Der Nachwuchsdurchlauferhitzer

Berlinale Grün ist die Farbe der Saison, aber mit echter Nachhaltigkeit haben die Filmfestspiele deswegen noch lange nichts zu tun

Grün ist die Farbe der Berliner Filmfestspiele in diesem Jahr , und zwar nicht nur aus Solidarität mit dem iranischen Filmemacher Jafar Panahi, dessen Stuhl in der Jury leer bleiben muss, weil er in seinem Heimatland zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden ist.

Grün ist auch die Farbe der 61. Berlinale, weil Umweltfreundlichkeit und Klimawandelwarnung zu den Botschaften gehört, die eine Riesenmaschine wie das Filmfestival nebenher aussendet, um sich seine Zeitgenossenschaft zu beweisen. Ein Künstler hat den Schriftzug "Holy Wood“ im nahe dem Potsdamer Platz gelegenen Tiergarten errichtet, um für die Wertschätzung des Baumes als solchem zu werben.

Der Witz an einer derart grünen Berlinale besteht dabei nicht einmal darin, dass sich über den auch das Kunstwerk sponsernden Energieversorger ambivalente Meinungen hinsichtlich der „Reinheit“ von dessen Ökostromhaftigkeit finden lassen – die Berlinale ist schon allein deshalb schwer mit „Nachhaltigkeit“ zu assoziieren, weil es sie in jedem Jahr gibt und sie, zumal unter ihrem umtriebigen Leiter Dieter Kosslick, geradezu darauf angewiesen ist, sich in den Farben der jeweils aktuellen Debatten und Lebensstile zu zeigen. Nach allem, was man über Kosslicks offensive Yoga-Begeisterung hört, könnte im nächsten Jahr der Sonnengruß zum Angebot für die Pausen zwischen den Filmen gehören.


Der ubiquitär-modische Begriff Nachhaltigkeit ist zudem einer, der zur Filmlandschaftspflege, wie sie die Berlinale betreibt, nicht recht passen will. Zwar verwies die Leiterin der Perspektive Deutsches Kino, Linda Söffker, bei einem Gespräch zum 10. Geburtstag der Reihe auf vier Filmemacher, die einst hier debütierten und jetzt an anderen Stellen des Programms wieder auftauchen. Es lässt sich aber nicht sicher sagen, ob es diese Auftritte trotz oder wegen der Perspektive gibt – denn die bei Kosslicks Antritt eingerichtete Sektion lebt genau von diesem Trotz-oder-Wegen.

Weil die Perspektive in der Rangordnung hintenansteht, kämpft sie nicht immer überzeugend gegen den Verdacht an, lediglich Resterampe zu sein für die Filme, die Wettbewerb, Panorama oder Forum nicht haben wollten – herausragende deutsche Debüts bedürfen nicht der Schonung durch eine Sektion, die sich nicht inhaltlich definiert. Umgekehrt könnte man die Frage aufwerfen, ob die große Bühne und die zumeist wohlwollende mediale Begleitung bei den Machern von deutscher Filmhochschulkonfektion nicht falsche Hoffnungen nährt – und das in einem Berufsfeld, in dem die wenigsten auf ihr Debüt zweite und dritte Filme folgen lassen können.

Ulrich Köhler könnte als Beleg gegen diese Form von Nachwuchsdurchlauferhitzung dienen. Nachdem sein Debüt Bungalow 2002 im Panorama lief und der zweite Film Montag kommen die Fenster 2006 im Forum, hat es Schlafkrankheit nun in den Wettbewerb geschafft. Völlig zurecht, denn Köhler öffnet den auf offene Unmittelbarkeit abonnierten Reduktionismus der so genannten Berliner Schule für ein größeres Gefühl von Entfremdung: Der Entwicklungshelferarzt Ebbo kann nicht aus Afrika nach Wetzlar zurückkehren, weil ihm das, wohin er gegangen ist, vertrauter zu sein scheint als das, woher er kam.

Der Clou von Schlafkrankheit besteht in einer aktualisierenden Korrektur des Herz-der-Finsternis-Mythos: Der Pariser Arzt Alex, der den weißen Ebbo zu suchen kommt, ist trotz seines kongolesischen Vaters der eigentliche Europäer in der Fremde Kameruns.

Riskante Dokumentation

Volker Sattel hat in der Perspektive debütiert und ist in diesem Jahr im Forum zu sehen mit Unter Kontrolle, einem stillen, beunruhigenden Panorama über Atomdeutschland. Ein kluger, umfassender Film, der seinen beschwichtigenden Titel eher dementiert, wenn bei einem Probealarm in einem Schulungszentrum die unverständlichen Fehleranalysen der Menschen dem Blinken und Dröhnen der Technik so hoffnungslos hinterherhinken, dass man in den Ernstfall kein Vertrauen entwickelt.

Dass es auch an den Filmemachern selbst ist, die Dringlichkeit ihres Schaffenwollens nachzuweisen, zeigt Cyril Tuschi. Dessen Erstling SommerHundeSöhne ist als verwechselbares Gute-miese-Laune-Road-Movie fast vergessen. Nun meldet sich Tuschi mit der riskanten Dokumentation Khodorkovsky zurück (Tuschis Büro wurde gar verwüstet, der Laptop mit einer Version des Films gestohlen), die in ihrem epischen Überschwang und der rührenden Naivität, als Westentaschen-Michael-Moore sich über den Kreml zu empören, zwar Schwächen zeigt. Die aber eine Diskussionsgrundlage zum Verständnis der russischen Ökonomie zwischen Plan- und Marktwirtschaft liefert.

Nur mit der CO2-Bilanz für Recherchereisen nach Sibirien, Amerika oder Israel kann Tuschi nicht punkten.

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12:00 18.02.2011
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Ausgabe 41/2021

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