannes Hegen, dem Schöpfer des Mosaik und der Digedags, soll an das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig gehen. Darüber informierte kürzlich eine Agenturmeldung. Nach Kenntnis des Freitag soll der Vertrag in Kürze unterzeichnet werden.
Die Geschichte dauert länger: Jeder, zumindest im Osten, kennt das Mosaik und die Digedags, aber keiner kennt Hannes Hegen. Das Mosaik war nicht der einzige Comic in der DDR, aber unter den wenigen, die es gab, der herausragende. Das hatte mit Hegen zu tun, der eine einzigartige Persönlichkeit war in diesem kleinen Land, ein Künstler, ein Kaufmann und vor allem einer, der sich der Öffentlichkeit immer entzogen hat. Anfragen für Interviews lehnt er kategorisch ab. So verfällt man leicht ins Präteritum, wenn von ihm die Rede ist. Hegen lebt, 84-jährig im Osten Berlins, zurückgezogen in einem Haus, das er vor über 60 Jahren bezogen hat mit seiner Frau Edith, die seine engste Mitarbeiterin war und die im letzten Jahr, am 7. Mai gestorben ist; eine Information, die man, da es über Edith Hegenbarth noch viel weniger Informationen gibt als über Johannes Hegenbarth, wie Hannes Hegen mit bürgerlichem Namen heißt, nur den Fanseiten im Internet entnehmen kann.

Der Sammlungsdirektor

Anruf bei Dietmar Preißler in Bonn. Preißler ist Sammlungsdirektor im Haus der Geschichte, zu dem das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig gehört, er entscheidet darüber, wo sich das Haus der Geschichte engagiert. Diese Entscheidung fiel bei Hegen nicht schwer: „Das sind tolle Objekte, die das kulturelle Gedächtnis der Menschen in der DDR geprägt haben. Das Mosaik hat ihr Leben begleitet.“ Auch weil die Digedags sich frei durch Raum und Zeit bewegt haben, in ihren Abenteuern ins All, ins alte Rom, nach Asien, und, die vielleicht bekannteste Serie, nach Amerika gefahren sind. „Mancher hätte gern die Sachen erlebt, die die Digedags erlebt haben.“

Der Interviewer

Treffen mit Hubertus Rufledt. Rufledt, der heute als Autor arbeitet, kam Anfang 1990 zu der Wochenzeitung Das Blatt, einer Neugründung des etwas undurchschaubaren Helfried Schreiter, eines DDR-Autors, der in den achtziger Jahren in den Westen ausgereist war, beim Stern gearbeitet hatte und in der Wende die Zeit für seine großen Träume erblickte. Das Blatt war bald wieder verschwunden. Aber das ist eine andere Geschichte.

In der vierten Ausgabe ist Hubertus Rufledt ein Scoop gelungen, auch wenn das damals keiner so gesagt hätte. Auf der Suche nach Themen erinnerte sich Rufledt an die Digedags aus seiner Kindheit. Wer ist denn dieser Hannes Hegen? Gab es den überhaupt? Oder war das ein Fantasiename, der auf dem Logo stand („Mosaik von Hannes Hegen“)? Machte er tatsächlich alles alleine? Lebte er noch? Rufledt ging zum Verlag, traf Lona Rietschel, die bei den Digedags mitgezeichnet hatte und später die Abrafaxe, sie gab ihm Hegens Nummer: „Vielleicht haben Sie auch kein Glück.“ Rufledt hatte Glück: „Ich kam zu einer Zeit, als er Morgenluft witterte.“

1975 war es zum Bruch gekommen zwischen Hegen, dem Verlag und seinen Mitarbeitern, was zu vielen Spekulationen führte. Es gab technische Neuerungen und vermutlich auch Unzufriedenheit mit dem populären Comic auf Verlagsseite, weil der unabhängig agierende Hegen sich nicht in Dienst nehmen ließ für die Propaganda und unideologische Geschichten über Kaiser, Wissenschaftler und Amerika erzählte. Hegen kündigte seinen Vertrag in der Hoffnung, zu besseren Konditionen weitermachen zu können. Stattdessen aber warb der Verlag seine Mannschaft ab und gab fortan das Mosaik mit den Protagonisten Abrax, Brabax und Califax heraus, deren Ähnlichkeit zu Dig, Dag und Digedag kaum kaschiert wurde. Urheberrechte an seiner Erfindung versuchte Hegen später vergeblich einzuklagen.

„Morgenluft“ meinte 1990 also: dass Hegen hoffte, einen neuen Verlag zu finden, was ihm in der DDR nicht möglich war. Tatsächlich liest sich das Interview wie eine Mischung aus Bewerbungsschreiben und Lebenslauf. Und genau das war es auch: Hegen kam zu Rufledt in die Redaktion, sagte: „Ich schreib Ihnen alles auf und Sie formulieren dann die Fragen“, und brachte beim nächsten Mal eine Selbstdarstellung mit, aus der das Gespräch zum Großteil besteht: „Ich hoffe sehr, daß ein potenter Verlag meine Richtigstellung hier liest und es als mein Angebot annimmt, aus einem Bestand von 223 Mosaik-Ausgaben – die mit Liebe und Humor schön gezeichnet wurden – leicht 25 bis 30 Sammelbände herauszubringen.“
Für Rufledt war Hegen nicht der alte, störrische Mann, als den mancher ihn beschrieben hatte. „Plauderton überhaupt nicht unsympathisch. Er wusste nur genau, was er wollte.“ Rufledt, der als Kind einen Autogrammwunsch ans Mosaik geschickt hatte, bekam nun immerhin diese Bitte erfüllt. Später arbeitete er selbst als Autor für die Abrafaxe.

