Matthias Dell
07.03.2011 | 09:00 17

Der Baader-Gedeck-Komplex

Schaubild Ob der vielen Filme über die RAF, in denen die immergleichen historischen Figuren verkörpert werden, kann man schon einmal den Überblick verlieren. Wir haben aufgeräumt

In der nächsten Woche kommt der Film Wer wenn nicht wir (Kritik folgt in der Ausgabe vom 10. März) in die Kinos. Darin geht es um die Vorgeschichte der Rote Armee Fraktion (RAF) anhand der Beziehung zwischen Bernward Vesper, Gudrun Ensslin und Andreas Baader.

Die Gudrun Ensslin wird von Lena Lauzemis dargestellt – eine Rolle, die vor ihr schon Johanna Wokalek, Laura Tonke, Anya Hoffmann, Sabine Wegner und Barbara Sukowa spielten. Wenn nun sechs Schauspielerinnen Gudrun Ensslin verkörpert haben, weiß man danach nicht unbedingt mehr über Gudrun Ensslin, aber etwas über das deutsche Starsystem. Und den Glauben des So-war-es-Kinos (gilt auch für die filmische Verarbeitung des Nationalsozialismus, weniger für die DDR): Geschichte ist demnach, wenn man prominent
besetzt und originalgetreu illustriert, wenn man also Martina Gedeck auf Ulrike Meinhof schminkt.

Das führt mitunter zu Verwirrungen, weil die historischen Figuren mit den Filmografien ihrer Darsteller verschwimmen. Um den Überblick nicht zu verlieren, haben wir folgendes Schaubild erstellt (Pdf-Download durch Anklicken).

RAF-Komplex.jpg

Kommentare (17)

Rene Artois 03.03.2011 | 01:36

Lieber MD: Ohne gelesen zu haben, hier ein "en" für das 13. Wort des Vorspanns. Diesmal als Frühlingsvorbotenangebot vollkommen kostenlos!

Schreibt sich der Filmtitel wirklich "mit ohne" Komma hinter dem Wer?

Und ergänzen sie diese Klammer noch: "(Kritik folgt in der )"?

Großes Lob (jetzt überflogen habend) für das Wort "Schaubild" anstatt des ubiquitären, dadurch aber nicht weniger ätzenden "Infografik" ...

ebertus 07.03.2011 | 14:20

Was bringt es; und für wen?

Schon den letzten, grellen (Action)Film, Stefan Austs "Baader-Meinhof Komplex" habe ich ausgelassen, stattdessen eine nette Mail-Korrespondenz mit Carolin Emcke geführt. Deren Buch (Stumme Gewalt) war gerade meine bevorzugte Lektüre, unter Umständen nach einem Beitrag im Freitag.

Nun also eine (weitere?) Beziehungsgeschichte, das "wie" steht im Vordergrung; wohl kaum das "was", noch weniger das "warum". OK, mein Einwand mag etwas flach erscheinen, aber Beziehungsgeschichten sind ein Stück weit Ausdruck von inhaltlicher Leere; gern auch der bewußten Verweigerung sich eben "damit" auseinander zu setzen.

Es gab ein Leben von Ulrike Meinhof, vor dem Terrorismus. Es gab Menschen wie Friederike Hausmann (in deren Armen Benno Ohnesorg verblutete), es gab den Pastor Albertz und die Jubelperser, es gab die Schüsse auf Rudi Dutschke - und es gab für viele kleine Menschen die Hoffnung auf Einbauküche, Auto und Mallorca-Urlaub.

Die RAF kam einfach zu früh, das notwendige Umfeld von Nordafrika über die USA bis (gern!) hinein in die Peripherie von Europa ist gerade erst im Werden, Kriege aus wirtschaftlichem Interesse mutieren zu beinahe akzeptiertem Sachzwang, die nahezu lückenlose Überwachung der (eigenen) Bevölkerung ist bereits Staatsraison, jegliches Nachdenken über die Zukunft und jenseits des herrschenden, neoliberalen Diskurses steht unter Generalverdacht. Der aktuell erkennbare Rollback in die Feudalgesellschaft geht einher mit der Sehnsucht nach dem (adligen?) "Führer", die mediale, hofberichterstattende Kumpanei mit den Mächtigen ist kaum noch zu übersehen.

Darüber sollte reflektiert, sollten Parallelen gesucht werden. "Historische Figuren, die mit den Filmografien ihrer Darsteller verschwimmen" sind dabei und bestenfalls ein "nice to have"; was bringt es; und für wen?

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Ehemaliger Nutzer 07.03.2011 | 19:26

Es werden viele Dinge hinzugedichtet, die alle nicht stimmen, auch in dem letzten Film, so das ehemalige RAF-Mitglied Möller. Man sollte sich hier nicht aufschwingen, irgendetwas besser zu wissen. Holger Meins ist auch nicht durch seinen Hungerstreik gestorben, sondern er ist verhungert worden, weil in seiner künstlichen Ernährung zu wenig Kalorien waren.
Wie es war und ob es Mord war, können nur die Archive bestätigen, die aber nicht frei gegeben werden.
Die Untersuchungen ausländischer Spezialisten gehen jedenfalls von Mord aus und zwar von Geheimdiensten.
Ich habe intensiv die Interview von Meinhof, Enslin und Möller gelesen.
Wir sollten uns alle vor Augen führen, dass diese jungen Menschen nicht vom Himmel gefallen sind, sondern das Produkt der damals verkommenen und verlogenen westdeutschen Gesellschaft waren. Der Staat hat mit Gewalt geantwortet und hat umgekehrt Gewalt erfahren. Der damalige Bundesinnenminister Baum sagte offen, wenn der Staat diesen Menschen das Gespräch angeboten hätte, wäre die Sache anders verlaufen.
Kein Mensch wird als Mörder geboren, sondern die damalige westdeutsche Gesellschaft trägt eine große Mitschuld, dass diese jungen Menschen zu Mördern geworden sind.

hadesnumb 09.03.2011 | 18:12

Mich würde ehrlich interessieren, wie man zu so einer (für meine Begriffe – ich bitte um Verzeihung – völlig absurden) Auffassung kommen kann, und bedaure direkt etwas, dass diese (zeitraubende) Diskussion nie stattfinden wird.
Trotzdem Danke für die Antwort.

