Matthias Dell (Redaktion)
Ausgabe 3813 | 23.09.2013 | 12:36 2

Der alte Schwung

Lieblingsfilme „Zur Sache, Schätzchen“ ist gerade auf DVD erschienen – anders als die vier Sequels des Filmerfolgs, die May Spils und Werner Enke noch gedreht haben. Fünf Erinnerungen

Rainer Knepperges

Zur Sache, Schätzchen 1968

Die Regisseurin May Spils und der Schauspieler Werner Enke hatten im Jahr 1966 ihrrn ersten gemeinsamen Kurzfilm gedreht. Manöver hatte schwankende Rituale zwischen Schlaf- und Badezimmer gezeigt, morgendliches Aufwachen und hübsche Spiele zu zweit, schönste Ausgelassenheit. Die Badewanne war ja einer der Lieblingsschauplätze im Kino der Neuen Welle, egal ob in Paris oder München. Dieser Film war unter allen Neuen Deutschen Filmen der einzige über ein glückliches Paar, von einem glücklichen Paar dargestellt und realisiert. Das sollte man wissen, wenn man sich Zur Sache, Schätzchen ansieht.

Die spektakulär erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen einer Frau und einem Mann, die Spils und Enke vorgemacht haben, müsste Ansporn zur Nachahmung sein. Zumal in dieser raren Konstellation von Regisseurin und Schauspieler. Warum stattdessen das Modell des genialischen Juniorpatriarchen zu allen Zeiten bevorzugt wurde, ist klar: Die Pose der Einsamkeit ist leicht einzunehmen, wahres Glück hingegen lässt sich schwer imitieren.

Es gibt ein Foto, das zeigt, wie Spils die berühmte Freibadszene inszeniert und neben der Kamera ins Drehbuch schaut mit Sonnenbrille und im Bikini – dieses Foto nimmt in meinem Kopf die Stelle des eigentlichen Filmplakats ein, das mit Uschi Glas im Korsett für den Kassenerfolg sorgte. Der war so gewaltig, dass Spils und Enke für immer aus der Buchhaltung des ernsthaften Autorenfilms flogen. Noch schöner, weil versponnener, gar komischer gelang dem Paar der Folgefilm Nicht fummeln, Liebling. May Spils sagt heute im Gespräch, dass Werner Enke in ihren Augen immer noch der gleiche sei wie vor 40 Jahren.

Rainer Knepperges ist Filmemacher in Köln. Zur Sache, Schätzchen wurde gerade bei Ascot Elite veröffentlicht (DVD/Bluray), inklusive der Kurzfilme Das Portrait und Manöver 

 Michael Baute

Nicht fummeln, Liebling 1970

Der Film hat zwei Plots. Der eine erzählt die unbeholfene Romanze Enkes mit dem von Gila von Weitershausen dargestellten Mädchen aus bürgerlichem Haus, die ihn ab Mitte des Films beim Herumstreunen begleitet: Er versucht, sie zu verblüffen, sie ihn zu verführen; sie ist von seinem post-existenzialistischen Slackertum bezaubert, er von ihrer erotischen Zielstrebigkeit verschüchtert. Der zweite Plot geht auf die Frankfurter Kaufhausbrandstiftung vom April 1968 zurück, die ein halbes Jahr zuvor bereits von Klaus Lemke, einem weiteren Mitspieler der Münchner Gruppe, in Brandstifter fiktionalisiert wurde. In Spils’ Film ist die außerparlamentarische Opposition durch eine heterogene Gruppe repräsentiert (der letzte Woche verstorbene Otto Sander als Agitator), von deren Anschlagsplänen sich Enke teilnahmslos vereinnahmen lässt (und die aus komikimmanenten Gründen scheitern).

Spils (und Enke, als Hauptdarsteller und Drehbuchautor) spielt anders als Lemke mit nicht zeitgemäßen Erzählbewegungen, mit Identifikation und klassischer Komik. Der Film startet als Nichtstuer-Komödie und endet in einer verschrobenen Idylle. Dazwischen wird angenehm ziellos durch München und Umgebung flaniert. Als Charge bringt Enke die Filmwelt in den Studios der Bavaria durcheinander (wo auf Schamoni und Fassbinder angespielt wird), als vermeintlicher Sportler die Münchner High Society.

