Der Star im Kunstfigurenkabinett

Kino "Horst Schlämmer - Isch kandidiere" ist ein wechselhafter Film, der vor allem vor der Bundestagswahl fertig werden musste. Am besten sieht darin naturgemäß aus: Horst Schlämmer

Horst Schlämmer ist der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Der Wahlkampf dümpelt vor sich hin, das Duell zwischen Merkel und Steinmeier scheint so sehr eins zu sein, wie das zwischen Usain Bolt und Tyson Gay über 100 Meter eines war, und da kommen die Plakate für die "HSP", die "Horst-Schlämmer-Partei", auf denen "Isch kandidiere" steht, dem Wähler/Zuschauer gerade recht: die PR für den Horst-Schlämmer-Film tarnt sich als Wahlwerbung.

Man liegt nicht falsch, wenn man sagt, dass diese PR wichtiger ist als das, wofür sie gemacht wird. Der Film Horst Schlämmer – Isch kandidiere ist nur ein Medium, um einen Witz, der gerade erzählt werden muss, zu erzählen. Überspitzt gesagt gibt es ihn nur, damit es die Wahlwerbeplakate dafür geben kann. Das ist durchaus ein politischer Anspruch, hinter den der Film als Film freilich immer wieder zurückfällt. Vielleicht muss man es so sagen: Horst Schlämmer – Isch kandidiere ist nicht politisch, die Werbekampagne dazu schon.

Man merkt dem Film (Regie: Angelo Colagrossi) an, dass er mit heißer Nadel gestrickt ist, dass er sich eine Geschichte hat einfallen lassen müssen, die um bereits existierende "Horst Schlämmer trifft..."-Schnipsel und eigens gedrehte herum organisiert wurde. Die Geschichte geht so: Der ewig gebeutelte Angestellte, der die Welt verstanden hat ("Die kochen alle nur mit Wasser"), beschließt selbst Bundeskanzler werden zu wollen ("Das kann ich auch"). So erleben wir Schlämmer erstmals bei der Arbeit, wenn der gesichtslose Chefredakteur des fiktiven Grevenbroicher Tagblatts, dessen Stellvertreter Schlämmer sein soll, die interessanten Termine für sich reklamiert: ein politisches Interview, eine erotische Lesung mit Alexandra Kamp. Schlämmer darf die Termine schießlich doch wahrnehmen, weil er dem Chef schlechtes Essen überlassen musste. Das ist Klamauk (und davon gibt es in dem Film auch noch ein wenig mehr).

Schlechtes Kabarett sind die Szenen, in denen offensichtlich Zeitgemäßes parodiert wird: in denen also Alexandra Kamp, die sich in den "Machtmenschen" Schlämmer verliebt, ihre und seine Karriere durch das Passepartout von Carla Bruni und Nicolas Sarkozy sieht. Oder wenn Schlämmer auf der Suche nach einer Toilette in einem Casting im Stil von DSDS landet, das dazu dient eine Dieter-Bohlen-Persiflage loszuwerden. Besser sind dagegen die Parodien des Berliner Betriebs, mit denen Kerkeling selbst das politische Setting seines Films etabliert: Er macht Ulla Schmidt nach oder Ronald Pofalla, wie sie einem Fernsehstudio zugeschaltet die immer gleichen drei Sätze sagen, in denen es überdies nur um das eigene "Ich" geht. Das wirkt manchmal ein wenig pauschal, obwohl die sprachlichen und habituellen Imitationen gut getroffen sind.

Seine Höhepunkte hat der Film immer dann, wenn Horst Schlämmer Horst Schlämmer ist (es gibt auch Szenen, in denen Horst Schlämmer diesen Horst Schlämmer spielt wie eine Rolle, wenn er in seiner Stammkneipe sitzt und geknickt ist). Kerkelings Stärke besteht in der Interaktion mit dem so genannten gewöhnlichen Leben oder auch Prominenten. Bei der stellvertretenden Grevenbroicher Bürgermeisterin Ursula Kwasny (CDU), die erschreckend naiv vom Haushaltsdefizit erzählt und nicht einmal ein 16-Millionen-Euro-Minus und ein 8-Millionen-Euro-Minus zusammen rechnen kann ("22 Millionen"), wird deutlich, wie gefährlich verführerisch der scheinbar tumbe Schlämmer sein kann: Er stellt generelle Fragen, die jedem anderen "Journalisten" zu schlicht wären ("Was mangelt Deutschland?"), und löst, weil er so kumpelhaft und schlicht herüberkommt, bei eher unerfahrenem Personal wie Frau Kwasny heillose Verwirrung aus.

Den routinierten Vertretern des politischen Betriebs kann das freilich nicht passieren: Jürgen Rüttgers gibt sich gut gelaunt und väterlich, wohl wissend, dass er nur gewinnen kann, wenn er sich so normal wie möglich verhält in Anwesenheit Schlämmers. Gesine Lötzsch von der Linkspartei hält sich an ihren politischen Inhalten fest, die angesichts von Schlämmers Unernst ein wenig fehl am Platze wirken. Der FDP-Politiker Otto Fricke disqualifiziert sich dagegen, weil er etwas zu jovial, einverstanden und witzig sein will, wogegen sich Schlämmer umstandslos verwehrt - Rückschlüsse auf die FDP lässt das aber wohl eher nicht zu.

Das Beste an Horst Schlämmer – Isch kandidiere ist der Protagonist. Horst Schlämmer, wie Hape Kerkeling ihn bis hin zur Schnappatmung ausdifferenziert, ist selbst eine Art Kino, weshalb es mitunter komisch wirkt, wenn dieser Schlämmer Handlungen in einem Film absolviert, in dem er eine Rolle spielt. Der Charakter Schlämmer erzählt viel mehr als alle Geschichten, die man sich dazu ausdenken kann. Zumal Hape Kerkeling seinen ungenierten, feigen, gönnerhaften Kleinbürger derart liebevoll und detailliert ausstattet – vielleicht ist allein die Art, wie er stolz den Kopf reckt und ungelenk die Brille gerade rückt, wie er strampelnd läuft oder "Rezension" statt "Rezession" sagt, diesen äußerst wechselhaften Film wert.


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16:05 20.08.2009
Geschrieben von

Ausgabe 39/2020

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