Hier noch in aller Kürze zu meiner Sicht:
Ich betrachte den "Schmonzetten"-Anteil am "Leben der Anderen", der auch auf mich - natürlich - durchaus störend und unpassend gewirkt hat, als Mittel um den Film einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Geheiligt wird dieses durch den Zweck, dass hier ein erstaunliches Maß an DDR-Wirklichkeit transportiert wird. In „Sonnenallee“ wird „DDR“ ausgenutzt um Popcornkino auf Grundlage gängiger West-Klischees zu produzieren. Hier ist nicht Humor (wenn man ihn euphemistisch so nennen mag) das Mittel zum Zweck, sondern die DDR.

Mir ist bewusst, dass knochige Spaßbremsen wie ich nicht im Trend liegen. Geschichte ist heute, wenn man sich mal locker macht. Trotzdem halte ich die DDR grundsätzlich für nicht komisch. Und eine ehrliche, kritische Vergangenheitsbewältigung für äußerst angebracht, die leider absolut nicht stattfindet. Flache DDR-Witzchen tragen dazu kaum bei.

hadesnumb 10.03.2011 | 22:36

Zunächst vielen Dank für die ausführliche Antwort, die ich mit großem Interesse gelesen habe.

„DDR = ernstes Thema = ernster Film“ möchte ich ungern als Kern meines Standpunkts verstanden wissen. Von Kunst erwarte ich (zugegeben als mehr oder minder „Unkundiger“), dass sie mich berührt und bspw. einen bestimmten Aspekt in einer bestimmten Art und Weise erfahrbar macht, der mir durch die Lektüre purer Fakten verschlossen bliebe. Das darf dann auch mal weh tun – und sollte es auch, bei einem schmerzvollen Thema. Bei „Sonnenallee“ vermisse ich diese Berührung gänzlich. Sicher lassen sich kritische Töne in bestimmte Szenen hineininterpretieren. Doch wirken diese auf mich eher zufällig, weil sich damit eben gerade ein Spaß machen lässt. Kann ich das frustrierende, alles durchsetzende System aus Druck und Anpassung spüren, wenn ich in jedem Moment, in dem es vielleicht anklingt, sofort durch einen Kalauer (natürlich auf Kosten des eigentlich Bemitleidenswerten) entlastet werde?

Ich stimme Ihnen sofort zu, dass die in „Das Leben der Anderen“ dargestellte Wandlung eines Stasi-Offiziers vom Saulus zum Paulus die Zustände bis zur Schmerzgrenze verharmlost. Jedoch gibt es für mich in „Das Leben der Anderen“ durchaus diese wichtigen Momente, in denen es mich in den Sitz krampft, und die ausgehalten werden wollen. Dem Zerbrechen von Figuren zwischen systematischen äußeren und inneren Zwängen (wie bspw. die Protagonistin), der allgemeinen Tristesse und nicht zuletzt der unerbittlichen Härte der Stasi-Methoden (wenngleich diese das Leben des durchschnittlichen DDR-Bürger nur indirekt vergällt haben mögen) wird hier Raum gegeben, ohne dass der Zuschauer sofort entlastet wird. Es mag nur Schmückwerk um die eigentliche, definitiv kritikwürdige Geschichte sein, doch das macht für mich persönlich den Film wertvoll, zumal aufgrund der hohen Qualität der (meisten) Dialoge und Darsteller. Und: Welche Geschichte wird in „Sonnenallee“ erzählt? Für mich kommt „Sonnenallee“ als eine lose Aneinanderreihung von Belanglosigkeiten daher und gleicht auch darin eher einem Comedyabend.

Ich interessiere mich weniger für Kunst als für die gesellschaftliche Wahrnehmung von DDR-Vergangenheit. Mir stellt sich die Frage, wie ein Film auf ein breites Publikum wirkt. Dass die – für meinen Geschmack immer ziemlich konstruiert wirkenden – nachdenklichen Inhalte aus „Sonnenallee“ tatsächlich verstanden werden und nicht hoffnungslos in der allgemeinen Unbeschwertheit untergehen, setzt schon ein tiefes Vertrauen in den Zuschauer voraus. Es ist mehr als erfreulich, wenn sich sich auch mal eine große Zahl von Menschen dazu entschließt einen DDR-Film anzusehen, der nicht mit „Lachen über den Osten“ lockt. Bevor man dazu übergeht alternative Wege in der Kunst zu gehen (guter (!) Humor), sollte nach meiner Auffassung zunächst eine Kultur der ernsthaften Beschäftigung mit der DDR etabliert werden. Bevor nicht eine Öffentlichkeit entsteht, die auch sitzen bleibt, wenn ihr einmal etwas zugemutet wird (speziell im Osten!), kann keine Aufarbeitung stattfinden. Auf diesem Weg sind wir leider mit „Go Trabi Go“, „Goodbye Lenin“ und „Sonnenallee“ noch nicht sehr weit gekommen (ich bitte die bewusst polarisierende Zusammenstellung zu entschuldigen ;) ).