Um sie geschmeidiger zu machen und für Einfälle zugänglich, infiziert Enke seine Umwelt mit Quatsch. Als Körperkomiker stibitzt er, imitiert den Gang von Tatis Monsieur Hulot, wird zu einer von Nouvelle-Vague-Reflexen durchwirkten Belmondo-Figur und tänzelt mit enthusiastischem Slapstick durch die Gefängnisausbruchs-Sequenz. Quatsch entsteht zudem durch Enkes Sprachimpulse. Er beharrt auf zeitlosen Phrasen („der alte Schwung ist hin“, „ausgebufft und abgelascht“), die er mit störrisch unbeteiligter Sprachmelodie intoniert. Alles wirkt freudig aus dem Moment improvisiert, was den bleibenden Charme des Films ausmacht, seine amateurhafte Offenheit.

Michael Baute ist Autor und Medienarbeiter. Nicht fummeln, Liebling ist bei Mitschnittdiensten auffindbar

Ponkie

Hau drauf, Kleiner 1974

Werner Enke und May Spils, der dösende Bastel-Chaot und seine wache Antreiberin, haben ein Monopol im deutschen Lustspielfilm: Außer ihnen gibt es nämlich weit und breit nichts. Aber nicht nur deshalb ist auch ihr dritter Film wieder ein Treffer (...). Es zeigt sich, dass diese Art von individuellem Skurrilfilm eine Gattung für sich ist: Enkes komische Wortschrubbelbürste, variabel je nach fortgeschrittenem Lebensalter. Enkes Panik ist die schreckliche Zeit, die ihn im Sauseschritt ereilt: Schon wähnt er sich als Tattergreis und Frührentner ohne Rente, umstellt von lauter bösen Bunken.

Wenn man dann noch den Horror dazurechnet, dass ja jeder seine Erwartungen an Enke, den Berufsspinner, stellt, dass er also immer von neuem beweisen muss, dass er noch in alter Qualität zu spinnen imstande ist, dann hat er schon ein Hundeleben so von Film zu Film. Doch noch hat ihn der Leistungsdruck nicht erschlagen. Als Querdenker und arbeitsscheuer Heimgarten-Diogenes, als Bundeswehrschwänzer und vor bösen Bunken flüchtender Flatterbold pflügt er sich durch seinen „philosophischen Kack“, nährt sich „abgelumpt und ausgelabbert“ von Schnorrertricks und Haarwuchsreklame. Wie gut er sein kann, zeigt vor allem eine TV-Szene, in der er als Reporter einen Friseur interviewt: Im Haarspalter-Nonsens ist er unschlagbar. Der Film wirkt wie ein Gagskizzenbuch: Grübelklamotte mit Sprach-Kack. Mascha Gonska und Henry van Lyck rahmen den Linksfüßler Enke angemessen ein. Hübsch draufgehauen, Kleiner!

Ponkie, Jahrgang 1926, ist die legendäre, immer noch aktive Kritikerin der Münchner Abendzeitung. Weil Hau drauf, Kleiner nicht zugänglich war, drucken wir leicht gekürzt ihre Originalkritik aus der AZ vom 9. Februar 1974. Mit Dank an die Autorin und die AZ

 Jens Friebe

Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt 1979

Werner Enke ist als bankrotter Flohzirkusdirektor Charly wieder Reinkarnation seiner Urfigur, lakonische Ikone aller Ambitionslosen. Allerdings findet er diesmal seinen Meister im durchgeknallten, reichen Schrotthändler Schwarzenbeck (Benno Hoffmann), der mit paramilitärischen Mitteln gegen das ausbeuterische Finanzamt kämpft. Charly rettet dem Bonzen das Leben und wird von diesem daraufhin frenetisch protegiert und zum „Generalbevollmächtigten“ aufgebaut, was er sich aus Interessenüberschneidung (auch er ist Opfer der Steuerfahndung), Langeweile und Sympathie für den Irrsinn des zum Terroristen gesteigerten Querulanten gefallen lässt. Dritte im Bunde ist die weibliche Hauptrolle, Charlotte. Sie vertritt als Baumschützerin und Speiseforellenbefreierin den Ende der Siebziger aufkeimenden Umweltboom und nervt auch sonst. Die Bande bricht ins Finanzamt ein und programmiert den Zentralcomputer auf Steuervergünstigung um.

