Der Beunruhiger

Nachruf Zum Tod des Defa-Regisseurs Lothar Warneke

Das Kino hat seit je über seine eigene Gemachtheit reflektiert. Immer hat die Suche nach einem möglichst wahrhaftigen Ausdruck auf das Spannungsfeld von Illusionierung und Authentizität geführt. In die Reihe der Versuche, die Kunst zum Leben hin zu öffnen gehören Dziga Vertov und die italienischen Neorealisten, die Nouvelle Vague und Dogma ´95. Und Lothar Warneke.

1936 als Sohn eines Kaufmanns in Leipzig geboren hatte Warneke Ende der fünfziger Jahre Theologie studiert, ehe er sich nach einem Jahr Bewährung in der Produktion in einer Baumwollspinnerei für die Regieklasse an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg bewarb. Seine Diplomarbeit von 1964 trägt den Titel Der Dokumentare Spielfilm, in der Warneke anknüpfend an den Neorealismus den (Dreh)Ort des Kinos außerhalb der Künstlichkeit des Studios sah. Die Ironie der Produktionsbedingungen wollte es, dass Warneke mit einem Film debütierte, für den er seine programmatische Abschlussarbeit nicht hätte verfassen müssen. Mit mir nicht, Madam von 1969, gemeinsam inszeniert mit Roland Oehme, ist eine Krimi-Klamotte, die die Enge der DDR mit ein wenig Welt durchlüftet.

So ist Warnekes eigentliches Debüt sein zweiter Film geworden. Dr. med. Sommer II (1970) begleitet einen jungen Arzt (Werner Tietze) bei der Ankunft im Alltag eines überlasteten Krankenhauses in einer Kleinstadt. Was Warnekes Kino ausmacht, ist hier bereits zu finden. Es wird wenig erzählt und viel gezeigt, die Dramaturgie ist im Sinne einer absichtsvollen Gestaltung des Stoffes auf Zurückhaltung bedacht, die - und darin liegt die Schwäche von Warnekes behutsamen Filmen - an manchen Stellen von Unentschiedenheit und Undeutlichkeit nicht leicht zu trennen ist. Dass ein eher blasser, buchhalterischer Typ wie Werner Tietze die Hauptrolle spielt, ist bezeichnend für das leise Kino des Lothar Warneke, der es sich, nach einem Wort von de Sicas Drehbuchautor Cesare Zavattini zur Aufgabe gemacht hatte, das Außergewöhnliche im Normalen zu suchen. Die Themen von Warnekes schmalem, und von dem Georg-Büchner-Film Addio, piccola mia (1979) abgesehen, homogenem Werk sind in Dr. med. Sommer II schon formuliert. Es geht um die sozialistischen Fragen der Erneuerung von Mensch und Gesellschaft, die der Realismus von Warnekes Stil daran hindert, zu staatlicher Propaganda zu verkommen. Einem Realismus, dem sich bleibende Bilder realer Schönheit verdanken wie in den Freibadszenen in Dr. med. Sommer II. Es geht um den technischen Fortschritt, der in Warnekes Filmen von heute aus mit einer beeindruckenden Weitsicht behandelt wird. Sätze wie "Bald wird jede Klitsche an ein Datenverarbeitungsnetz angeschlossen sein" wirken visionär in einem Defa-Film von 1970, und der einsame Kurzwellenfunker, den Jörg Gudzuhn in Eine sonderbare Liebe (1984) spielt, wirkt vor den Apparaten in seiner Dachkammer wie ein früher Streuner in der virtuellen Gesellschaft eines Internets.

Zuletzt geht es in Warnekes Filmen zwischen privaten Nöten und gesellschaftlichen Zwängen immer um die Suche nach dem Sinn des Lebens. Gespräche darüber klingen zwar öfter hoch trabend und hölzern und haben Warneke den Ruf eingebracht, ein Moralist zu sein. Die Sinnsuche aber berührt den wunden Punkt der DDR-Gegenwart, weil sie danach fragt, wie das Glück aussieht, wenn die Frage nach der Existenzsicherung zur Zufriedenheit geklärt ist. Bei Warneke sind fast ausschließlich Frauen melancholische Protagonisten auf der Suche nach dem gelingenden Leben, trotz stärkerer Gleichberechtigung durch Berufstätigkeit und finanzielle Unabhängigkeit in der DDR. In seinem besten Film Die Beunruhigung (1982) ist Christine Schorn als glücklich geschiedene Eheberaterin zu sehen, die ihren Klienten häufig lieber die Trennung empfehlen würde als einen erneuten Versuch. Dass sich mit der bedingungslosen Wahrheit aber schwer leben lässt, muss sie an sich selbst erfahren, als bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wird. Ein Tag in einem Leben, an dem alles Vorher und alles Nachher zur Disposition steht - das ist der Rahmen, in dem Warnekes Stil der Komprimierung des Lebens durch Krankheit und Tod auf die zentralen Fragen meisterhaft zum Ausdruck kommt.

Ironisch wie der Anfang ist auch das Ende von Lothar Warnekes Filmographie. Einer trage des anderen Last von 1988 wurde sein größter Erfolg, in dem ein Volkspolizist und ein Vikar in den Anfangsjahren der DDR offen über ihre Weltanschauungen streiten. Es ist, wie bei so vielen Defa-Regisseuren, die im wiedervereinigten Deutschland nicht mehr gearbeitet haben, sein letzter geblieben. Heute wieder betrachtet wirkt er wie ein Resümee auf das untergegangene Land. Am 5. Juni ist Lothar Warneke im Alter von 68 Jahren gestorben.


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00:00 17.06.2005
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Ausgabe 42/2021

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