„Der leere Turm, das ist real“

Kino „Master of the Universe“ erzählt von den Abgründen der Bankenwelt. Welchen Eindruck macht der Film auf Politiker? Wir haben ihn mit Carsten Schneider (SPD) geschaut
| Ausgabe 45/2013

Carsten Schneider, das sagt er am Ende selbst, ist nicht der idealtypische Zuschauer dieses Films. Carsten Schneider ist: MdB, haushaltspolitischer Sprecher der SPD. Dieser Film ist: Master of the Universe von Marc Bauder, ab 7. November in den Kinos, ein Dokumentarfilm, der einen Einblick in die Welt der Investmentbanker gibt, ein Insider, der erzählt, Rainer Voss, wenn auch der Name nichts zur Sache tut.

Carsten Schneider: Der ist eine glaubwürdige, gute Quelle, aber ich würde tippen: mittleres Management, ein Händler. Wahrscheinlich Bayern LB oder HVB. Es ist interessant zu sehen, wie die Leute in den Banken ticken, aber das ist nicht einer der entscheidenden Akteure, kein Hedgefonds-Manager, kein Vorstand einer Bank. Das wäre noch interessanter gewesen.

Der Reihe nach. Der Grund, warum wir mit Schneider gucken: Man verspürt nach dem Abgrund, in den einen Master of the Universe schauen lässt, so ein Spielplatz-Bedürfnis, dass, wenn einen die Großen ärgern, man zu jemand noch Größerem rennen kann; sich über den Irrsinn einer von der Wirklichkeit entkoppelten Bankerwelt mit dem Gang zur Politik zu trösten: Tu doch was! Schneider kennt diese Gefühle in gewisser Weise, im Januar war er im Deutschen Theater Berlin bei einer Vorführung von Andres Veiels Stück Im Himbeerreich, das ebenfalls auf Auskünften aus der Bankerwelt basiert.

Das war sehr lustig. Ich saß da auf dem Podium und hatte die Idiotenrolle. Das angefixte Publikum brauchte nach dem Stück einen Schuldigen, das war ich dann, der Buhmann. War aber interessant, der Abend.

Ein Montagvormittag, wir müssen öfter unterbrechen, am Abend fangen die Koalitionsgespräche mit Schäuble an, und in Thüringen – Schneider ist Sprecher der SPD-Landesgruppe – geht es wegen Wirtschaftsminister Machnig hoch her. Was aber überrascht: Schneider ist dem Film nicht so fern, wie man bei Politikern denken möchte. Mindestens einmal im Monat geht er ins Kino, öfter als der statistische Durchschnitt, Finsterworld würde er als Nächstes gern sehen oder Am Ende der Milchstraße, einen Dokumentarfilm über die Solidarität von sogenannten Abgehängten in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Und Schneider kennt – vielleicht ist die eigene Vorstellung von der kulturellen Praxis bei Politikern auch zu pessimistisch – durchaus jene globalisierungskritischen Filme wie We feed the World, zu denen Master of the Universe entfernt gehört.

Zuletzt habe ich auf Arte einen Film über die Finanzkrise von Harald Schumann gesehen. Der Film hat gesagt, was ich schon hundertmal gesagt und der Schumann auch schon hundertmal geschrieben hatte, etwa dass die Euro-Rettung zum Großteil eine Gläubiger-Rettung war und nicht den Staaten zugute gekommen ist. Aber erst auf den Film haben mich viele Leute angesprochen, das war erstaunlich. Die Mittel des Films, die andere Form der Erzählung – das vermittelt den Leuten das Thema also noch mal auf eine andere, tiefergehende Weise.

Master of the Universe beginnt. Die Kamera fliegt, begleitet von sakraler Musik, auf die Wolkenkratzer von Frankfurt zu. Schneider ist skeptisch.

Die Skyline von Frankfurt ist vielleicht für deutsche Zuschauer beeindruckend. Aber eigentlich ist das lächerlich verglichen mit Hongkong, Shanghai, London. Kreisliga. Beim Investmentbanking ist Frankfurt nicht mal eine Außenstelle. Das läuft international. Und für Europa eben in London. Warum es dafür überhaupt noch einen realen Ort braucht? Vermutlich wegen der Vernetzung im Pub abends. Und natürlich sind die regulatorischen Voraussetzungen für die Geschäfte in London einfacher als in Deutschland.

