Der Verlorene

Selbstporträt Christoph Rüters Dokumentarfilm "Brasch – Das Wünschen und das Fürchten" beschreibt das Leben des 2001 gestorbenen Künstlers Thomas Brasch von seinem Ende her

„Verlieren ist eine Arbeit“, sagt Thomas Brasch in einem Moment, in dem die Nacht tief ist. Er sitzt in seiner Wohnung am Schiffbauerdamm, über dem Restaurant Ganymed, neben dem Berliner Ensemble, zwischen den Zeiten. Die Wohnung ist kein Zuhause, der Einzug kein Neuanfang, vielmehr der Beginn eines langen Endes.

Christoph Rüters Dokumentarfilm Brasch – Das Wünschen und das Fürchten beschreibt ein Leben von seinem Ende her. Das Leben des Thomas Brasch, des dissidenten DDR-Funktionärssohns, der nach der Übersiedlung in den Westen 1977, ein gefeierter Künstler war, obwohl er immer misstrauisch geblieben ist, ob das Feiern nun seiner Kunst oder seiner Übersiedlung galt. Gespielter Dramatiker, ausgezeichneter Filmemacher (die legendäre Szene, in der Brasch aus den Händen von Franz Josef Strauß den Bayerischen Filmpreis für Engel aus Eisen 1981 entgegennimmt und seinen Widerwillen bekundet mit dem Dank an die DDR-Filmhochschule, fehlt nicht), Vertreter des deutschen Kinos in Cannes, ist Thomas Brasch nach 1989 aus der Zeit gefallen, in eine Einsamkeit, durch die er sich selbst begleitet hat mit der Kamera: „Bin so arm in meinem Herzen geworden, dass ich nur noch Bilder machen kann von einem Leben, was ich nicht hatte.“ Und durch die ihm Rüter, der Freund und Künstlerbiograf (Ich will nicht wissen, wer ich bin – Heiner Müller), gefolgt ist.

Der Film ist ein Zeugnis, aber er weiß nicht, wofür. Brasch rennt über den Schiffbauerdamm, sinniert manisch über das Lesen eines Peter-Weiss-Texts, behauptet einen besseren Luftschacht im Haus als liebsten Platz, und man kann das wie Braschs Beschreibungen seines Abgekoppeltseins, seines Drogenkonsums, für einen Ausweis von romantischer Künstlerkrassheit nehmen – die Widersprüche zwischen der Realität und ihrer Artikulation werden dadurch nicht aufgehoben, und wenn man es gut meint, dann kann man daraus lernen, dass die Beschreibungen die Wirklichkeit nie fassen. Eine Haltung zur Verzweiflung, zum Umgang mit jemandem, der sich an die Nacht verliert, findet sich darin nicht.

Brasch Das Wünschen und das Fürchten

span class="Apple-style-span" style="line-height: 24px; "> kommt am 3. November in die Kinos, dem zehnten Todestag von Thomas Brasch. Und so besteht die Pointe des Films darin, dass Brasch, der immer auf seiner Kunst insistiert hat, am Ende von seinem Leben überwältigt wird.

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12:30 03.11.2011
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Ausgabe 41/2021

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