Der Nebel wabert wunderbar

Polizeiruf 110 Der letzte Münchner Polizeiruf 110 mit Michaela May und Edgar Selge ist ein Höhepunkt der Serie. Wir werden die Kommissare Obermayer und Tauber vermissen

Mit den Kommissaren unseres föderalen Sonntagabends ist es wie den Politikern der Länder: Es handelt sich um Figuren, die einen begleiten und die einem, ob man sie mag oder nicht, doch irgendwie vertraut werden im Lauf der Zeit. Deshalb fällt der Abschied schwer: Günther Oettinger etwa, der immer wie ein Specht auf seinem Schwäbisch rumgehackt hat, verschwindet zu Europol nach Brüssel. Dafür bereiten wir uns im SWR auf Stefan Mappus vor, dessen Physiognomie – da sind wir hemmungslos nostalgisch – größte Hoffnungen weckt.

Schwerer allerdings fällt der Abschied von Jürgen Tauber (Edgar Selge) und Josephine (an das kumpelhafte "Jo" wollten wir uns nie gewöhnen) Obermayer (Michaela May). Obermayer mit ihrem schönen Bayrisch und Tauber in seiner trockenen Manier sind mit "Endspiel" in ihrem letzten Fall angekommen. Dafür spendiert der BR sogar ein kleines Erinnerungsheft, in dem alle Fälle aus der Regierungszeit von 2000 bis 2009 abgebildet sind.

Außerdem warme Worte von der Redakteurin Dr. Cornelia Ackers, die gar nicht aufhören wollte – das sind doch andere Sitten als, sagen wir, beim NDR unter Doris Heinze, die Uwe Steimles Schweriner Kommissar Heinrichs erst mit langweiligen Fällen anödete, um ihn nach Beschwerde darüber zu feuern. Sagt die Legende.

Minderheitendiskurse

Die Liebe des BR dagegen drückt sich aus im besten Sonntagabendkrimi des Jahres: Das Drehbuch hat schöne Dialoge, das Spiel der Darsteller ist präzis, und Andreas Kleinerts Regie mit Zug ins Schwermütige (Nebel wabert durch den Wald) findet in "Endspiel" ihren Stoff. Dieser Münchner Polizeiruf ist auch noch spannend, der Drogenmixer Kralewski (Eberhard Kirchberg) als Biedermann eine abgründige Figur. Kritisch anmerken kann man höchstens, dass nach der Wendung zur Hälfte des Films (Kralewskis Ermordung) ohne Not kriminalistisches Potential verschenkt wird:

Wie das Doppelleben dieser zwielichtigen Drogenfahnder nun ausschaut, was, im Besonderen, dieser von Wanja Mues mit irrem Blick und in schlechtem Pflegezustand gespielte Matthias Kurtz (!) mit dem Geld von Kralewski anfängt, außer Prostituierte, die das offenbar nicht wollen, auf den Mund zu küssen – das hätte doch detaillierter erzählt werden können. Außerdem ist selbst das Private hier sehr schön erzählt und nicht so aufdringlich, wenngleich wir auf den Sonntagabendkrimi noch warten, der über seine Minderheitendiskurse (Taubers scheinbare Homosexualität, Obermayers türkischer Mann) einfach einmal schweigt.

Zudem ein übergeordnetes Thema, das jeden angeht: Nonkonformismus in entwickelten Bürokratien. Während die Chefin sich um Regeln, Weihnachtsfeiern, Schreibtischgrößen und Betriebsfestbilder kümmert, machen die Drogenjungs, vor allem Kurtz, die Drecksarbeit zwischen Überzeugungstat und falscher Mission. Das kommt hübsch ambivalent daher, man weiß nie recht, ob Kurtz zu starrsinnig oder zu recht so ist.
Besonderes Schmankerl für uns als Freund des Kommissars : Es wird gequarzt wie Hölle, München ist schön schmuddelig und die Szene in dem Club zu früher Stunde, in dem DJ Pillenkurier vor seinen besten Kunden auflegt und Tauber wie der Zuschauer in die Gesichter von lauter verlorenen Seelen schauen, die Szene also hätten Ringelmann/Reinecker nicht abschreckender filmen lassen können.

DER BESTE KÜNDIGUNGSGRUND: "Weil er so war, wie er war."

KANN MAN EIGENTLICH IMMER SAGEN: "Supi ist genau das Wort, das ich gerade gesucht habe."

21:45 08.11.2009
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