Matthias Dell 11.03.2011 | 09:43

ich habe diese gleichung mit dem ernst wohl deshalb aufgestellt, weil ich das gefühl hatte, dass ihre sicht schon etwas voreingenommen ist, dh dass bei "dem leben der anderen" sehr viele konzessionen gemacht werden (massentauglichkeit, fragwürdige geschichte), während bei "sonnenallee" immer ein wenig der zweifel mitschreibt, ob das auch wirklich so verstanden wird (hineininterpretieren). natürlich ist das, was ich hier über "sonnenallee" sage, nur eine lesart, eine beschreibung von sachen, die man beschreiben kann, ein versuch der erklärung.

das heißt aber nicht, wir reden ja von kunst, dass man das nicht auch dann versteht, wenn es nicht derart verbalisiert ist. ihre sorge scheint zu sein, dass "sonnenallee" zu harmlos für die ddr ist und dass viele zuschauer den ernst, den ich da "reininterpretiere" nicht wahrnehmen würden. ich hatte diese scheu beim ersten sehen auch, als ich den film oberflächlich für eine klamotte hielt, mein heutiges urteil hat sich erst durch wiederholtes schauen gebildet, für das der film durchaus taugt, was auch für ihn spricht. es geht also darum, seine eigenen maßstäbe, die hierzulande durch ein misstrauen gegenüber so genannter U- bei gleichzeitigem vertrauen in so genannte E-kultur strikter existieren als anderswo, auch mitzudenken.

ich glaube nicht, dass "sonnenallee" der film ist, den sich pubertierende jugendliche "reinziehen", wenn sie sich lustig machen wollen. dafür taugt "go, trabi, go", das ist eine klamotte, die dem westen das nicht nur ästhetische sonderbare wesen des ossis zur eigenen belustigung vorführen soll. der unterschied zu "sonnenallee" besteht darin, dass "sonnenallee" aus einer viel selbstbewussteren position spricht, indem der film eben besagte setzungen verkehrt: in "go, trabi, go" ist der ossi so "uncool", wie er im westen wahrgenommen werden kann. in "sonnenallee" ist diese perspektive gewendet, deshalb, ist zumindest meine erfahrung, verursacht er bei westdeutsch sozialisierten zuschauern auch ein gewisses unbehagen. das resultiert meines erachtens aus dieser verkehrung. "kalauer" würde ich die witze von "sonnenallee" nicht nennen. die sind nicht abgestanden, sondern elaboriert, es gibt in diesem film neben erklärwitzzugeständnissen an den westdeutschen zuschauer ("mu-fu-ti") eine ironie und einen hang zur übertreibung (das aufzählen der dienstgrade, das spiel der schauspieler), die nicht der lächerlich-, sondern der kenntlichmachung dienen.

dass man "sonnenallee" und "leben der anderen" schwer vergleichen kann, liegt auf der hand. "sonnenallee" ist ein film, der anhand einer coming-of-age geschichte vor allem über den gesellschaftlichen diskurs über die ddr handelt: er durchbricht die ossi-wahrnehmung mit seiner popkulturell inspirierten kategorienverschiebung, in der der ossi so ist, wie er auch in "go, trabi, go" war, der naive "wilde", der trottel, der sich noch nicht adaptiert hat und endlich nach italien will.

"das leben der anderen" ist indirekt auch ein teil dieses diskurses, aber kein film darüber. der erfolg des films, den er mit mitteln der sentimentalisierung erreicht, die man aus x-beliebigen (also gar nicht ddr-spezifischen) fernsehfilmen kennt (die frau zwischen zwei männern), verdankt sich dem umstand, dass er dem, was man heute für ddr hält, ziemlich ähnlich sieht. es ist, grundsätzlich, nicht problematisch, dass das melodrama der frau in "das leben der anderen" ein universelles ist (zwischen zwei männern), weil es vermutlich nicht so viel ddr-spezifik geben kann, dass man nicht irgendwann bei grundsätzlichen fragen ankommt. es scheint mir nur dann falsch zu sein, wenn man sagt, dass diese darstellung der frau uns etwas über die spezifischen zwänge in der ddr erzählen würde.

"das leben der anderen" sieht auf eine bestechende weise, und damit wären wir dann auch wieder beim ausgangsbild, dem raf-schaubild, so aus, wie die ddr heute erinnert wird. es ist ein gutgemachter ausstattungsfilm. ich habe allerdings zweifel, dass das "echt" ist, weil es von den bedingungen ausgeht, unter denen medial rezipiert wird. es muss, um nicht falsch verstanden werden, gar nicht "echt" sein - allerdings ist das problem daran, dass das stylische redesign der ddr dann nicht als fiktiv begriffen wird (wie etwa "sonnenallee", das durch diesen kulissencharme, die westernelemente, seine gemachtheit deutlich ausstellt), sondern für bare münze genommen wird. tatsächlich steckt im perfekten design des films und seiner charaktere in meinen augen auch eine erklärung für seinen erfolg im westen, weil dem dortigen bürgertum das ddr-bürgertum als melancholische erinnerung an ein besseres selbst serviert wird, das noch nicht durch macht, geld und missratene kinder depraviert ist, sondern sich im gegängeltsein durch den staat mit anstand und geschmack seine haltung bewahrt.

dass man in "das leben der anderen" etwas über stasi-methoden erfährt, halte ich für fragwürdig, weil diese stasi-methoden auf kino getrimmt sind: das wohnungsgrundrissaufmalen unter dem dachboden ist keine ermittlungstechnik, sondern ein kinobild, das an lars von triers "dogville" erinnert. dagegen gibt es nichts zu sagen, insofern das kino dazu da ist, (seine eigenen) bilder zu finden für etwas, das im alltag, dem "normalen" leben so nicht aussieht. man geht jedoch fehl, diese konstruktion, die mit einem alltäglicheren, realistischeren gestus daherkommt als die universalfiktion "sonnenallee", als sachbuch oder katalog eines so-war-es zu begreifen. die ddr - und das gilt auch wieder für die raf-filme - wird nicht dort am besten dargestellt, wo sie dem bild, was wir heute von ihr haben (tristesse) am ähnlichsten sieht.

was die ernsthaftigkeit angeht, die einer (nicht im alltäglichen, sondern kategoriellen sinne) komischen beschäftigung mit dem thema vorausgeht, so darf man nicht vergessen, dass es vor "sonnenallee" viele versuche in dieser richtung gegeben hat. (vgl hierzu tinyurl.com/4jytj9r). "good bye, lenin" ist ein, schlechter gelungener, versuch, ebenfalls mit komischen mitteln der ddr beizukommen. der gebrauch der mittel ist hier satirisch, bei "sonnenallee" ist er parodistisch. "good bye, lenin" versucht ebenfalls die perspektive zu verlagern, bleibt aber auf einem niveau der sprache stehen: er bricht die "offizielle", unerträgliche, weil bürokratische ddr-sprache runter in dialoge - was ein fehler ist, weil gerade angesichts so einer sprache, die sprache des alltags, des untens, der menschen eine andere war, was "sonnenallee" weiß.
"das leben der anderen" ist in dieser filmhistorischen linie in meinen augen nicht die erlösung von schlechten komödien durch ernsthafte beschäftigung, sondern eine farce auf diese entwicklung: die restauration des kitsches unter dem deckmantel von ernsthaftigkeit.