Im Film ist Rainer Voss zu sehen, ohne dass sein Name angezeigt würde, was Schneider stört, „um das einzuordnen“. Voss erzählt in einem leeren Bankturm seine Geschichte, die Geschichte des Investmentbankings in Deutschland. Als er argumentiert, dass die neoliberale Deregulierungspolitik seit den achtziger Jahren für die späteren Exzesse Voraussetzung war, aber nicht schuld daran, merkt Schneider auf.

Das finde ich gut. Eine differenzierte Einschätzung. Ich hätte vermutet, dass er das irgendwie platter kritisiert. Eine so stark am Export orientierte Industrie wie die deutsche kannst du nicht mit einem Netz aus Sparkassen begleiten.

Eine der prägnantesten Szenen im Film ist die, in der Voss das geschlossene System beschreibt, in dem Banker leben: dass er sich mit Leuten von außerhalb irgendwann nicht mehr unterhalten konnte und dann nur noch Freunde aus seiner Welt hatte, mit denen es über den richtigen Wein, die richtigen Zigarren und andere Fragen der Lebensführung zu reden galt. Der Film (Kamera: Börres Weiffenbach) choreografiert dazu ein Ballett von Luxuswagen, die in Tiefgaragen eintauchen.

Da ich gerade den Porsche da reinfahren sehe – so etwas nehme ich natürlich auch wahr, wenn ich in Frankfurt bin. Die Lust, über Politik zu reden, ist bei solchen Leuten gleich null. Und wenn du als Sozialdemokrat mit Steuern und Gerechtigkeitsfragen ankommst, wirst du da eigentlich nicht ernst genommen. Die Wahrnehmung der Gesellschaft ist in den Köpfen dieser Männer angloamerikanisch durchorganisiert. Die Kultur, die da herrscht, ist von unheimlich viel Geld geprägt und dem Gefühl, dass du nur dazugehörst, wenn du deren Sprache sprichst. Wie er das beschreibt mit dem Wein und den Zigarren, das kenne ich auch. Das ist gut herausgearbeitet: Selbst wenn die sehen, dass es schiefläuft, schaffen sie es nicht, sich dagegen aufzulehnen. Dann wärst du raus.

Die Stelle, an der Rainer Voss, ohne es zu reflektieren, über das männliche Machertum der Bankenwelt spricht, über die Unmöglichkeit, „Babyurlaub“ zu nehmen, ist die, die Carsten Schneider vermutlich am nächsten geht.

Das ist in der Politik auch ein Problem. Du kannst im Sommer mal zwei, drei Monate Erziehungsurlaub machen, aber du kannst da nicht raus. Wenn du einmal rausgehst, kommst du nicht mehr rein.

Und das Resümee? Was sagt Schneider zu der kalkuliert-mackerhaften, scheinbar beiläufigen Prognose von Voss, beim Krieg gegen den Euro würde als Nächstes Frankreich zur Zielscheibe werden, und danach wäre „Game over“?

Das mit dem Krieg stimmt. Aber die haben verloren. Auch den Endkampf. Ich glaube, dass diese Lektion gelernt ist. Das war aber nicht die Politik, das war EZB-Präsident Mario Draghi mit seiner Ankündigung, immer weiter Geld zu drucken. Für mich ist da ein Widerspruch in der Gestaltung des Films: Dass die in einem leeren Bankturm drehen können, das ist ja real. Der Sektor schrumpft. Die Bilanzen werden kleiner gemacht, bei der Commerzbank gibt es diese Investmentabteilung nicht mehr. Die haben auch den Druck nicht mehr – das weiß ich von einem Betriebsrat –, Lebensversicherungen und so Zeug zu verkaufen. Wenn ich den Film gucke, passen Stil und Botschaft, der pessimistische Grundsound des Erzählens für mich nicht ganz zusammen.

Master of the Universe Marc Bauder D 2013, 92 Minuten

Carsten Schneider, geb. 1976, gehört seit 1998 für die SPD dem Bundestag an. Von Medien selbst häufig befragt, ärgert er sich über scheinbar unabhängige Experten in der Debatte. Das Buch auf seinem Schreibtisch: Des Bankers neue Kleider von Anat Admati und Martin Hellwig

Ethik: Ich bin mit Carsten Schneider seit langem bekannt

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