Der Mongole von Sergej Bodrow

Kino Beruhigend ist das Kino, vermittelt es uns doch die Gewissheit, dass es noch den Größten unter den Großen im Prinzip nicht anders erging als uns ...

Beruhigend ist das Kino, vermittelt es uns doch die Gewissheit, dass es noch den Größten unter den Großen im Prinzip nicht anders erging als uns selbst. Die Kindheit ist unbeschwert, aber irgendwann vorbei, die Liebe eine Himmelsmacht und die Welt im Grunde schlecht, weil zu viele Neider uns nicht in Frieden leben lassen. Also müssen wir immer wieder raus - ob nun täglich ins Büro oder in einen langen Kampf, um schließlich ein Volk zu einigen, ist letztlich nur ein kleiner Unterschied.

Das bedeutet uns Sergej Bodrow, der, mitproduziert vom einstigen deutschen Autorenkinohort X-Filme, einen prächtigen Historienschinken vorlegt. Sein Titel lautet Der Mongole, und auch wenn der anfangs kindliche (Odnyam Odsuren), später jugendliche Held (Tadanobu Asano) nur auf den Namen Temudgin hört, so wissen wir doch, wer gemeint ist: Dschingis Khan. Über zwei Stunden dauert das Steppen-Epos, das - die Inserts zählen mit - von 1186 bis 1206 reicht, und damit gerade einmal die Vorgeschichte erzählt: den unaufhaltsamen Aufstieg des Temudgin zum Khan.

Unaufhaltsam ist der Aufstieg, obwohl der Film in fast konzeptkunsthafter Ausdauer von Versuchen erzählt, den Aufstieg aufzuhalten. 29-jährig sitzt Temudgin am Beginn in einem Käfig im Königreich Tangut, dem heutigen Bhutan, und dass seine Haut ihn um vieles älter macht, erzählt etwas von den hygienischen Bedingungen der Vorzeit wie von den Zumutungen, die da schon erlitten zu haben sich heute kein wohlstandswestlicher Altersgenosse mehr vorstellen kann. Der Film wird auf dieses Bild zurückkommen, aber dann ist noch lange nicht Schluss.

Bis dahin geschieht: Temudgin geht mit seinem Vater (Basan) auf Brautschau, die passenderweise in dem dem Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts nicht unbekannten Modus des Castings abgehalten wird, wobei sich die später erwählte Borte (Bayartsetseg Erdenebat/Khulan Chuluun) sich ihren künftigen Gatten recht eigentlich selbst erwählt. Die Liebe, das ist lange das Thema dieses Films, wird auf eine harte Probe gestellt, denn lange dürfen die beiden nicht zueinander finden, erst aus traditionellen, später aus terminlichen Gründen. Temudgins Vater wird bald vergiftet, und seine Gefolgsleute heben nicht Jungen auf den Thron, sondern lassen ihn allein seiner Jugend wegen am Leben. Das sich in der Folge als eben hart erweist: Unzählige Male wird Temudgin gefangen genommen, an pittoreske Folterinstrumente gespannt (der hölzerne Esel), glücklich immer wieder errettet, um doch wieder nur gefangen genommen zu werden. Die mongolische Steppe, das muss hinsichtlich ihrer dramaturgischen Tauglichkeit für die actionreichen Anteile dieses Epos deutlich gesagt werden, erweist dem Flüchtigen einen Bärendienst nach dem anderen: aus ihr ist kein Entkommen. Dem zeitgenössischen Indianer, wie er uns aus den Winnetou-Filmen in Erinnerung ist, boten sich da mehr Möglichkeiten.

Borte wird derweil genauso oft verschleppt und Mutter von Kindern, deren Vater nicht ihr Gatte ist, was diesen nicht daran hindert - nach der Befreiung aus besagtem Käfig - sie umstandslos anzunehmen. Für einen Moment bietet sich hier die Idylle, die heutigen Patchwork-Vätern Beispiel sein sollte. Dann aber steigt Temudgin mitten im familiären Sonntagsausflug auf das Pferd, um kurzerhand die Mongolen zu einigen. Zieht sich ein wenig, gelingt aber, wenn auch gegen den Widerstand seines einstigen "Bruders" Dzamukha (Amarbold Tuvshinbayar/Honglei Sun).

Der Mongole ist uns Mitteleuropäern auch deshalb nah, weil er, etwas ins Leidensfähige gedehnt und buddhistisch-esoterisch angedickt, das Drama Hamlets erzählt, der zwischen der alten Ordnung und der friedlichen Vorstellung einer Aufklärung avant la lettre vermitteln muss. Die safrangelben Mönche benehmen sich schon um 1200 so edel, dass unsere Bewunderung für sie heute auf sicherem Fundament steht. Als Lehre bleibt: "Verachte nie ein schwaches Junges, es könnte ein brutaler Tiger werden." Wer nach dem Abspann sich noch dankbar wähnt, dass die Geschichte vom Aufstieg des Dschingis Khan an dem Punkt endet, an dem er zur Expansion nach Europa aufbricht, dem sei gesagt, dass das naturgemäß nur die Vorlage für ein Sequel ist: 2010 soll Der Mongole kurz vor Berlin stehen. Wie beruhigend das ist, werden wir sehen.

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