wenn sie schreiben, dass der zuschauer hier "nicht entlastet" wird, möchte ich ihnen vehement wiedersprechen: "das leben der anderen" ist ein einziger entlastungsfilm, weil er in einer billigen versöhnung kulminiert, in der der schriftsteller seinem stasi-schutzengel-aktenzeichen noch das buch widmet. in der figur von mühes stasi-offizier gibt es plötzlich einen "guten stasi-mann" (so wie es in den film über die nazis immer "gute nazis" als protagonisten gibt - die verbindungen zu eichingers "untergang" scheinen mir sehr interessant). und am ende ist zwar nicht mehr alles in ordnung, es gab ein opfer, die bösen täter straft die geschichte, und die die noch da sind, haben sich lieb - wenn das nicht entlastung sein soll, weiß ich's auch nicht.die wahrnehmung von "das leben der anderen" kommt mir manchmal wie guttenbergs selbstbild vor: der film behauptet von sich dinge (ernsthaft, so-war-es), die er überhaupt nicht einlöst, sondern im gegenteil dementiert

hadesnumb 13.03.2011 | 15:50

Es liegt mir fern „Das Leben der Anderen“ um jeden Preis zu verteidigen, dazu gibt es zu viele zweifelhafte Zugeständnisse, von denen Sie ja etliche benannt haben. Dass es sich dabei nicht um eine Komödie handelt und insofern eine Art Paradigmenwechsel bedeutet ist – auch wenn es oberflächlich scheinen mag (U- E-Kultur) – letztlich tatsächlich der Hauptgrund, weshalb ich mich hier in die Position eines Fürsprechers begeben habe. Das möchte ich unten noch näher erläutern.

Zunächst noch zum Film: Natürlich macht es keinen Sinn davon auszugehen, dass es sich um eine besonders realitätsnahe Darstellung von „Stasi-Methoden“ handelt. (Vermutlich unsinnige) Details wie das Aufmalen der Wohnungsumrisse mit Kreide finde ich dabei auch unerheblich. Jedoch sollte dem einigermaßen sensiblen Menschen z.B. die Verhörszene zu Beginn des Films unter die Haut gehen, wenn Wiesler „den Druck erhöht“ und die Sicherheit der Angehörigen des bereits völlig gebrochenen Häftlings ins Spiel bringt. Vollkommen unabhängig davon, ob es sich dabei nun um eine exakte Abbildung der Verhörmethoden handelt oder (wohl eher) nicht, bekommt man hier eine Ahnung davon, dass man mit Vokabeln wie „Stasi-Methoden“, wie sie heute ja gern bei jeder kleinen Unregelmäßigkeit in behördlichen Papieren verwandt werden, vorsichtiger umgehen sollte. Ich wage zu bezweifeln, dass das mit Mitteln einer Komödie (um auf den Eingangsdisput zurückzukommen) ausreichend geleistet werden kann. Dazu muss eine ausreichende Sensibilisierung und Aufklärung des Publikums vorausgesetzt werden – die ich zum einen in weiten Teilen bezweifle, und wo sich zweitens, bildlich gesprochen, die Katze in den Schwanz beißt. Durch den inflationären Gebrauch des Begriffes „Stasi“ wird diese diabolische Einrichtung nachträglich weichgespült. Gleichzeitig kann es einem auch fast so vorkommen, dass alle Unbilden des Lebens in der DDR darin, d.h. in der heutigen Verwendung des Begriffes, kondensieren. Dabei war diese Bedrohung wohl zwar immerwährend, doch eher hintergründig und diffus (hier muss ich aufgrund meines Alters spekulieren ;) ). Viel alltäglichere Probleme und Aussichtslosigkeit hat nach meinem Verständnis die Menschen über Jahre hinweg in die Friedensgebete getrieben, die im Herbst '89 in die Montagsdemonstrationen mündeten. Insofern könnte man auch „Das Leben der Anderen“ vorwerfen natürlich einfach an der am leichtesten vermittelbaren Thematik anzugreifen.

Mit dem Zerbrechen der Protagonistin wollte ich auch weniger auf die von Ihnen so genannte „Dreiecksbeziehung“ hinaus, der ich persönlich wiederum – zugegeben aufgrund einer gewissen Wahrnehmungsselektion – weniger Bedeutung beigemessen habe, sondern auf das Vorhandensein starker äußerer Zwänge (wenn auch in Wirklichkeit nicht unbedingt direkt durch das MfS repräsentiert, vor allem nicht durch konstruierte Liebschaften), die ständig Entscheidungen zwischen Ehrlichkeit, den eigenen Perspektiven und durchaus auch denen von einem nahen Menschen abverlangten. Ob es die Nachbarin ist, die das Eindringen der Stasi in die Wohnung der Hauptfiguren verschweigt, der Regisseur, der sich das Leben nimmt, oder der dem Finale vorausgehende Verrat: Die Schwere der Auswirkungen von Entscheidungen, die heute relativ alltäglich wären, macht in meinen Augen den großen Unterschied. Wie die Darstellung dieses Umstandes in die Geschichte geknüpft wird ist für mich persönlich dabei eher unerheblich, wie auch die Geschichte insgesamt – dabei bin ich mir wohl tatsächlich weniger bewusst, dass viele das sicher deutlich anders wahrnehmen und wichten. Bezüglich vieler Schwächen der Handlung, wenn man sie als solche stehen zu lassen gewillt ist, möchte ich Ihnen beipflichten.

