Derrick und die Waffen-SS

Aufarbeitung Horst Tappert war bei der SS: Was ist daran die Nachricht?
Derrick und die Waffen-SS
Horst Tappert im April 2003

Foto: Johannes Simon / AFP/ Getty Images

Horst Tappert, der Schauspieler, der als Derrick bekannt geworden ist, war bei der Waffen-SS. Hat die FAZ am Freitag gemeldet. Das ist eine Nachricht. Wobei man sich nach kurzem Überlegen fragt, was genau daran die Nachricht ist. Tappert, 1923 geboren, 2008 gestorben, hat sein Leben lang, in seiner Autobiografie sowie Journalisten und schreibenden Fans gegenüber geschwiegen über die Jahre vor 1945. In Das große Derrick-Buch von 1995 schreibt Katrin Hampel im Kapitel, das dem Schauspieler gilt: „Mit den Nazis hatte der gelernte Export-Import-Kaufmann nie was am Hut.“

Eine Nachricht an der Meldung in der FAZ etwa ist, dass es kein Journalist war, der Tapperts Truppenzugehörigkeit während des Zweiten Weltkriegs bei der Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht (WASt) angefragt hat, sondern der Soziologe Jörg Becker, der für ein Buch über Elisabeth Noelle-Neumann recherchierte. Während man davon ausgehen kann, dass im Zuge des Guttenberg-Plagiats die Doktorarbeiten von mehr oder weniger bekannten Politikern auf nicht ausgewiesene Zitate gescannt worden sind beziehungsweise die Stasi-Tätigkeit prominenterer DDR-Figuren von Springers Presse lange verifiziert worden wäre, war das Interesse über biografische Details bekannter Gesichter aus den Nazi-Jahren eher gering. Das sagt auch etwas.

Eine Nachricht mag weiterhin sein, dass ein niederländischer Fernsehsender die Wiederholungen von Derrick gestrichen hat, nachdem Horst Tapperts Truppenzugehörigkeit bekannt geworden ist. Dem ZDF würde man dagegen empfehlen, wenn es denn Interesse an der Geschichte eines seiner einstigen Aushängeschilder hätte, die Derrick-Folge Paddenberg zu wiederholen und danach eine Gesprächsrunde anzusetzen.

Eigentlich keine Nachricht

Denn Paddenberg, am 1. Juni 1975 ausgestrahlt, ist eine der seltenen Folgen, in denen die verbrecherische deutsche Vergangenheit andeutungsweise Gegenstand eines Fernsehfilms ist, dem genrebedingt so viel an Aufklärung liegt. Denn, und deswegen ist Horst Tapperts Waffen-SS-Mitgliedschaft und sein Schweigen darüber eigentlich keine Nachricht, Derrick (1974-1998) handelt wie sein Vorgänger Der Kommissar (1969 – 1976) vom eloquenten Beschweigen des eigenen Schuldigwerdens.

Die Geschichte von Paddenberg ist ziemlich verklausuliert, sie stammt von Herbert Reinecker, dem Autor beider Serien und bekanntermaßen ebenfalls Waffen-SS-Mitglied. Der Maler Hofer (Heinz Bennent) erkennt auf der Straße den reichen Direktor Paddenberg (Peter Pasetti) wieder, den er im Gefangenenlager nach dem Krieg als Goldinger kannte hat. Goldinger war der Name eines toten Soldaten, hinter dem Paddenberg sich verbarg, dessen Schuld in der Folge im Mord an einem alliierten Soldaten besteht; von weiter zurückliegenden Verbrechen wird nicht erst geredet.

Hofer sucht nur die Nähe des alten Freundes, den er bewundert, Paddenberg fürchtet seine Vergangenheit und bringt Hofer um. Hofers Frau (Anaid Iplicjian) ist weniger sentimental: Sie präsentiert Paddenberg als Mörder.

Tapperts Derrick spielt in dieser Folge kaum eine Rolle. Und auch wenn dieses Kaum-eine-Rolle-spielen Horst Tapperts Platz in seiner eigenen Biografie im Bezug auf die Nazis wäre: Für ein realistisches Verständnis der deutschen Geschichte wäre die Nachricht, dass Deutschland mit den Nazis was am Hut hatte, recht hilfreich.

Der deutsche Schauspieler Horst Tappert wurde 1923 im heutigen Wuppertaler Stadtteil Elberfeld geboren. Er trat Ende der 1950er Jahre erstmals in Kino- und Fernsehfilmen auf.

Tapperts Durchbruch im Fernsehen begann mit dem Krimi-Dreiteiler Die Gentlemen bitten zur Kasse, in dem er die Rolle des Posträuberchefs Michael Donegan spielte.

Zwischen 1974 und 1998 spielte der Schauspieler in der Fernsehkrimiserie Derrick den gleichnamigen Oberinspektor. Derrick wurde weltweit in 102 Ländern ausgestrahlt und ist damit die meistverkaufte deutsche Serie der Fernsehgeschichte. Tappert starb 2008 im Alter von 85 in Planegg

18:00 30.04.2013
Geschrieben von

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare 26

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar