Matthias Dell
Ausgabe 5115 | 31.12.2015 | 06:00 7

Das letzte Kapitel

DDR Gerhard Kleins visionärer Film „Berlin um die Ecke“ gehörte zu den zwölf 1965 verbotenen DEFA-Produktionen

Der frühe Tod mit nur 50 Jahren hat zweifellos dazu beigetragen, dass mit dem Namen Gerhard Klein heute nur vage Vorstellungen verbunden werden. Die wenigen Bilder, auf die man von ihm stoßen kann, wirken wie Zufallsfunde auf dem Flohmarkt: eine Nachkriegsphysiognomie, ein Gesicht, in dem Alter die Summe von Entbehrungen ergibt. So wie das Bild vom Künstler unscharf ist, so bleibt seine Filmografie unvollendet: Dass Klein durch den abrupten Tod nicht mehr die Chance hatte, von, sagen wir, Roger Melis fotografiert und damit kanonisiert zu werden, erscheint wie eine Entsprechung zum abgebrochenen Werk. Der frühe Tod hat aus dem Verbot von Berlin um die Ecke in Folge des 11. Plenums den vorweggenommenen Endpunkt des Werkes gemacht.

Verspätete Premiere

Klein gehört in seinen Anfangsjahren neben Herbert Ballmann zu den jungen Regisseuren im DEFA-Spielfilmstudio. Prägend wird ab 1952 die Zusammenarbeit mit dem elf Jahre jüngeren Wolfgang Kohlhaase, die zu einer ersten Gruppe von Klein-Filmen führt: Alarm im Zirkus (1953/54), Eine Berliner Romanze (1955/56) und Berlin – Ecke Schönhauser (1956/57), dem Höhepunkt, mit dem ein neorealistisch geschulter Stil ikonisch wird, der die bevölkerte Stadt dem Atelier vorzieht, der Unmittelbarkeit sucht und eine Sprache, die gesprochen wird, statt geschrieben zu sein. Man redet von den „Berlin-Filmen“.

Berlin um die Ecke nimmt 1965 auf das populäre Frühwerk noch einmal Bezug (ein Arbeitstitel lautete Berlin – Kapitel IV) – als Reprise im Wissen um den historischen Abstand. Die Welten, in denen Dieter Manns Protagonist Olaf lebt, sind strikt voneinander geschieden: Entweder schlägt er sich im Betrieb mit der mangelhaften Wirtschaft rum (das ist die Politik, die der Film macht) oder er wirbt um seine Liebste (dann träumt der Film vom Kino) – aber wie er von der zur Arbeit geht, sieht man nie. Berlin um die Ecke gibt sich keine Mühe, seinen Übermut zu kaschieren, der Film kalkuliert mit einem gewissen Essayismus, also der Explikation von politischen Positionen um die Nöte im Betrieb, der dem zur Einfühlung einladenden Spielfilm im Wege steht. „Unser Film hat keine Handlung im üblichen Sinn“, erklärte Gerhard Klein Journalisten bei einem Pressetermin bei den Dreharbeiten. „Wir wollten einen Film machen, dessen Material ein bisschen übersteht, nicht völlig gebändigt wird“, sagte Wolfgang Kohlhaase in einem Interview nach der verspäteten Premiere im Februar 1990 (eine zweistündige Rohschnittfassung war im Dezember 1987 in einer einzigen Veranstaltung im Ostberliner Filmtheater Camera gezeigt worden).

Berlin um die Ecke befand sich zum Zeitpunkt des Produktionsabbruchs zwischen Roh- und Feinschnitt (Montage wie in Berlin – Ecke Schönhauser, Der Fall Gleiwitz und Leichensache Zernik: Evelyn Carow). Die Geschichte ist post-Mauerbau; was in den frühen Berlin-Filmen von Klein und Kohlhaase angelegt war, ist manifest geworden: die Teilung der Stadt. Regisseur und Autor sind mittlerweile Mitte 40 beziehungsweise Mitte 30, was die einstige Verbindung zu den „Halbstarken“ biografisch loser werden lässt. In die Protagonisten Olaf (trägt im Betrieb einen Cowboy-Hut noch vor Manfred Krugs Balla) und Horst (Kaspar Eichel) ist diese Distanz eingewandert: Sie sind junge Erwachsene, gehören zur werktätigen Bevölkerung (Olaf ist gar Leiter einer Jugendbrigade im Metallhüttenwerk). Berlin – Ecke Schönhauser fragte nach dem Platz, den die Jugendlichen in der autoritären Gesellschaft finden können. Berlin um die Ecke vermisst diesen Platz nur noch – der geringe Lohn, den die Brigade beklagt, steht (symbolisch) für die Tarifverhandlungen von Unzufriedenen.

