Der Name, auf den der Apparat hört

Monografie Ralph Hammerthaler gräbt an ungewöhnlicher Stelle und schreibt ein Buch über Michael Tschesno-Hell
Matthias Dell | Ausgabe 19/2016 6

Michael Tschesno-Hell ist ein unverwechselbarer Name, erklären muss man ihn trotzdem. Also immer Attribute, Charakterisierungen hinterherschicken: DDR-Kulturfunktionär, Verlagschef bei Volk und Welt, Drehbuchautor der Thälmann- und Liebknecht-Filme. Oder auch Der Bolschewist – so heißt das Buch, das der Schriftsteller Ralph Hammerthaler über Tschesno-Hell geschrieben hat. Und das man für einen konzeptkunsthaften Scherz halten könnte, für die Grille eines Autors, der über Kunstproduktion und Parteinahme im ideologisch umkämpften deutschen 20. Jahrhundert nachdenkt anhand einer ausgedachten Person: der Monografie über einen Unbekannten.

Im Umfeld von Field

Denn das Kuriose an Tschesno-Hell ist nicht einmal, dass er selbst Leuten, die in der DDR gelebt haben und mit Film zu tun hatten, kaum etwas sagt, sondern dass selbst jene, die mit ihm etwas verbinden, sich fragen, was man mit ihm anfangen soll. Der DEFA-Stiftungsvorstand Ralf Schenk schreibt im Vorwort, dass er überrascht gewesen sei, als er von dem Buch gehört habe: „Was sollte über diesen Mann zu berichten sein, der sich in der Erinnerung vieler Zeitgenossen als strenggläubiger Dogmatiker festgesetzt hätte?“

Der Soziologe Rudi Schmidt, dem sich die Anregung zur Recherche verdankt, beschreibt im Nachwort das Dilemma, vor dem ein Porträt Tschesno-Hells steht: „Die Unsichtbarkeit des Individuellen, die die öffentliche Präsenz altkommunistischer Kader auszeichnet (illustriert am Leben mit Decknamen und Passwörtern), weil die mögliche Identifikation im Überlebenskampf der Illegalität und Emigration schnell zur Gefährdung werden konnte, setzte sich – bald zur zweiten Natur geworden – in der Nachkriegsnormalität und im sozialistischen Staat fort, insbesondere bei jenen, die eine zweite Identität als Geheimdienstagent besaßen.“

Hammerthalers Buch kennt also gleich zwei Probleme – es mit einer bürokratischen Figur aufzunehmen, und das bei dürftiger Quellenlage; dementsprechend wogt die Intensität der biografischen Erzählung auf und ab. In russischen Archiven konnte der Autor zu einer möglichen Geheimdiensttätigkeit Tschesno-Hells nicht forschen, weshalb manche Bewegungen in dessen Leben rätselhaft bleiben. Trotz der Bekanntschaft mit Noel Field aus dem Schweizer Exil zur Nazi-Zeit blieb Tschesno-Hell von den stalinistischen „Säuberungen“ der Nachkriegszeit verschont, die Fields vermeintliche Spionage für die USA motivierte.

Zugleich gehörte Tschesno-Hell zu den sogenannten Westemigranten (erst Paris, dann die Schweiz, wo er mit Stephan Hermlin und Hans Mayer eine Flüchtlingszeitung machte), deren Fame im DDR-Apparat geringer war als der von Rückkehrern aus der Sowjetunion; das Buch erzählt auch DDR-Kulturgeschichte. Hermann Kant hat ihn in Die Aula als Tinkler-Bill verarbeitet, als einen zu früh Geborenen, der mit seinen Werken jeweils zu spät in Erscheinung tritt – eine Lesart, die Hammerthaler gefällt. Etwa wenn er die Liebknecht-Filme beschreibt – Solange Leben in mir ist (1965) und Trotz alledem! (1972) –, die im Herbst des 20. Jahrhunderts die Sichtweisen aus dem hart umkämpften Frühling zementierten.

Anregend ist Der Bolschewist, weil man sich in solchen Momenten die Frage stellt, warum deutsche Filme dauernd Nazi-Uniformen tragen müssen, aber sich niemand für Liebknecht und den Anfang der Weimarer Republik interessiert. Lesestoff böte Der Bolschewist, theoretisch, für Florian Henckel von Donnersmarck, der mit einem neuen Film (Werk ohne Autor) zum Erfolg von Das Leben der Anderen zurück will, einer Künstlerbiografie durch NS-Zeit und DDR. Tschesno-Hells Beispiel handelt von Linientreue. Hammerthalers Buch zeigt, wie schwer die zu finden ist.

Info

Der Bolschewist. Michael Tschesno-Hell und seine DEFA-Filme Ralph Hammerthaler Bertz + Fischer 2016, 176 S., 12,90 €

06:00 25.05.2016
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