Nun noch zum allgemeinen Punkt: „U oder E“. Meinem möglicherweise naiven Verständnis nach, wird bei einer Komödie dem Zuschauer in gewisser Weise Arbeit abgenommen: In einer Komödie wird jeder Stoff leicht verdaulich. Das setzt allerdings voraus, dass der Macher seine Aufgaben um so gewissenhafter erledigt hat. Es stellen sich eine Menge Fragen: Wer macht welchen Witz genau worüber, und wer lacht darüber aus welchem Grund. Gerade was die DDR-Vergangenheit angeht, sind diese Fragen häufig sehr schwer zu beantworten. Es ist ja nicht einfach so, dass in der DDR 17 Millionen Bürger von ein paar ZK Mitgliedern und dem MfS in gleicher Weise gegängelt wurden. Der Druck wurde natürlich aufgebaut, aber seine Aufrechterhaltung konnte letztlich nur dadurch gelingen, dass die überwältigende Mehrheit der DDR-Bürger ihm nachgegeben hat. Das mag man zunächst als nachvollziehbar und vielleicht sogar nicht generell verwerflich betrachten (wobei eine entscheidende Frage ist, die man sich dabei eigentlich stellen muss, wie weit dieses Nachgeben im einzelnen Fall gerechtfertigt oder, wenn man so will, „notwendig“ war!). Wenn allerdings – bspw. in Sonnenallee – dieses „Kuschen“ dargestellt wird, wer lacht dann darüber? Demjenigen, der gekuscht hat, fällt das Lachen vermutlich vergleichsweise leicht: Sein einziger Schaden bestand darin, dass er seine eigentliche Meinung nicht öffentlich machen konnte. Demjenigen, der der verschwindenden Minderheit angehört, die nicht gekuscht haben, und aus deren Sicht es meiner Ansicht nach einzig richtig wäre die DDR heutzutage zu betrachten (weil es am Ende diese wachsende Minderheit war, an der sie zerbrochen ist, nicht der Bananenmangel), bleibt das Lachen höchstwahrscheinlich im Halse stecken. Denn für Ihn war jeder Kompromiss seiner Mitbürger ein Schlag ins Gesicht, der ihn noch weiter isoliert hat! Was leider der Mehrheit im Osten wohlwollend betrachtet unbewusst zu sein scheint, ich würde jedoch unterstellen: was bewusst verdrängt wird, ist die Tatsache, die Tragweite des Eingehens einer großen Zahl von Kompromissen. Ohne das tatsächlich belegen zu können, nehme ich die allgemeine Sicht so wahr, dass viele ehemalige DDR-Bürger sich schon durch den „Zwang“ zu diesen Kompromissen als Opfer betrachten, wenngleich die eigentlichen Opfer doch die ganz Wenigen sind, die ihrer Überzeugung folgend solche Zugeständnisse abgelehnt haben, und sich damit unter Umständen ihr Leben bis in die heutige Zeit hinein (!) sehenden Auges deutlich erschwert haben. Z.B. dadurch, dass Ihnen eine angemessene Ausbildung verwehrt wurde, oder durch viel weitreichendere Repressalien. Einer Person, auf die das zutrifft, fällt es vermutlich relativ schwer mit anderen über die „kleinen Notwendigkeiten“ in der DDR zu lachen, so tiefgründig der Humor auch noch sein mag. Deshalb halte ich Skepsis gegenüber DDR-Komödien für durchaus angebracht.

Matthias Dell 14.03.2011 | 09:42

danke für die erklärung. ich glaube, ich verstehe den kern unseres dissens' jetzt besser. er besteht in einer hierarchisierung der heutigen perspektiven auf die ddr (die sich in der E-und-U-hierarchisierung auch abbildet).

"Demjenigen, der der verschwindenden Minderheit angehört, die nicht gekuscht haben, und aus deren Sicht es meiner Ansicht nach einzig richtig wäre die DDR heutzutage zu betrachten."

Sie bewerten die erfahrungen der ddr-bürgerbewegung höher als die der mehrzahl des mehr oder weniger angepassten rests. ohne die verdienste der ddr-bürgerbewegung schmälern zu wollen: ich glaube nicht an diese hierarchisierung. Das hieße, es würde so etwas wie die absolute wahrheit geben, den einen punkt, von dem aus man alles letztgültig erklären kann.

Nach meiner auffassung kann grundsätzlich jeder über die ddr sprechen, wie gut und klug und treffend er das tut, muss dann sein beitrag zeigen, was wiederum erklärt, warum die bürgerrechtler zu den prominenten stimmen gehören, weil sie naturgemäß eine sehr intime, umfassende kenntnis des ganzen komplexes haben (wobei für die prominenz auch eine gewisse moralisierung eine rolle spielt und es durch die nähe zur ddr gewisse blindheitsanteile im blick auf die ddr gibt).

aber dass sie deshalb allein und für alle sprechen könnten, wäre in einer frei debattierenden gesellschaft eine absurde position. zumal auch in der gruppe der bürgerrechtler die positionen heterogen sind, wie man an den reaktionen auf "das leben der anderen" sehen konnte: gauck gab seinen segen, während werner schulz widersprach. wer spricht dann da für die bürgerrechtler?

was sie über die ersten verhörszenen schreiben ist richtig. aber mir ist die qualität ein bisschen zu banal, weil es da um die erfüllung einer erwartung geht; man hat das, als aufmerksamer zeitgenosse, alles schon in dokumentarfilmen zum thema gesehen und kriegt es jetzt noch mal vom großen zeitgeschichtskinofilm bestätigt. man sieht etwas, dass man schon wusste, und deshalb ist es banal. nun mag das, was ich den "aufmerksamen zeitgenossen" nennen, nicht auf jeden zutreffen, jeder hat andere erfahrungen und kulturelle sozialisationen, deshalb sieht jeder jeden film mit anderen augen, und eine kritik, die sich darauf beschränkte zu sagen, hatten wir schon, ist nicht neu, weil sie den kleinsten dokumentarfilm zum thema kennt, greift zu kurz.

