Der Mond und andere Liebhaber

Kino Bernd Böhlich ist schon länger ein Liebhaber des Mondes. In Du bist nicht allein, seinem Publikumserfolg aus dem vergangenen Jahr, hing die Metapher ...

Bernd Böhlich ist schon länger ein Liebhaber des Mondes. In Du bist nicht allein, seinem Publikumserfolg aus dem vergangenen Jahr, hing die Metapher romantischer Schwärmerei in demonstrativer Helle über so manch dunkler und Sorgen erfüllter Nacht. Bei genauerem Hinsehen war die Künstlichkeit dieser Projektionsfläche allerdings gut zu erkennen - und das obwohl Böhlichs Filme bei einem Teil seiner wohlmeinenden Zuschauerschaft wohl als realistisch durchgehen werden. Dabei liegt diesem Realismus das schlichte Verständnis zugrunde, dass er schon herrscht, wo die so genannten kleinen Leute unter sich sind, deren Herz um so größer wird, je kleiner sie das Leben macht. Bedient wird damit eine reduzierte Weltsicht, die zwar den Vorteil einer gewissen Gemütlichkeit mit sich bringt, aber von der Realität eine so komplexe Vorstellung hat, wie sie sich in Fragen an Politiker nach Lebensmittelpreisen zum Beweis ihrer Bodenständigkeit findet.

Böhlichs Filme, und also auch sein aktueller: Der Mond und andere Liebhaber, unterscheiden sich etwa von den Werken Andreas Dresens (Halbe Treppe) in einem Blick auf die prekäre Wirklichkeit, der, was er an dieser Wirklichkeit nicht so genau nimmt, durch Gefühlsseligkeit wieder reinholen will. Dass es nicht um Genauigkeit geht, sondern um Gefühlsseligkeit, kann der Zuschauer in der Der Mond und andere Liebhaber früh verstehen: Eine Fabrik wird gesprengt - und dieser Vorgang ist mit derart billigem Spezialeffekt inszeniert, dass man noch dem Drehbuch für das schmalste Budget eine andere visuelle Lösung empfohlen hätte, um das Ende einer Arbeitskultur zu bebildern.

In der Fabrik gearbeitet haben Hanna (Katharina Thalbach) und Dani (Fritzi Haberlandt), die sich nun nach neuer Arbeit umsehen müssen. Der Widerstand, sich den mitunter trostlosen Formen des Broterwerbs in der Dienstleistungs- und Zeitarbeitsgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu beugen, wird mit einem Wurf der Wurst nach der Speckseite gefühlter ostdeutscher Befindlichkeiten garniert: "Ich will ne Kartoffelsuppe mit Bockwurst drin und nichts vom Italiener oder Inder", heißt der Drehbuchsatz, der sich über den Büroalltag der Post-Betriebskantinenzeit lustig macht. Aber gesprochen wird er nicht von Hanna, die glaubhaft den Großteil ihrer Mittagspausen mit Kartoffelsuppe und Bockwurst zugebracht haben könnte, sondern von Dani, die gemessen an der Jugendlichkeit ihrer Darstellerin solche kulinarischen Erfahrungen allenfalls in ihrer Kindheit gemacht haben dürfte.

Für einen schmerzvolleren Abschied von der Kartoffelsuppe bleibt allerdings keine Zeit, denn - und das ist das offensichtlichere Problem von Der Mond und seine Liebhaber - Böhlichs Film nach eigenem Buch ist ein Schweinsgalopp durch die Abgründe menschlicher Gefühlslagen. Eben noch sucht Hanna im Internet einen Mann, dann strahlt sie beim Silly-Konzert Gitarrist Uwe Haßbecker an, in dessen Bus sie kurz danach steigt, was angesichts von Haßbeckers schauspielerischen Möglichkeiten schon keine gute Idee ist. Zum Glück muss Hanna gleich wieder raus, weil sie bei der Tombola eine Reise in die Türkei gewonnen hat, die sie mit ihrer Tochter antritt. Dort kommt es zu einer geglückten (die Tochter) und einer verhinderten (Hanna) Liebschaft. Wieder zurück, verunglückt die Tochter, woraufhin Hanna nach missglücktem Schlussstrich ein neues Abenteuer mit einem sympathischen Markthändler (Birol Ünel) sucht, das aber wieder nur im Krankenhaus endet. Daraufhin entschließt sich Hanna zur Vernunftehe mit dem treuesten Kunden (Steffen Scheumann) an der Tankstelle, an der sie Arbeit gefunden hat. Der Versuch, sich von dem Tankstellenjob als Imbissbudenbesitzerin zu emanzipieren, scheitert an der Stadtplanung, woraufhin Hanna an die Tankstelle zurückkehrt, um quasi in der Mittagspause mit dem erstbesten Brummifahrer (Detlev Buck) nach Finnland durchzubrennen - und zwischendurch hat sie noch einen Arm verloren.

Es mag etwas Spielverderberisches haben, die Handlung hier so runterzuschnurren. Aber nichts anderes tut Bernd Böhlich (dem seine hochkarätigen Schauspieler den Film vor der Parodie retten) und verdirbt damit wohl auch dem ihm gewogenen Zuschauer den Appetit. Statt zum Italiener oder Inder geht der Film zum Chinesen und bringt Ente süß-sauer mit - davon aber so viel, dass selbst ein vehementer Kostverächter rasch übersättigt sein wird.

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