Das muss gehen

Tatort Zum dritten Mal Saarbrücken mit Devid Striesow als Jens Stellbrink. Der bleibt in der Folge "Adams Alptraum" weiterhin ein Rätsel – anders als der zu Tode erklärte Fall

Eigentlich ist dieser Dreschmob, der zu Beginn und gegen Ende von Adams Alptraum seinen Auftritt hat, eine treffende Analogisierung aller kulturpessimistischen Internetfantasien: eine homogene Horde vermummter junger Männer, die durch einen beliebigen Forenverdacht sich jederzeit zusammentrommeln lässt, um einen auch nur irgendwie Verdächtigten zusammenzuschlagen bis zum Tod. Eine autonome Schlägertruppe, die nicht gegen den Scheißstaat, Entfremdung oder wenigstens für bezahlbare Mieten zu Felde zieht, sondern die Verkloppung von jedem betreibt, dem jemand Päderastie unterstellt und eine Uhrzeit und einen Ort anheftet.

Das Spannendste an dem dritten Saarbrücker Tatort mit Stellbrinken (Devid Striesow) wären die Fragen, wie sich eine solche Gang motiviert, wer ihr zugehört. Aber diese Einzelinteressen treten hier nur vermummt auf, weil sonst die Behauptung vom Gefahrengebiet Internet nicht aufrechterhalten werden könnte. Als Beispiel kann easy Emden aus dem Frühjahr 2012 herangezogen werden, wobei die Saarbrücker Erzählung mit ihrer grobschlächtigen Internetfetischisierung unterschlägt, dass der upcoming Mob dort etwa durch Boulevardmedien auf Betriebstemperatur gebracht wurde.

Womöglich war Emden sogar Vorbild für Adams Alptraum, was die Sache noch einmal langweiliger machte. Die scheinbare Originalität des Falles fürs Fernsehen ist gut zu erkennen: Ausgerechnet der schlimmste aller Verdachte, Päderastie, trifft auf den zusammengeschlagenen City-Darling Haasberger (Markus Hoffmann), aber entgegen der Konvention entpuppt sich der Saubermann – als Saubermann. Und die Tat als Missverständnis zweier angry Kids, die sich hinter falschen Nicks in diesen endkrassen Foren gegenseitig trappen, wie man als intentionale Form des Trollens/Trollfeedens vielleicht sagen könnte.

Wikipedia copypasten

Auf letzteren Gedanken selbst zu kommen und ihn, bei aller Internetverdammnis, als halbwegs eleganten Move zu würdigen, bleibt der Zuschauerin leider nicht vergönnt: Um der Gefahr vorzubeugen, dass das Lernziel der heutigen Staatsbürgerkundelektion nicht begriffen werden könnte, wird es am Ende vom sympathischen Team einfach noch mal ausgesprochen. Was zu der Folge (SR-Redaktion: Christian Bauer) passt, durch die hindurch man auf das Gerippe ihres Gemachtseins schaut – also nicht auf das Drehbuch (Lars Montag, Dirk Kämper), sondern auf das Drehbuchlektorat, wie man es sich im Redakteursfernsehen unserer Tage vorstellen muss.

Wenn so ein Drehbuch etwa "Flashmob" sagt, wird sich schon jemand finden in der Besprechung, der an die gestellsfernen Zuschauermassen erinnert, die nicht wissen, was das ist und auch nicht bereit sind, aus den Bildern, die das zeigen, etwas zu begreifen. Also wird in der finalen Fassung dann aus dem Wikipedia-Eintrag gecopypastet ("Eine Ausprägungsform der virtuellen Gesellschaft, die neue Medien wie Mobiltelefone und Internet benutzt, um kollektive Aktionen zu organisieren"). Ebenso verhält es sich mit den Fragen an Verdächtigenarithmetik und Zuschauerinformation. Man sagt es lieber laut und deutlich ("Wir haben keinen einzigen Anhaltspunkt") beziehungsweise schreibt die Bitte um Erklärung gleich als Zweifel in den Dialog ("Der Bruder, was ist eigentlich mit dem älteren Bruder?").