dennoch merkt man den szenen die botschafthaftigkeit an, das schulfernsehmäßige, und die kritik daran, hilft dem, für den das neu ist, womöglich, seine wahrnehmungen zu hinterfragen beziehungsweise die beschäftigung mit dem thema voranzutreiben. es ist ja ein völlig gängiges phänomen, dass man etwa als kind von sachen gerührt, bewegt, angeregt sein kann, die man später neu und anders sieht.

für eine kritik an der kunst ist es aber zulässig, sich nicht mit dem niedrigsten niveau, auf dem diese stasi-darstellung funktioniert, zufriedenzugeben. dafür, erwartungen zu befriedigen, ist der bundespräsident da oder von mir aus noch günter grass. aber nicht das kino. und "das leben der anderen" hält sich dabei nicht auf, der film stellt ja nicht nur die wichtigsten stasi-techniken wie ein aufklärungsfilm dar, sondern er macht damit etwas anderes, was ich "schmonzette" genannt habe, weil es dem tief empfunden ernst, mit dem sich der film sein glaubwürdigkeit zu erarbeiten versucht, widerspricht. darin liegt das eigentlich üble an diesem film.

natürlich spielt das, was ich jetzt schulfernsehen genannt habe, durchaus eine rolle in der beurteilung von filmen: ich finde es, um ein aktuelles beispiel zu nehmen, bei dem film "almanya" (eine komödie übrigens) nicht unwichtig, dass das thema migration, "gastarbeiter"-geschichte einem breiteren publikum zugänglich gemacht wird. das geht aber nicht so weit, dass man die schwächen, die der film in der ausführung dann hat, übersehen könnte – gerade weil der stoff eigentlich viel hergibt. die form stimmt am ende einfach nicht, so sympathisch der ganze auftritt auch ist.

ich würde auch ihrer komödien-definition widersprechen ("leicht verdaulich"). "komödien sind tragödien plus zeit" – woody allen gesagt oder zumindest in "melinda und melinda" einmal durchgespielt, indem er die gleiche geschichte einmal als komödie und einmal als tradögie erzählt mit dem ergebnis, dass die unterschiede am ende gar nicht so groß sind. komödien kochen den stoff nicht weich, sie handeln nur anders über ihn; was sie meinen ist vermutlich eher die bedeutung, die sich im alltagssprachgebrauch, durchgesetzt hat ("deutsche komödie"), damit sind aber meistens filme gemeint, die man anders nennen sollte, klamotten wie im fall von "go, trabi, go".

sie schreiben über die wirkmacht der stasi:

"Dabei war diese Bedrohung wohl zwar immerwährend, doch eher hintergründig und diffus"

und genau deswegen ist "sonnenallee" der bessere film über die stasi, weil sich da an dem unbekannten nachbarn (der sich am ende als bestatter herausstellt) die hintergründigkeit und diffusität der macht zeigt. um einen film über die stasi zu machen, muss man sie vielleicht gar nicht zeigen, schon gar nicht verkörpern. Und bei "das leben der anderen" passiert dann ja genau das, wogegen sie sich wenden: die stasi wird "weichgespült", trivialisiert, indem diese unglaubwürdige wendung in der figur des "guten" stasimannes wiesler behauptet wird, die keinen bezug zu einer realität hat. "das leben der anderen", wenn ich das noch mal sagen darf, ist für mich ein faszinierendes phänomen, weil es dem film im stile guttenbergs gelingt, das gegenteil von dem zu behaupten, was er macht, und damit durchzukommen (das war bei guttenberg vorerst anders). und letztlich penetriert der film eine sicht auf die ddr, die fast 20 jahre nach ihrem ende zu verengt ist, weil es bereits viel mehr material, analyse, auseinandersetzung mit dem thema gab – an diesem punkt wieder zurückzufinden zur "stasi-krake", die die einheitseuphorie beendet und die ddr-wahrnehmung bestimmt hat, ist für mich kein paradigmenwechsel, sondern ein fragwürdiger geschichtspolitischer backlash, zumal mit diesem üblen ausgang.

außerdem ist es in meinen augen auch in ordnung, wenn die stasi nicht nur als das absolut böse ein für alle mal dämonisiert wird; humor ist ein schutzschild, sich die schrecklich-, traurig-, vergeblichkeit der zumutungen des lebens vom leib zu halten. es ist die waffe des "kleinen mannes" (karneval!), gegen die macht zu opponieren – und gerade in repressiven regimen gibt es bekanntermaßen unglaublich tolle witze, dafür war die ddr ein gutes beispiel.

ihre sorge, dass man, um in "sonnenallee" erkennen zu können, was ich hier behaupte, ein aufgeklärt sein muss, halte ich für etwas übertrieben. auch wenn sicherlich nicht jeder sich so ausführlich damit beschäftigt, wie wir das jetzt hier tun, so kann dieser film, in dem moment, indem er da ist, gegenstand für die aufklärung werden, die sie voraussetzen wollen. man muss filme nicht mit bedienungsanleitungen schauen, man kann, wenn es gelungene kunstwerke sind, in ihnen die bedienungsanleitung für ihre rezeption finden. Das passiert auch da, unterschwelliger, wo nicht so viel verbalisiert wird wie hier in unserem disput.