Wie überhaupt Kleins Film in vielen Momenten Aufgaben in der medialen Öffentlichkeit übernimmt, die eine debattierfreudige Zeitungslandschaft hätte erledigen können. Nachdem Olaf, Horst und die anderen zuerst ihre Lohnzettel fälschen (weil sie es können), treten sie anschließend den Beweis der Ineffizienz der DDR-Wirtschaft an: Sie übererfüllen die Norm und machen dadurch die Engpässe in der Reparaturabteilung und bei Zulieferern sichtbar.

Die verschiedenen Redebeiträge auf der folgenden Konferenz der Betriebsgewerkschaftsleitung zeigt Kleins Film fast im Stil einer journalistischen Reportage. Die Auszeichnung für Olaf und die anderen, die Zurückweisung von Olaf („mal ’ne Woche ohne Kunstpausen geschrubbt, damit zu sehen ist, was hier stimmt und was nicht stimmt“), schließlich die für das DDR-Selbstverständnis nicht nebensächliche Frage, ob jemand ausgezeichnet werden kann für eine Höchstleistung, die er nur aus Kalkül, zur Sichtbarmachung eines systemischen Schlendrians, erbracht hat. Hier erweist sich der antifaschistische Altfunktionär und Betriebszeitungsredakteur Hütte (Hans Hardt-Hardtloff) als unnachgiebig, wenn er mit hochgepitchter Stimme insistiert, dass es nicht egal sein könne, ob jemand aus dem richtigen Bewusstsein die Norm erfüllt oder aus dessen Gegenteil.

Eine lange Pause

Die Konfliktlinien in Berlin um die Ecke verlaufen zwischen den Generationen, also Olaf und Horst versus Hütte, den Meister (Harald Warmbrunn) und Paul Krautmann (Erwin Geschonneck), wobei der Film es darauf anlegt, genau an dieser Stelle zu vermitteln. Die Aussöhnung zwischen Hütte und Olaf fällt zurückhaltender aus, sie vollzieht sich als Friedensschluss nach einer körperlichen Auseinandersetzung (Olaf schlägt Hütte im Eingang zu dessen Mietshaus) und erzählt sich über die kargen Lebensumstände des doch machtvoll erscheinenden Propagandisten; Olafs Frage nach der Frau wird nicht beantwortet. Nach dieser mitfühlenden Öffnung ins Privatleben bleibt als Adressat der in Berlin um die Ecke offenherzig geäußerten Kritik nur mehr ein diffuses Oben übrig, das für die großen Fragen wie die des Wirtschaftssystems zuständig ist. Kurt Böwes eher großerbruderhafter ABV fällt als Repräsentant der autoritären Ordnung ebenfalls aus.

Der entscheidende Satz des Films geht derweil ins Leere. Hütte fragt den Parteisekretär (Achim Schmidtchen): „Denkst du nie, dass das alles noch mal verloren gehen könnte?“ Es folgt eine lange Pause, in der sich der Parteisekretär eine Zigarette ansteckt, um zu sagen, was die Pause gerade dementiert hat: „Das denke ich nie.“ Diese Perspektive ist in Kleins Film das schlagendste Argument: Sie erinnert daran, dass die DDR die Unzufriedenheit ihrer Bürger und die Mängel im System hätte ernst nehmen müssen, um ihre historische Chance nicht zu verspielen. In diesem Sinne war Berlin um die Ecke visionär.

Info

Gekürzter Vorabdruck aus dem Band: Verbotene Utopie. Die SED, die DEFA und das 11. Plenum Andreas Kötzing/Ralf Schenk (Hg.) Bertz+Fischer, 544 S., 29 €, zu dem u. a. auch Ekkehard Knörer und Lukas Foerster beigetragen haben

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 51/15.

Kommentare (7)

philipp9x 02.01.2016 | 07:47

" dass die DDR die Unzufriedenheit ihrer Bürger und die Mängel im System hätte ernst nehmen MÜSSEN "? | hätte ernst nehmen KÖNNEN? | hätte ernst nehmen SOLLEN?

Im Sommer 1989 wohnte ich in Budapest - Ungarn hatte die Grenzen für Wessis weit geöffnet - auf jenem, später berühmt gewordenen Campingplatz zusammen mit vielen Dutzend DDR-Bürgern: abwartende "Ausreisewillige" waren zusammen mit vielen reisefreudigen Systemtreuen sowie einigen mehr oder weniger offen auftretenden Agitatoren im Staats- und Parteiauftrag versammelt.

Über was redeten die noch Systemtreuen im Café des Campingplatzes - ab 21 Uhr, bis mindestens 3 Uhr nachts, ohne dass jemals ein Ende absehbar gewesen wäre: Welcher Baumarktartikel wo in der DDR auf welchem Weg und zu welchem Preis erhältlich sei... Eine Produkt oder eine Ware (dem Marx so wichtigen Unterschied zwischen Produkt/Gebrauchswert und Ware/Fetisch gab es im realen Sozialismus so nicht!) nach der anderen wurde mit zunehmenden Alkoholpegel durchgegangen. Was für ein marodierendes Spießertum!

