Der große Kehraus

Abfallstudien „Gravity“ war einer der besten Filme des Jahres 2013. Müll spielt darin eine entscheidende Rolle. Drei Betrachtungen zum Trash im Kino: ein kleiner Subbotnik
Matthias Dell (Redaktion) | Ausgabe 51/2013

Simon Rothöhler

Weltraumschrott

Eigentlich läuft alles plangemäß. Kleinere Reparaturen am Space Shuttle sind nötig, aber Routine. Zeit zu plaudern, gegen die Leere und Stille des Weltraums, sich einreden, dass es zwar an Gravität fehlt, aber gesprächsweise immer noch viel Anziehungskraft mobilisiert werden kann. George Clooney legt sich ins Zeug, Sandra Bullock schraubt stoisch am Shuttle, das hätte eine angenehm altmodische, etwas geschwätzige Screwball Space Comedy werden können. Hätte es nicht diesen russischen Satelliten im Orbit zerlegt. Dessen Trümmerteile bilden ein Feld und machen dem Space Shuttle den Garaus. Bullock und Clooney, die in diesem Film lange auf statusgemäße Großaufnahmen warten müssen, sind lost in space. Was folgt, ist eine zyklische Deadline-Dramaturgie, weil das russische Trümmerfeld alle 90 Minuten eine komplette Runde um die Erde absolviert, also alle Spielfilmlänge vorbeischaut.

Immer wenn es so weit ist, verliert Gravity seine meditative Bierruhe und verwandelt sich kurz und heftig in einen echten Blockbuster, mit viel Kawumms und Spezialeffekt. Das handwerklich anmutende Schweben und Gleiten der Kamera weicht dann errechneten Digitalbildern. Einige davon sind sehr schön, Technologiepartikel stehen postexplosiv im Weltraum, wer mag, kann an die atomisierte Warenästhetik von Zabriskie Point denken. Für Gravity stellt sich die Sache aber so dar: Es ist der Schrott der anderen, der alle 90 Minuten eine Travestie der Blockbusterform heraufbeschwört.

Von Simon Rothöhler erschien zuletzt High Definition. Digitale Filmästhetik im August-Verlag

Dorothee von Bodelschwingh

Müllbesorgung

Müll ist das, was übrig bleibt. Die meisten Sachen, die im Lager aufbewahrt werden während der Dreharbeiten zu einem Film, gehen am Ende wieder raus, weil sie nur geliehen sind, Möbel etwa. Die Requisiten, die eigens angeschafft wurden, versucht man zu verkaufen: an die Beteiligten, auf dem Flohmarkt. Der Rest wandert in den Müll. Mit Müll kalkulieren muss man bei Bauten, das richtet sich nach den Materialien. Einmal haben wir ein Pförtnerhäuschen gebaut für den Film Die Eisbombe. Das musste komplett in den Mischmüll, weil es mit Backsteinattrappen aus Styropor beklebt war, ein fieses Teil. Filmbauten übernimmt nur selten jemand für Messen, Partydekorationen oder Ausstellungen, weil die so speziell sind. Und instabil. Eigentlich ist das meiste Müll, was beim Film gebaut wird. Ob Bau oder Originalmotiv – man entscheidet sich für die praktikabelste Variante. Dass wie bei Star Wars die Kulissen in der tunesischen Wüste zu Sehenswürdigkeiten werden, ist beim Pförtnerhäuschen aus der Eisbombe nicht zu erwarten.

Manchmal muss man auch Müll besorgen für die Ausstattung. Je nach Müllsorte bekommt man den kostenlos bei der Stadtreinigung oder direkt bei den Betrieben, wo er anfällt. Für den Schrott bei Russendisko musste ich bei einem Händler eine Gebühr bezahlen und eine hohe Kaution hinterlegen, weil die Materialien so wertvoll waren. Die Gitterboxen waren randvoll und schön sortiert, in einer lauter Spielzeugrevolver, das sah gut aus. Schrott ist einfach auch hübsch, gerade in großen Mengen. Eine schöne Kulisse. Bei dem Bremer Tatort: Scheherazade brauchten wir viel Müll für eine Stuntszene im Großmarkt. Da sollte ein Auto durchrasen, also musste der Müll gut aussehen beim Wegfliegen, sich einfach stapeln lassen und beim Aufsammeln nicht zu viel Arbeit machen. Und dann benötigt man manchmal auch sauberen Müll. Wenn Schauspieler in eine Mülltonne klettern müssen, ist da eventuell kein echter Müll drin.

Dorothee von Bodelschwingh ist Szenenbildnerin (u. a. bei Filmen wie Valerie, 2006; Autopiloten, 2007; Wintertocher, 2011) und hat als Set Dresserin etwa für Der Vorleser und Russendisko gearbeitet

Matthias Dell

Gefühlsrecycling

Wenn zwei Menschen sich lieben, sind sie im siebten Himmel, und wenn sie das nicht mehr tun, landen sie: auf einer Müllhalde. Der lange Weg nach unten in der Paarbeziehung – davon handelt Sam Peckinpahs Film The Getaway von 1972. Vordergründig geht’s um Action; einen missglückten Bankraub, Rumgeballer mit großem Kaliber, eine lange Flucht gen Mexiko, deren Showdown ein Hotel in El Paso in Mitleidenschaft zieht.

In Wahrheit erzählt der Film aber von der Liebe zwischen Steve McQueen und Ali MacGraw (die im richtigen Leben nach den Dreharbeiten ein paar Jahre weiterging). Sie hat, fast auf seinen Wunsch, nämlich um ihn aus dem Gefängnis freizukriegen, sich einem korrupten Politiker hingegeben, der ihn zudem für den Bankraub braucht; dreckige Geschäfte müssen bemäntelt werden. Er bestraft sie dafür ein zweites Mal – mit seinem Misstrauen. Schweigen, schlechte Laune, genervte Blicke. In der Rolle der Kinder, die das kaputte Glück zusammenhalten, zwingt hier die Flucht vor den tumben Häschern des Politikers zur Zweisamkeit; wenn das vorbei ist, geht jeder seiner Wege.

Dazwischen kommt der Sprung in einen Container, der von einem Müllauto abgeholt wird. Irgendwann ist kaum mehr Luft zum Atmen, erst auf der Deponie werden beide ausgespuckt in Peckinpahs Zeitlupe, wiedergeboren als Paar. Nicht kratzen, sagt er zu ihr, als sie sich juckt an den Blessuren des Abfalls; es klingt fast zärtlich. Das Vertrauen ist zurück. Gemeinsam verlassen beide den letzten Ort der Welt. Der siebte Himmel nach dem Showdown spannt sich über Mexiko.

06:00 26.12.2013

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