ohne jetzt noch weiter in die ddr-geschichte hineingehen zu wollen, möchte ich doch zu zweien ihrer annahmen einen gegenstandpunkt beziehen: zum einen würde ich dem angepassten rest der ddr-bewohner ihre angepasstheit nicht so pauschal vorwerfen, wie sie das tun. außerdem glaube ich, dass der opfer-diskurs, den sie unterstellen, bei weitem nicht so bedeutsam ist (er war es vielleicht einmal beziehungsweise spielt heute nur eine rolle bei den marginalisierten gruppen wie einstigen funktionsträgern). bedeutsamer ist die verteidigung des guten ddr-lebens ("es war nicht alles schlecht"), die erklärbar wird aus der west-perspektive auf das ddr-leben, die im übrigen auch "das leben der anderen" transportiert und die sich exemplarisch an dieser völlig sinnlosen "unrechtsstaatsfixierung" zeigt. mit dieser kategorisierung kommt man zu nichts, was einem verständnis der ddr dienen könnte, weil es dabei über abzuhakende schulbuchweisheiten nie hinausgeht und am ende nur kindlicher trotz produziert wird. man kann sich damit nur besser fühlen und das eigene leben gutfinden, das halte ich aber für eine relativ billige motivation. dabei ist das interessante an dem blick auf die ddr-geschichte doch gerade, dass man darin auch sachen finden kann, die einem helfen, das heute besser zu verstehen, weil sie in einer extremeren, übersteigerten form ausgeprägt waren. Wenn man das angepasstsein in der ddr betrachtet, scheint es für mich interessant, dass auf heutige bedingungen zu applizieren – wo macht man kompromisse, wo wird man korrupt am eigenen besseren wissen. hagen boßdorf scheint mir ein fall zu sein, bei dem "stasi" letztlich als kontrastmittel eines karrierismus funktioniert, der ohne stasi nicht diagnostiziert werden kann. in diesem sinne halte ich "stasi" auch für eine interessante denkfigur, weil man damit – nicht in blödsinnigen vergleichen – seinen blick auf die dinge schärfen kann. die "stasi 2.0"-kampagne gegen schäubles restriktive politik brauchte natürlich auch auf ein griffiges motiv, das in einem strengen sinne, wie sie ihn für richtig halten, der stasi wohl nicht völlig gerecht wird – ich würde das allerdings für nebensächlich halten; der filmemacher eyal silvan hat in "aus liebe zum volk" die stasi-geschichte (das protokoll eines mitarbeiters in den tagen des endes, gelesen von axel prahl) mit den bildern von heutigen überwachungskameras kurzgeschlossen und damit eine verbindung hergestellt, die das denken anregt. ich rede dabei nicht von vergleichen, die bewertungen implizieren, sondern allein von dem blick auf kontinuitäten, ähnlichkeiten, überschneidungen, die einem helfen, die welt zu verstehen.

zum anderen würde ich widersprechen, wenn sie schreiben:

"(weil es am Ende diese wachsende Minderheit war, an der sie zerbrochen ist, nicht der Bananenmangel)"

man sollte den bananenmangel als sinnbild von wirtschaftlichen fragen für den zusammenbruch der ddr nicht unterschätzen. die ddr konnte nur deshalb zusammengebrochen werden, weil sie wirtschaftlich am ende war. vor diesem hintergrund kommen viele momente zusammen, die letztlich zum zusammenbruch führten: die stete und kluge arbeit der bürgerrechtler, die fluchtwelle, auch die überforderung der stasi mit der eigenen arbeit (da läge das drama, von dem ich sprach). das wachsen der bewegung wie die fluchtwelle von jungen, gutausgebildeten menschen aus dem geist der bürgerrechtler zu erklären, halte ich für falsch. die wahlen 1990 haben ja gezeigt, dass es der mehrheit nicht um eine andere politik, eine bessere ddr gegangen ist wie den bürgerrechtlern, sondern um "bananen", um helmut kohls heilsversprechen von konsum und d-mark.

das war jetzt noch mal sehr lang, uff.

Magda 14.03.2011 | 10:25

@ hadesnumb - "Ich interessiere mich weniger für Kunst als für die gesellschaftliche Wahrnehmung von DDR-Vergangenheit. Mir stellt sich die Frage, wie ein Film auf ein breites Publikum wirkt. Dass die – für meinen Geschmack immer ziemlich konstruiert wirkenden – nachdenklichen Inhalte aus „Sonnenallee“ tatsächlich verstanden werden und nicht hoffnungslos in der allgemeinen Unbeschwertheit untergehen, setzt schon ein tiefes Vertrauen in den Zuschauer voraus."

Genau und darin besteht wohl Kunst, nicht in der Verordnung von Aufklärung. Bravo, bravo, so dachten früher auch die Agitatoren von der SED. Die hatten auch kein Vertrauen in die Menschen.
Sie ähneln denen im Duktus - natürlich in kultivierter Form - durchaus.

Magda 14.03.2011 | 10:35

@ hadesnumb - "Demjenigen, der der verschwindenden Minderheit angehört, die nicht gekuscht haben, und aus deren Sicht es meiner Ansicht nach einzig richtig wäre die DDR heutzutage zu betrachten (weil es am Ende diese wachsende Minderheit war, an der sie zerbrochen ist, nicht der Bananenmangel), bleibt das Lachen höchstwahrscheinlich im Halse stecken."

Sie verstehen nichts über die DDR. Jeder Mensch konnte dort mal zur Minderheit gehören, die sich nicht angepasst hat und dann wieder konform gegangen sein.
Diese ganz konsequente Gegnerschaft gab es nur bei ganz wenigen Leuten und die waren meist schon in den fünfziger Jahren abgehaun.

In den Lebensläufen der einzelnen Menschen spiegelten sich diese Widersprüche und schon aus diesem Grunde haut dieser ganze schwarz-weiß-Sermon nicht hin.
Wenn Sie die Bürgerrechtler nur in ihren Statements nach der Wende einordnen, werden sie hin und wieder lupenreine Widerstandsgeschichten zu hören kriegen. Viele der einstigen Widerständler wollten eine andere, eine bessere DDR. Sie haben dieses Land selten - wie es Herr Gauck heute tut - als grundsätzlich diabolisches abzulehnendes Gebilde gesehen. Und sie bestehen auf dieser differenzierten Sicht noch heute. Sie finden das - jesuitisch - unbußfertig, ich finde das menschlich und wahrer.

