Matthias Dell
19.10.2011 | 11:28

Der Spion, der sich liebte

Kino Durch die Instanzen der Aufarbeitung oder wie man von der Schuld als IM reden kann: Der Dichter Paul Gratzik im Dokumentarfilm „Vaterlandsverräter“ von Annekatrin Hendel

Die Tragödie von Paul Gratzik ist größer als das, was Aufarbeitung heißt. Wenn man das verstehen kann in Annekatrin Hendels Dokumentarfilm Vaterlandsverräter, dann leistet der Film einen wichtigen Beitrag im Umgang mit der deutschen Vergangenheit.

Paul Gratzik, ein Vertriebenenkind, proletarisch geprägt, ist Dichter geworden. Und er hat als IM für die Stasi gearbeitet, und in der medialen Reflexhaftigkeit endet hier das Interesse für die Biografie, IM geht nicht; man kann dann noch Wolf Biermann anrufen, der einem vielleicht sagt, dass Gratzik ein Arschloch ist. Aber was ist damit gewonnen?

Das mit dem Arschloch weiß Gratzik selbst, und er sagt es auch selbst in dem Film, als er einmal aus seinem Bericht vorlesen soll. Dann sieht er sein Geltungsbedürfnis, „dieses kleine Lichtchen, dieses kleine Arschloch Paul Gratzik ‚schätzt ein‘“, und dann muss er prusten, weil das so hypertroph ist – der kleine Spitzel, der über den Dingen steht, aber in Wirklichkeit nur verführt ist von seiner Wichtigkeit.

Westdeutsche Fragen

Die Tragödie von Paul Gratzik ist nicht die eines Schritts vom Wege, als die man Stasi-Mitarbeit heute zu verstehen glaubt. Die Stasi-Mitarbeit ist vielmehr ein Schritt auf dem Weg, der Karriere bedeutet – ein Teil der Hybris, die ein erster Erfolg an der Volksbühne Berlin befeuerte, den Gratzik beschreibt wie eine Szene bei Hof, mit ihm als König. Gratzik muss man sich als eine Ikarus-Figur denken, der die eigene Eitelkeit Flügel verliehen hat und die sich zwangsläufig verbrennen musste in der Nähe der Macht. Diese Geschichte kann man nicht erzählen in Reflexen, und deshalb steckt im Auftakt des Films eine tiefe Wahrheit, wenn Gratzik zu Tode beleidigt sagt: „Ich höre diese scheiß westdeutschen Filmfragen raus.“ An die Verwundung, das Verbrannte in diesem Paul Gratzik kommt man nicht heran, wenn man ihn mit der Moral der Sieger befragt.

So ist Vaterlandsverräter eine schön fotografierte Reise durch die Instanzen der Aufarbeitung: zur BStU-Mitarbeiterin, die sich zu Sachlichkeit verpflichtet fühlt; zur bespitzelten Geliebten, die ihre Empörung über die Enttarnung nicht kaschiert; zum Stasi-Führungsoffizier, für den man eine gewisse Sympathie entwickelt angesichts der erstaunten Fragen. Es geht um Macht, Interessen, und deshalb liegt auch das Drama dieses Stasi-Mannes jenseits der Reflexe. „Irgenwann hat er auch eine halbe Flasche Schnaps gebraucht“, sagt Gratzik über seinen Führungsoffizier, „aber er hat keinen Alkohol vertragen. Wir haben alle abgebaut.“ In Vaterlandsverräter ist wahr und falsch eine Frage der Sprache, der man anhören kann, wenn sie in den Bezirken des Skrupels, der Scham, der Verdrängung ankommt.

Vaterlandsverräter zeigt einen alten, leidenden Mann in der Uckermark, der um seinen Unterhaltungswert weiß, der schöne Beobachtungen macht („da ist keine gute Stelle in dieser Lobby“), der aufmerksam, höflich, charmant ist, so dass man versteht, warum er zum Lustknaben der Schauspielerin Steffie Spira werden konnte, Heiner Müller kannte und so weiter.

Unpassend wirkt an dem Film in manchen Momenten das Fragen der Regisseurin. Gratzik ist dadurch zwar gezwungen, sich zu erklären in hübschen Sätzen. Aber die naive Aufrichtigkeit Hendels ist schon deshalb falsch, weil der Film selbst zeigt, wie schnell man Leute verraten kann an den Effekt: Die bespitzelte Geliebte liest aus einem Bericht über sich vor, und dann sieht nur der Zuschauer, nicht aber sie, dass die geschwärzte Stelle ihr Sexualleben betrifft.