Der Stil von May Spils hat sich von Godard in Richtung solider Klamotte entfernt, erinnert als solche teils an die Filme mit Bud Spencer und Terence Hill (Nicht schießen, ich bin Bluter), weist aber in seinen anarchischeren Momenten auch schon auf Helge Schneider voraus. Die Fabel um den erzromantischen Zusammenschluss von Kapital, verlumptem Sponti-Proletariat und Ökologie ist eine schlüssige und heitere Umsetzung des Satzes von Peter Hacks: „Die Herstellung eines gemeinsamen Bodens zwischen befeindeten Abweichungen senkt die Denkebene jeder Abweichung und vervielfacht die Dummheit.“ Insgesamt perfekt für einen tranigen Sonntag. Oder Montag, denn „Montag ist ja immer noch so’n sonntägliches Nachlappen“.

Jens Friebe ist Musiker und Autor. Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt gibt es bei Mitschnittdiensten

Jenni Zylka

Mit mir nicht, du Knallknopp 1983

Wie lange kann man Heiopei bleiben? Geht das noch mit Ü40? Zum Glück geht das, und wie: Werner Enke und May Spils haben 1983, da waren der Vater aller Slacker und seine Freundin beide 42 Jahre alt, ihren letzten Film gemacht in der Schwabinger Bohème-Reihe um den charmanten Sprücheklopfer, der hier Charly heißt, und eine Dame, die sich von ihm beeindruckt zeigt. In diesem Fall Beatrice Richter, die mit Silberblick und Pagenkopf eine DDR-Spionin spielt. Zusammen laufen sie vor Stasi-Spitzeln davon und verhindern den Verkauf von Westwaffengeheimnissen an den Osten. Oder so ähnlich, es ist nämlich piepegal, ob im damals nach drei erfolglosen Tagen aus den Kinos zurückgezogenen Film eine dramaturgisch ausgefuchste Geschichte erzählt wird oder nicht. Man guckt ja doch nur wegen Werner Enke. Denn dessen Sprüche sind wieder zum Niederknien: „Nehmen Sie doch das Kellerfleisch, das sitzt so schön in den Zähnen“ (als falscher Kellner). „Auf mich kannste dich verlassen. Ich bin immer da, wenn’s mir schlecht geht“ (zu Beatrice Richter). „Ich kann höchstens bei der Jugendmannschaft vom Altersheim mitspielen“ (auf dem Fußballplatz).

Und auch wenn man versteht, dass ein trotzig-kindisches Slapstickgewitter auf Kopfschütteln stieß, als zeitgleich Margarethe von Trotta und Wim Wenders ihre Geschichten mit Ernsthaftigkeit vortrugen: Heute fällt einem neben den Spitzensprüchen vor allem die wahnwitzige körperliche Sitcom-Qualität Enkes auf, der geradezu durch den Film turnt. Er spielt Quatsch-Fußball und Quatsch-Billard, er fährt Quatsch-Tandem, und wahrscheinlich liegt es nur an der hierzulande leider fehlenden Tati-de-Funès-Tradition, dass Knallkopp noch nicht wiederentdeckt wurde. Er hat es nämlich dringend verdient.

Jenni Zylka ist Autorin und Geheimagentin und kann einen ganzen Sack voll Enke-Sprüche runterbeten. Mit mir nicht, du Knallkopp ist in sehr gut ausgestatteten Videotheken auf VHS erhältlich

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 38/13.

Kommentare (2)

apatit 03.12.2013 | 09:59

Uschi Glas – da fällt mir ein bei Markus Lanz zum Mindestlohn: „Also ich denke, er kann nicht kommen, weil wir ja das Problem haben, vor allem in den neuen Bundesländern wirklich nicht gut qualifizierte Menschen zu haben. Und dann wird man sich halt so entscheiden, okay, dann gehen die wieder in die Arbeitslosigkeit. Und ich finde, du kannst das nicht händeln (…) Das kann der Mittelstand nicht leisten …“ Zum Mindestlohn hat das “ Schätzchen “ gesprochen!

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Da hat das “Halbblut Apanatschi“ nicht an seine roten Brüder gedacht!!!