Die Boulevardangestellten

Medien Der Ausbildungsweg von Prominenten führt über den australischen Dschungel. Von ­einer bemerkenswerten Show im deutschen Fernsehen

Am 13. Januar beginnt das so genannte Dschungelcamp von neuem, obwohl es schon lange angefangen hat. Das RTL-Format Ich bin ein Star, holt mich hier raus ist keine Fernsehsendung im klassischen Sinne, sondern ein multimediales Ereignis, das alle Bemühungen des Boulevard-Journalismus bündelt. Das macht es zu einer der prägnantesten Shows im deutschen Fernsehen. Das Dschungelcamp fungiert als Idee, die im Grunde immer gilt und sich in der kurzen Zeit der Ausstrahlung – die Staffel endet am 28. Januar – in aller Deutlichkeit aktualisiert.

Dabei ist Dschungelcamp keine reale Hölle, in der Menschen an Leib und Seele zu Schaden kommen. Dieses Missverständnis hat die Einführung der Sendung im Jahr 2004 begleitet, als RTL zum ersten Mal das britische Original (Erstsendung: 2002) am gleichen australischen Drehort für das deutsche Fernsehen filialisierte. Und dieses Missverständnis wurde gebraucht, um die Zuschauererregung auf das Programm zu konzentrieren: Politiker, die ihre Abscheu bekundeten, und Medienexperten, die vor dem Kulturverfall warnten – die üblichen Warnungen, die dem Sensationismus des Privatfernsehens zur gesellschaftlichen Relevanz verhelfen.

Dass das Dschungelcamp sich im Laufe der fünf Staffeln (zweimal 2004, 2008, 2009, 2011) als intelligent gemachte Sendung entpuppte, was von immer mehr Betrachtern anerkannt wurde, führt vielmehr vor: Das Format illustriert nicht die Abartigkeit einer moralisch entgrenzten Fernsehkultur, sondern ist eine Weiterentwicklung, die in den bestehenden Verhältnissen eines privatwirtschaftlich organisierten Fernsehens konsequent ist. Dabei könnte eine Umarmung durch die Kritik dem Dschungelcamp Probleme bereiten.

Die Nacherzählungen

Ein Dschungelcamp, über das niemand sich mehr empörte, würde etwas von dem Reiz als guilty pleasure verlieren, den RTL durch Verknappung (sechs Folgen in acht Jahren) pflegt. Im letzten Jahr tat Karl-Theodor Guttenberg der Sendung den Gefallen, sich mit billigem Witz auf Kosten des teilnehmenden Rainer Langhans über sie erheben zu wollen. Eine Vorlage, die in den Moderationen von Sonja Zietlow und Dirk Bach dankbar aufgegriffen und ironisch gewendet wurde. Dass die Macher des Dschungelcamp empfänglich sind für die Verdammungen seiner Ablehner, zeigt der Umstand, dass anders als bei vorproduzierten Castingshows in den Live-Sendungen täglich auf Äußerungen aus Deutschland eingegangen werden kann und will.

„Die angeblich so ordinäre und niveaulose Show ist für manche der Vorwand, einmal so richtig ordinär und niveaulos sein zu dürfen“, schrieb der Medienkritiker Stefan Niggemeier vor drei Jahren in der FAZ. Anrüchig ist beim Dschungelcamp nicht die Sendung selbst, sondern was die anderen daraus machen. Wer Kulturverfall, Boulevardisierung und Sensationismus beklagt, der wird diese nicht in der klug geschriebenen Sendung finden, sondern in dem sie begleitenden medialen Tamtam wie bei Springer-Medien, stern.de oder Internetportalen, die fast unverändert RTL-Pressetexte weitergeben. Der Großteil der Berichterstattung zum Dschungelcamp delektiert sich in den Nacherzählungen der einzelnen Sendungen an Szenen mit genau jener faszinierten Verachtung, die Zietlow und Bach in ihren ironischen und letzlich moralischen Moderationen nicht haben.

Was nicht heißt, dass der Komplex Dschungelcamp nicht mit dieser Art von Bearbeitung kalkulieren würde. Wäre das Dschungelcamp eine Kunstaktion, was es angesichts seiner durchdachten Konstruktion durchaus sein könnte, dann würde man es nur als Kontrastmittel zur Kritik begreifen, das die Heuchelei einer Medienlandschaft sichtbar machte, in der die Unterschiede zwischen hoher und niederer Kultur keineswegs klar liegen. Weil aber RTL sich das Dschungelcamp leistet – die Werbeunterbrechungen sind kurz, weil viele Unternehmen in diesem Umfeld nicht erscheinen wollen –, ist es ein Geschäft, das sich längerfristig rentiert.

Das Dschungelcamp ist ein fetter Köder, der auf den Boulevard geworfen und dort ausgeweidet wird. Und deshalb beginnt es nicht erst am 13. Januar, sondern schon in der Adventszeit. Dann setzt in Springers Bild der Countdown des Castings ein, wird dort synchron zum Türchenöffnen im Kalender die Besetzung verkündet. Bezeichnenderweise kann man sich auf bild.de besser – und im Corporate Design der Show – darüber informieren, wer zu den aktuellen Teilnehmern gehört als auf der Webseite von RTL. Bild ist die PR-Agentur des Dschungelcamp, die in die Geschichten der Kandidaten einführt, die Ausstrahlung nacherzählt und stimuliert und gleichzeitig in scheinbar empört-kritischem Journalismus die „Geheimverträge“ mit den Darstellern offenlegt. Dabei wüsste man gern, welche Art von Vereinbarung RTL und Springer getroffen haben, um den crossmedialen Profit ihres Miteinanders untereinander aufzuteilen.