hadesnumb 15.03.2011 | 23:34

Ich denke der grundlegendere Punkt, der zu unseren unterschiedlichen Auffassungen führt, ist, dass Sie der Debatte um die DDR in der Form und Intensität, wie sie eben geführt wird, vertrauen, während mir das sehr schwer fällt. Meine Sicht nährt sich dabei aus den Erfahrungen in meinem Umfeld und durch das Bild, dass ich mir von medialen und kulturellen Beiträgen und – so gut es geht – den Reaktionen darauf machen kann. Ich glaube darin ein Maß an Reflexionsmangel und, gerade in meiner Generation, Uninformiertheit zu erkennen, das mich besorgt und häufig wütend macht (daher auch mein unangemessener Einstieg in die Diskussion, für den ich mich entschuldigen möchte). Ich sehe darin eine Reihe von Gefahren, die – pessimistisch weitergedacht – darin münden, dass sich eine Sicht auf die DDR-Geschichte herausbildet, die gewissermaßen dem geringstmöglichen Maß an Unbequeme in der Masse entspricht, eine Art „demokratisches“ Geschichtsverständnis. Ich frage mich jedoch, ob ein Ergebnis, wie ich es jetzt einmal unterstelle, so hingenommen werden kann. Ich bin wahrlich alles andere als ein Demokratiegegner (ob Sie es glauben oder nicht, liebe Magda). Dennoch muss man wohl leider zugeben, dass auch Demokratie nicht vollkommen unanfällig ist. Demokratie funktioniert immer dann am besten, wenn die Individuen gut informiert sind. Aber was ist „gut informiert“? Wer informiert? Wenn es keine äußeren Spieler gibt, die das System beeinflussen (was wohl eigentlich der Idealzustand ist), muss sich hier also eine Gesellschaft bei der Frage der Selbstreflexion letztlich selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen. Oder aber, sie lässt es eben bleiben, wenn ihr das zu anstrengend und der Sumpf ohnehin inzwischen trockengelegt ist. Ihr Plädoyer gegen Hierarchiesierung entspricht ja ziemlich genau dem, was ich hier als „demokratisch“ bezeichnet habe, und ist im Prinzip natürlich konkurrenzlos. Doch während Sie darauf vertrauen, dass damit ideale Bedingungen für die Diskussion herrschen, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das so nicht funktioniert, oder zumindest nicht gut genug. Meine Befürchtung ist, dass zu wenig reflektierte, aber bequeme Positionen durch häufige Wiederholung im Laufe der Zeit automatisch zu einer „Wahrheit“ gerinnen, die auch die Fähigkeit zur Perzeption von vielleicht gut gelungenen Beiträgen schmälert, wohingegen Sie – eigentlich nachvollziehbar – sagen „man muss Filme nicht mit Bedienungsanleitungen schauen“. Ganz ehrlich: Dieses Vertrauen hätte ich gern ;).

Da ich aus dem gefühlten Dilemma, das ich versucht habe hier zu beschreiben, keinen sinnvollen Ausweg sehe (natürlich ist eine Art Meinungswichtung oder „-hierarchisierung“ für mich genauso absurd wie vermutlich für Sie), versuche ich zumindest der Schieflage argumentativ entgegenzuwirken. Das Ergebnis sind dann unter Umständen sehr polare Statements, von denen mir durchaus klar ist, dass sie in der Form nicht haltbar sind, weil ich den Gegenpol gewissermaßen als ohnehin vorhanden voraussetze.

So, nun ist der Bezug zu den zwei Filmen völlig verloren gegangen, aber es ging mir eher darum die Hintergründe meiner Sicht und meiner vorangegangenen Argumentation noch einmal allgemein zu erläutern.

„zum einen würde ich dem angepassten rest der ddr-bewohner ihre angepasstheit nicht so pauschal vorwerfen, wie sie das tun“

Ich möchte niemandem seine Angepasstheit vorwerfen. Zum einen nicht, da sich letztlich wohl wirklich so gut wie jeder DDR-Bürger in einem bestimmten Maße angepasst hat, auch wenn Magda mir diese Einsicht abspricht ;). Zum anderen, da ich schwer behaupten kann (und stark bezweifle), dass ich mich nicht selbst opportunistisch verhalten hätte. Mein Vorwurf ist, dass – Unterstellung – sich ein großer Teil der DDR-Bürgerschaft ihre eigene Angepasstheit nicht bewusst macht oder sie verleugnet.

„man sollte den bananenmangel als sinnbild von wirtschaftlichen fragen für den zusammenbruch der ddr nicht unterschätzen.“

Völlig richtig. Da hätte ich wohl auch wieder etwas besser erklären sollen, wie mein Satz gemeint war. Während viele unerlässliche Begleitumstände der Wende (u.a. auch die besondere Situation der UdSSR) gewissermaßen nicht steuerbar waren, wäre wohl ohne die zähe Vorarbeit und den stetigen Einsatz Bürgerrechtsbewegung niemand dagewesen, um die aufgeschlossene Tür auch tatsächlich aufzustoßen. Im Blick auf Wende (bessere DDR) und (dementgegen - DMark, Heilsversprechen) Mauerfall manifestiert sich übrigens in meinen Augen ebenfalls jene „Schieflage“, die ich zu erklären versucht habe.
Aber ich möchte jetzt nicht noch „ein neues Fass aufmachen“, und bin Ihnen ohnehin sehr dankbar für die interessante Diskussion und die Menge an Zeit, die Sie sich dafür genommen haben.

hadesnumb 16.03.2011 | 08:33

@Magda

„Sie verstehen nichts über die DDR.“

Wenn Sie es sagen.

„Jeder Mensch konnte dort mal zur Minderheit gehören, die sich nicht angepasst hat und dann wieder konform gegangen sein.“

Wie ich oben versucht habe zu erklären, bin ich mir dieser Tatsache durchaus bewusst (ganz so schwarz-weiß denke ich dann doch nicht), habe aber den Eindruck, dass das auf viele nicht zutrifft.

„Bravo, bravo, so dachten früher auch die Agitatoren von der SED. Die hatten auch kein Vertrauen in die Menschen.“

Unterschätzen Sie nicht die Wichtigkeit von Misstrauen. Was die Agitatoren der SED betrifft, war ihr Misstrauen ja in gewissem Sinne durchaus berechtigt, wenn es um ihren Machterhalt und ihre Deutungshoheit ging. Wo da jetzt die Analogie zu mir ist, müssten Sie mir allerdings erklären.