Die 90er-Jahre-Show

Kino Frauke Finsterwalder und Christian Kracht haben einen deutschen Episodenfilm gedreht, der sich vorwitzig vorkommt: „Finsterworld“
Matthias Dell | Ausgabe 42/2013 3
Die 90er-Jahre-Show

Foto: Alamode Film

Deutsche Filme sehen sich so ähnlich, dass man froh ist über jede Hoffnung auf Abwechslung. Die verspricht im Falle von Finsterworld der Schriftsteller Christian Kracht, der gemeinsam mit seiner Frau, der Regisseurin Frauke Finsterwalder, das Drehbuch geschrieben hat. Kracht hat außerdem den Vorteil, dass er, etwa durch seine Mitarbeit bei der Illustrierten Tempo (1986 bis 1996), den Feuilletons der großen Zeitungen des Landes verbunden ist. So erscheinen dann lange Interviews zum Filmstart.

Die Interviews würde es ohne Kracht wohl nicht geben, der Film rechtfertigt sie jedenfalls nicht. Finsterworld sieht deutschen Filmen sehr ähnlich, vor allem den von vor zehn Jahren. Finsterworld ist nämlich ein Episodenfilm, wie es ihn seinerzeit öfter gab (Andreas Dresens Nachtgestalten, Hans-Christian Schmids Lichter). In Finsterworld gibt es etwa das Wohlstandsehepaar Sandberg (Corinna Harfouch und Bernhard Schütz), das Globalkenntnisse über Einrichtungsdetails von Luxushotels vorzeigen kann und als Mietauto launisch „keinen Nazi-Wagen“ bestellt. Der Sohn der Sandbergs (Jakub Gierszał) ist der Schnösel in einer Internatsklasse, die mit dem Klischee einer Sozialkundelehrerfigur (Christoph Bach) auf KZ-Exkursion geht. Mutter Sandberg (Margit Carstensen) beginnt eine Intimbeziehung zu ihrem Fußpfleger (Michael Martens), der ihr die eigene Hornhaut in selbstgebackene Kekse mischt.

Sandra Hüller

Der Fußpfleger wird von einem Polizisten angehalten (Ronald Zehrfeld), dessen Frau Dokumentarfilmerin ist (Sandra Hüller) und von Selbstzweifeln geplagt wird. Es gibt auch noch einen Waldschrat (Johannes Krisch), der am Ende einen Jungen im Auto der Sandbergs erschießt, weil am Anfang jemand das Waldschrathaus kaputt gemacht hat. Dieter Meier von Yello hat auch noch einen Auftritt.

Sicherlich haben auch Internatszöglinge und Menschen, denen Hartz-IV-Empfänger (Markus Hering) so fern sind wie ein Drittweltland, Probleme, die als gravierend empfunden werden. Andererseits würde man sich dafür eher interessieren können, wenn die episodische Form von Finsterworld nicht nur Nummern und Standardsätze hervorbrächte: „Siehst du mich eigentlich?“, fragt der Polizist seine Dokumentarfilmerin, ein Satz, auf den ein versuchter Florian-David-Fitz-Publikumsfilm wie Da geht noch was (Freitag vom 12. September) auch kommt.

Der hat „Nazi“ gesagt

Dabei bildet sich Finsterworld auf seine angebliche Smartness viel ein. In der besten Szene kommt ein kleiner Exkurs über das ästhetische Drama raus, das Schwarz, Rot und Gold in der Nationalflagge abgeben, in der Regel aber nur angeranztes Kabarett, das sich für was Besseres hält, weil es Geschmackssnobismus im Angebot führt. Und sich traut, „Nazi“ zu sagen oder „Heil Hitler, Herr Nickel“. Das ist das unterreflektierte Mutvorgezeige, in dem sich irgendwann auch Harald Schmidt gefallen hat – dass es schon für die eigene Tapferkeit spräche, wenn man scheinbar unverkrampft verbal in die Geschichte zwischen 1933 und 1945 einmarschiert, nur weil ein paar Leute dann verschüchtert tuscheln.

Zumal Finsterworld keinen Begriff von seiner mit Abstand krassesten Szene hat, in der die Schnösel eine Klassenkameradin (Carla Juri) in den Ofen von Dachau sperren und am Ende der Lehrer dafür beschuldigt wird (eine der hanebüchenen Erzählkonstruktionen, die nur in deutschen Filmen funktionieren). Die Kamera, die auf den verschlossenen Ofen zu fährt, kriegt die gewalttätigen Assoziationen, die sich an ein solches Bild heften, nicht ansatzweise verarbeitet. Sie fährt da halt drauf wie zuvor auf Tankstellen und Hotelblumen und schaltet dann einfach zur nächsten Szene. Eine hübsche Vorstellung ist übrigens, wie die mit Kracht verbundenen Großfeuilletonisten über so ein problematisches Bild in anderen Kontexten Lärm schlagen würden, es hier aber stillschweigend kassieren beim Lobhudeln.

Finsterworld ist ein biederer und altbackener Film, der mit seinem Distinktionsgehuber mindestens zehn Jahre zu spät kommt. Fast so alt fühlen sich die Witze und Anekdoten an, und offenbar wurde bei der letzten Buchüberarbeitung vor dem Dreh vergessen, auf Aktualisieren zu drücken: Als Metapher für „afrikanische“ Krisengebiete wirkt Ruanda heute überholt. Und der Werthers-Echte-Spot ist als Referenz zuletzt in der 90er-Jahre-Show mit Oliver Geissen aufgerufen worden.

Finsterworld Frauke Finsterwalder 95 Min.

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12:00 17.10.2013
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