So sieht man putzigen Figuren bei einer Art Hörspiel mit Bildern zu, denn ermittelt wird im praktischen Sinne nichts; es gibt lediglich Reflektionsschübe, wenn's gerade nicht fleckt mit der Investigation – ganz so als ginge Stellbrink den Fall durch, wie wir ihn vor der Glotze im besten Falle mitrieteten. Und das ist dann der größte Witz an dieser Lektoratsverfilmung: Es wird unglaublich viel Wert auf das Erklären und Konfliktgetue gelegt. Gleichzeitig ist man sich aber nicht zu blöd, über die entscheidenden Momenten mit der Vorstellungskraft des Kindergartens hinwegzugehen. Vor dem Tor hilft nur der liebe Gott.

Copy that

Diese ganze Verstell-mich-Nummer mit Stellbrink ist von vorne bis hinten Quatsch, hat es als Höhepunkt aber dennoch in den Film geschafft. Vorne: Stellbrink schlägt's vor gegen den Willen seiner Kollegin Lisa "Mehr als" Marx (Elisabeth Brück), um in der nächsten Szene von ihr und Hate-Horsti (Hartmut Volle) bequatscht zu werden, es zu tun. Die Skeptiker müssen den Befürworter von seiner Idee überzeugen – wie heißt diese Figur in der antiken Rhetorik? Hinten: Wie kann man nach einer Minute den Einsatz abbrechen und nach Hause fahren, ohne das im Forum gepostet und damit den Verkloppern Bescheid gesagt zu haben?

Das Missverhältnis zwischen Stellbrinks Einsatz und der Routine, mit der das durchgerotzt wird im Film, spricht für ein ziemliches Desinteresse an der Figur, eine Art dramaturgische Verrohung. Vermutlich ist der Tatort (Regie: Hannu Salonen, Kamera: Wolf Siegelmann) noch froh, dass er so noch schicke Zeitlupenbilder von Traum, Trance und Sadness performen kann, die dem ganzen noch mal eine "andere Temperatur" verschaffen, oder wie man das auf der Besprechung dann begründet.

Die Figuren stressen sich dauernd gegenseitig, das ist die zweite Ebene, nicht die des Falls, sondern die der Ermittler. Dieses unoriginelle Angehasse firmiert auf der Besprechung vermutlich als Konflikt. Zudem wird versucht, mit lockeren "Sprüchen" ein inspiriertes Arbeitsklima zu vermitteln, leider rutschen die Metaphern munter durcheinander: "Na, seht ihr was?" – "Du bist nicht zu übersehen." – "Drückt mir die Daumen!" – "Copy. Daumen hoch". "Copy" sagen sie in diesen rummsigen amerikanischen Serien immer am Funkgerät; dann machen wir hier das auch mal, um unsere Professionalität zu beweisen.

Ein Rätsel in Saarbrücken ist Stellbrinkens Entwurf weiterhin, auch weil Striesow eigentlich ein guter Schauspieler ist. Sein Kommissar ist ein Tor, ein Cleverle, das dauernd zurückgepfiffen werden muss wegen seines Nonkonformisms, diesem Zurückpfeifen wiederum eine Nase dreht. Warum aber ist der nur so unkonventionell beziehungsweise muss es sein? Die Staatssekretärin hätte er auch ohne seinen tollen Trick wegen ihres Sohnes sprechen können. Das als Hinweis für die nächste Besprechung.

Ein Satz, den ich gern einmal sagen würde: " Dieses Forum ist mir noch nicht untergekommen"

Ein Mann, der jetzt gebraucht wird: "Das ist ein Hacker, einer der besten die es gibt"

Ein Verdächtigenprofil, das Geschichte hat: "Der hat 'ne Kapuze und tippt irgendwas in sein Handy"

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21:45 26.01.2014
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