Denn im Dschungelcamp wird verdichtet, was das tägliche Geschäft des Boulevards ist: die Taxierung von Prominenz. Und insofern ist das Dschungelcamp kein Außen einer auf exploitation angewiesenen Mediengesellschaft, sondern deren Nukleus. Im Schmunzeln, Wundern und Lästern über so genannte B- oder C-Prominente steckt ein Irrglaube: Es ist nicht Ausnahme oder Abweichung, prominent zu sein, weil man prominent ist.

Klarer Deal

Das ist vielmehr die Arbeitsgrundlage des Fernsehens. Dort werden andere „Eliten“ hervorgebracht als in der bürgerlichen Gesellschaft um 1900. Prominenz ist die Tätigkeitsbeschreibung einer Stelle im Fernsehen, was man noch am Fußballspieler Ailton erkennen kann, einem aktuellen Dschungelcamp-Darsteller, den man eben aus dem Fernsehen kennt. Abstufungen wie B- oder C-Prominenz bezeichnen demzufolge nichts anderes als Hierarchie- und Gehaltsebenen.

Wer im Dschungelcamp ankommt, ist deshalb nicht ganz unten, sondern nur am vorläufigen Ende des Ausbildungsweges, wie ihn das Privatfernsehen standardisiert hat. Mit Brigitte Nielsen, der prominentesten Darstellerin im diesjährigen Dschungelcamp, kommt nicht etwa die einstige Hollywoodschauspielerin, die sie in den achtziger Jahren gewesen sein mag, sondern ein Schlachtross des Reality TV. Brigitte Nielsen ist seit Jahren in Globalfernsehrollen engagiert, die sich mit ihrem Image koppeln lassen: Alkoholentzug in Celeb Rehab with Dr. Dre, eine Affäre mit dem Rapper Flavor Flav in Strange Love (und als eifersüchtige Ex in Flavor of Love, in dem der Public Enemy-Musiker eine Frau suchte), körperliche Generalüberholung in der RTL-Dokusoap Aus Alt mach neu.

Gemessen an Nielsen hat Kim „Gloss“ Debkowski, eine castingerfahrene 19-Jährige, keine Geschichte, die es zu erzählen gibt. Ihr Stellenprofil wird von Bild deshalb durch die besondere Fähigkeit „schminksüchtig“ geschärft – eine Privatpathologie, die Kontrast zu den reduzierten Lebensumständen im Dschungelcamp verspricht und früher oder später einen eigenen „Experten“ hervorbringen wird.

Die Darstellersuche fürs Dschungelcamp muss man sich als die Besetzung eines Theaterstücks vorstellen: Es werden bestimmte Typen gebraucht, die sich aus aktuellen Angestellten des Boulevard rekrutieren. Der Reiz der Sendung besteht aber darin, auch Prominente aus der Zeit, bevor das Fernsehen solch eine Form von Beschäftigung anbot, zu gewinnen (aktuell: die einstige ZDF-Frau Ramona Leiß, Momo-Darstellerin Radost Bokel). Der Deal ist klar und in gewisser Weise ehrlicher als in anderen Zusammenhängen: Es geht allein ums Geld, das die Teilnahme verspricht (laut der „Geheimverträge“ ab 35.000 Euro aufwärts) und das jeder einzelne Darsteller aushandelt vor dem Hintergrund seiner Prominenz – die in der Versenkung verschwundene Ramona Leiß müsste mit ihrer Geschichte höher gepokert haben als ein relativ bekannter Castingshow-Exponent wie Martin Kesici, der sich 2009 durch ein Enthüllungsbuch über sein Gewerbe hervorgetan hat (Sex, Drugs Castingsshows. Die Wahrheit über DSDS, Popstars Co., mit M. Grimm), um sich damit betriebsintern zu profilieren.

Paradoxerweise erscheint das Dschungelcamp in seiner Durchführung wie eine Vorgeschichte oder Zäsur in den Prominentenbiografien, weil es jemandem, der sich einmal zur Mitarbeit beim Fernsehen beworben hat, zu den Bedingungen von RTL die Möglichkeit bietet, den Menschen zu spielen, der er sonst nicht sein darf. Das Dschungelcamp handelt nämlich nicht von den ekligen „Prüfungen“, sondern von der Interaktion und Kommunikation am Lagerfeuer. Trotz der undurchschaubaren Regie von RTL: Im besten Fall kann der Prominente im Dschungelcamp eine Würde zurückgewinnen, die seine Geschichte – und damit seinen Wert – auf dem Boulevard anschließend für eine Weile neu positioniert. Denn das Dschungelcamp endet zwar am 28. Januar, aber es hört deswegen noch lange nicht auf.

10:10 13.01.2012

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