Die Verlagsfrau

Anruf bei Irene Kahlau. Sie kennt Hegen 35 Jahre, hat ihn nach 1989 noch betreut, als der Tessloff-Verlag den Verlag Junge Welt übernahm und die Digedags nicht nur in Sammelbänden herausbrachte, sondern auch in liebevoll gestalteten Reprintmappen. In Hegens Privatarchiv liegen in Entwürfe, Skizzen, Vorlagen und Zeichnungen. Keine Originalzeichnungen, wie Irene Kahlau betont. Es hat nie welche gegeben – wegen der umständlichen Technik kam der fertige Comic erst bei der finalen Belichtung der verschiedenen Vorlagen (Farben, Schwarzkontur) zustande: im Heft.

Der Kurator

Treffen mit Peter Lang. Lang ist Kurator. 2007 ergab sich die Chance, eine lang gehegte Idee zu verwirklichen gemeinsam mit dem Hallenser Maler Moritz Götze: eine Digedags-Ausstellung. Zur Schau in den Franckeschen Stiftungen hatten sie Hegen eingeladen, er ließ schön grüßen in einem Brief. Die Ausstellung wanderte, in veränderter Form und erstmals mit Originalen ist sie zur Zeit in Schloß Wilhelmsburg in Schmalkalden zu sehen.
2008 gastierte die Präsentation in Leipzig. Und plötzlich meldete sich Hannes Hegen: Er würde sich die Ausstellung gern ansehen. Die Bild-Zeitung schrieb später, er sei inkognito nach Leipzig gefahren. Das ist Unsinn. Lang organisierte einen kleinen Empfang durch den Direktor in Leipzig, man kam ins Gespräch, Hegen erzählte, was er alles zu Hause habe. Also wurde ein Termin in Berlin vereinbart. Lang hatte vermutet, dass das Werk des Künstlers nicht verloren gegangen sein könne, obwohl man von einem Wasserrohrbruch munkelte, der die Bestände vernichtet haben soll. Letztlich ist kaum einer je in Hegens Haus gewesen.

Lang war mittlerweile mehrfach da. Und ist begeistert: „Es ist selten, dass ein Künstlerarchiv in dem Umfang noch existiert.“ In den Regalen stapeln sich, in Papier eingeschlagen, in Ordnern abgelegt, nicht nur Zeichnungen von Hegen, sondern seine Arbeitsmaterialien, Bücher, Rechercheportfolios, sogar ein Schlagwortregister, das sich Hegen von einer Bibliothek gekauft hatte, um in internetlosen Zeiten zu wissen, welche Bücher zu welchen Themen erschienen sind. Das Mosaik war auch deshalb besonders, weil es so viel Gegenwart abbildete, den neuesten Stand der Raumfahrttechnik etwa. „Für mich erinnert das stark an Hergé“, sagt Lang. Ähnlichkeiten mit dem Werk des Schöpfers von Tim und Struppi führt er auf die gleichen Vorlagen zurück, Bücher, Zeitschriften über technische Entwicklungen. Etwas betrübt ist Lang, der Hegen bei der Entscheidung für das Zeitgeschichtliche Forum zugeraten hatte, über den mangelnden Kunstsinn der Historiker. Der Vorlass wird wohl abgeholt und in Kisten verpackt werden, ohne dass vorher dokumentiert würde, wie Hegen sein Privatarchiv geordnet hat.

Entdeckt hat Lang bei seinen Besuchen den Zeichner Hegen. Seine Frau Edith – deren Rolle bei der Erschaffung des Mosaik bislang völlig unterbewertet war, sie entwickelte die Farbfassungen und Kostüme der Figuren (ein Beispiel ist auf dieser Seite zu sehen) – arbeitete als Ausstatterin beim Film, Hegen fuhr mit und zeichnete am Set, und traf die Typen, wie Lang findet, häufig genauer, als der Film sie danach zeigte. Hegen, der zuerst als Karikaturist Geld verdient hatte, war auch Theaterzeichner, es gab mal eine kleine Ausstellung im Berliner Ensemble, Helene Weigel schickte zum Dank Brecht-Ausgaben. In den neunziger Jahren reisten die Hegens öfter nach Venedig, um dort beim Karneval Menschen zu zeichnen. Mittlerweile fragt sich Lang, ob das vielfältige Werk nicht in verschiedenen Spezialarchiven besser aufgehoben wäre.

Noch heute zeichnet Hegen, vor den Augen seiner Besucher. Lang beschreibt eine Szene, in der Hegen ansetzt und fortwährend sagt, dass er gar nicht mehr aufhören wolle. Da noch zeige sich das Besondere an Hegen, der in Wien und später in Leipzig studiert hat, gemeinsam mit Tübke und Mattheuer, „sein Strich“, was nicht nur den tatsächlichen Strich meint, sondern die Abstraktionsleistung, die dahinter steht, wie genau und schnell der Künstler seinen Gegenstand erfasst. Die blassen Farben im Mosaik, auch den technischen Möglichkeiten geschuldet, haben Hegen immer gestört: In seinem Haus hat er nach der Wende große Farbkopien von Szenen und Covern aufgehängt. Dabei könnte man in den Mosaik-Farben ein Vorbild für die matten Pastelltöne in den Bildern von Neo Rauch erkennen oder auch das Flächige und Plakathafte seiner Kunst als Einfluss Hegens lesen. Für Lang, der mit den Digedags noch eine Ausstellung in Brüssel, der Stadt Hergés machen will, gewinnt Hannes Hegen im Vergleich: Die Digedags mögen aus der DDR kommen, aber ihre Qualität erstreckt sich über die Grenzen eines Lebensgefühls.

„Eigentlich ist Hannes Hegen ein Mann des 19. Jahrhunderts. Und ein Europäer“, sagt Peter Lang.

17:15 08.07.2009
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