Indessen hielten sich aus dieser Diskussion sowohl die Ausreisewilligen (die vermieden Diskussionen und mussten ihr weniges Geld zusammenhalten) als auch die offen auftretenden Agitationsagenten völlig heraus. Später erlebte ich solche Diskussion noch in vielen Varianten. Keineswegs überall war das Bewußtsein so derart "konsumistisch". Stärker noch in der Sowjetunion (in die Wessis bald ebenfalls als Touristen reisen durften) als in der DDR erlebte ich die Diskussion um die Mangelwirtschaft:

Der reale Sozialismus war Mangelwirtschaft, der Kapitalismus war und ist Überflußwirtschaft (Überproduktionskrise nach Elmar Altvater) - beide mit klaren Vor- und Nachteilen ...

Als Gerhard Kleins Filme entstanden, waren die Unterschiede zwischen Ost und West noch nicht so groß. Im Westen gab es das Wirtschaftswunder (Marshallplan) genau deshalb, um viele Mängel des "kleinen Glücks", die mit Baumarkt- und ähnlichem Konsum zu befriedigen waren, im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft zu beheben. Aber auch im Westen dauerte das, bis sich dann der Übermut 1968 und 1972 (Willy Brandts Wahlkampfmotto "Mein Herz schlägt links") zu einer umfassenden Lebensfreude auswuchs.

So einfach "die Unzufriedenheit und Mängel hätte ernst nehmen müssen" ging also in der DDR nicht! Wir Nachgeborenen müssen in die Geschichte des Realsozialismus (sie währte immerhin 40 Jahre, länger als viele andere Staaten und Regierungen!) tiefer eintauchen, wenn wir Geschichte verstehen wollen.

Weiterführend scheint mir der Gedanke, den auch Gregor Gysi gelegentlich äußert (hier im Gespräch mit Christian Ströbele, kürzlich): Die PDS sei im Januar 1990 vor der Wahl gestanden, ob sie die mittlere SED-Funktionärsebene einbinden oder raushalten solle:

"Entweder wir vertreten deren Interessen mit – dann kriegen wir allerdings auch deren Kultur, und das ist eine kleinbürgerliche – oder wir wollen mit denen nichts zu tun haben und werden eine moderne linke Partei. ... Hätte es uns nicht gegeben, wäre womöglich eine Katastrophe passiert." https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-mensch-neigt-zum-bequemen-weg

Magda 02.01.2016 | 10:20

Ach, es sind mal wieder alle Schauspieler dabei, die man aus den DEFA-Filmen kennt. Und immer der Hardt-Hardtloff als alter Genosse.

Wie überhaupt Kleins Film in vielen Momenten Aufgaben in der medialen Öffentlichkeit übernimmt, die eine debattierfreudige Zeitungslandschaft hätte erledigen können.

Nee, sie wollten das auch nicht wirklich, sonst hätten sie den Film ja nicht auch noch verboten.

Magda 02.01.2016 | 10:23

Über was redeten die noch Systemtreuen im Café des Campingplatzes - ab 21 Uhr, bis mindestens 3 Uhr nachts, ohne dass jemals ein Ende absehbar gewesen wäre: Welcher Baumarktartikel wo in der DDR auf welchem Weg und zu welchem Preis erhältlich sei... Eine Produkt oder eine Ware (dem Marx so wichtigen Unterschied zwischen Produkt/Gebrauchswert und Ware/Fetisch gab es im realen Sozialismus so nicht!) nach der anderen wurde mit zunehmenden Alkoholpegel durchgegangen. Was für ein marodierendes Spießertum!

Tja, das gabs im Westen nicht, was? Es wurde sich so viel darüber unterhalten, weil es vieles nicht gab. In einer Gesellschaft, in der es fast alles gibt, sucht sich das Spießertum halt andere Themen und tut so, als sei es individualistisch-nonkonformistisch. Auch sehr komisch zu betrachten.

atabalo 02.01.2016 | 12:04

" Im Westen gab es das Wirtschaftswunder (Marshallplan) genau deshalb, um viele Mängel des "kleinen Glücks", die mit Baumarkt- und ähnlichem Konsum zu befriedigen waren, im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft zu beheben. "

Wenn das so einfach gewesen wäre, könnte man das heute ja auch so machen: etwa einen Hartz-Plan.

In Erhards "Wohlstandd für alle" kann man nachlesen, welcche Prinzipien damals noch verfolgt wurden, und man sieht, daß seit 89 überall das Gegenteil gemacht wird.