Das vermaledeite N-Wort

Kolonialismus Leider ratlos hinterlässt einen die „Kritik der schwarzen Vernunft“ des kamerunischen Politikwissenschaftlers Achille Mbembe
Matthias Dell | Ausgabe 45/2014 26

Die Einleitung zu seiner Kritik der schwarzen Vernunft beginnt Achille Mbembe wie folgt: „Dieses Buch hätte ich gerne in der Art eines Stroms mit zahlreichen Zuflüssen geschrieben.“ Wenn man den Band gelesen hat, erscheint einem der Konjunktiv fehl am Platz, fast ein wenig kokett, denn die Lektüre wird von ziemlich heftigen Wellenbewegungen begleitet, der Leser umtost und wie bei hohem Seegang hin und her geworfen, ohne zu wissen, wo oben und unten ist.

Oder, um es deutlicher zu sagen: Das Buch hat mich ratlos hinterlassen.

Und damit meine ich nicht die Irritationen, die sich ergeben, wenn einem aus dem reflektorischen Alltagsgeschäft aktueller Finanzkrisenerklärungen und neuester Globalkonfliktbestimmungen der Auslauf in historische Zusammenhänge eröffnet wird. Wenn der transatlantische Sklavenhandel vergangener Jahrhunderte konsequent als Einübung in ein totalitär-ökonomisches Projekt gedacht wird, das zumeist Neoliberalismus heißt, und wenn die notwendige Verdinglichung und Handhabbarmachung der einen Menschen als zwangsläufige Nachtseite der Aufklärung der anderen beschrieben ist. „Die ‚Moderne‘ ist in Wirklichkeit nur der andere Name für das europäische Projekt grenzenloser Expansion, das in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts auf den Weg gebracht wurde“, folgert Mbembe.

Vom Flüchten und Fangen

Und ich meine auch nicht die Schwierigkeiten, rasanten Lektüren etwa durch Amos Tutuolas Romane Der Palmweintrinker und Mein Leben im Busch der Geister zu folgen. Schwierigkeiten also, die sich aus einer deutschen Perspektive ergeben, aus der das Werk eines nigerianischen Schriftstellers aus der Mitte des 20. Jahrhunderts trotz teilweiser Übersetzung nicht zu den Texten zählt, die geläufig sind. Mbembe, Politikwissenschaftler an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg, verdichtet seine Lesarten zu schönen Sätzen („Die Arbeit für das Leben besteht also darin, den Tod einzufangen und gegen etwas anderes einzutauschen“), denen er dann nachspürt in den metaphorischen Bewegungen vom Flüchten und Fangen.

Meine Ratlosigkeit betrifft einen zentralen Begriff des Buchs und des Diskurses, in den es gehört, einen Begriff, auf den die Kritik der schwarzen Vernunft eben in Wellenbewegungen immer wieder zurückkommt, wo sie nicht sowieso durchgehend um ihn organisiert ist: den des „Negers“ (und, damit assoziiert, den der „Rasse“). Denn natürlich ist das kein Übersetzungsfehler (aus dem französischen Original von Michael Bischoff; dort heißt es „nègre“ und „race“), denn natürlich benutzt ein Theoretiker des Postkolonialismus das Wort absichtsvoll. Für Mbembe bringt der Begriff eine Enthumanisierung zum Ausdruck; er bezeichnet den Menschen (nicht notwendigerweise einen „schwarzen“ Menschen), der zum Werkzeug oder zur Ware (zum „Erz“, wie es einmal heißt) geworden und als solche kapitalistischem Kalkül unterworfen ist.

Nun hege ich einige Zweifel, dass diese Intention einer breiteren deutschen Wahrnehmung vermittelbar sein könnte, dass ein solch technologischer Gebrauch des Wortes überhaupt und durchgehend verstanden werden könnte von großen Teilen des Feuilletons und des akademischen Betriebs. Das ist Mbembe, der an der Sorbonne studiert und in den USA geforscht hat, auf eine Weise bewusst, wie er in der Einleitung schreibt: „Die europäische Dämmerung kündigt sich zu einer Zeit an, da die europäisch-amerikanische Welt immer noch nicht weiß, was sie vom Neger wissen (oder aus ihm machen) wollte. In vielen Ländern grassiert seither ein ‚Rassismus ohne Rassen‘. Um weiterhin Diskriminierung betreiben zu können und zugleich begrifflich undenkbar zu machen, mobilisiert man statt der ‚Biologie‘ nun ‚Kultur‘.“

Gerade deswegen schiene mir ein differenzierter Umgang mit den Wörtern aber hilfreich, um eine Rezeption fruchtbar zu machen. Es mag besserwisserisch und paternalistisch klingen, aber der Stand des deutschen Rassismusdiskurses, der selbstzufrieden zwischen den beiden Standorten Ignoranz und Ahnungslosigkeit pendelt, raubt mir den Glauben, dass mit Mbembes Argumentationspolitik hierzulande mehr als ein wohlmeinendes Beiseitelegen der Kritik der schwarzen Vernunft erreicht werden kann.

Es ließe sich vermutlich eine sehr dicke Faszinationsgeschichte davon schreiben, wie ausgerechnet in einem sich von Kolonialismus unbeleckt dünkenden Land („zu spät gekommene Nation“) im öffentlichen Reden und Denken das N-Wort benutzt wird wie ein Tourettesyndrom, um die Abwertung, die damit verbunden ist, nicht vergehen zu lassen. Das Problembewusstsein für Identitätspolitiken steckt hierzulande in der Streichholzschachtel, auf der „politische Korrektheit/Inkorrektheit“ steht. Das macht es so leicht, die Empathie zu verweigern, die es für einen reflektierten Umgang mit den eigenen, überlieferten Rassismen bräuchte, und stattdessen jede Kritik an der eigenen Sprecherposition oder problematischen Sprechakten als Flause von Grünen oder anderen „Gutmenschen“ abzutun, die sonst nicht wüssten, wogegen sie sein sollten.

Unerbittlich zum Schluss

So gesehen besteht durchaus die Gefahr, dass Mbembes Buch in künftigen Auseinandersetzungen darauf reduziert wird, als falsch zitierter Beleg dafür herzuhalten, dass das N-Wort munter weiter Menschen bezeichnen könnte, die nicht aussehen wie man selbst („Der macht das doch auch“). Es ist im Land der Dichter und Denker offenbar schwer zu verstehen, dass historische Emanzipationsbewegungen wie die „Négritude“ von Léopold Sédar Senghor und Aimé Césaire (die Mbembe ebenso wie Frantz Fanons Klassiker Schwarze Haut, weiße Masken von 1952 als wichtigen Bezugspunkt immer wieder und mitunter kritisch diskutiert) nicht dazu da sind, weiße Ressentiments zu legitimieren.

„Fanon heute erneut lesen, heißt vor allem, sein Projekt genau zu verstehen, um es besser fortsetzen zu können. Denn wenn sein Denken wie ein Angelusläuten ertönt und seine Zeit mit seinem ehernen Klang erbeben lässt, so weil es dem Kolonialismus als manifeste Antwort auf dessen eherne Gesetze eine ähnliche Unerbittlichkeit und Wirkungskraft entgegensetzen musste“, schreibt Mbembe am Schluss. Um die Unerbittlichkeit und Wirkungskraft seiner philosophisch-historischen Untersuchung ist es zu diesem Zeitpunkt leider schon geschehen.

Kritik der schwarzen Vernunft Achille Mbembe Suhrkamp 2014, 332 S., 28 €; Kindle-Edition 23,99 €

06:00 12.11.2014
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