Matthias Dell
13.01.2012 | 10:10 48

Die Boulevardangestellten

Medien Der Ausbildungsweg von Prominenten führt über den australischen Dschungel. Von ­einer bemerkenswerten Show im deutschen Fernsehen

Am 13. Januar beginnt das so genannte Dschungelcamp von neuem, obwohl es schon lange angefangen hat. Das RTL-Format Ich bin ein Star, holt mich hier raus ist keine Fernsehsendung im klassischen Sinne, sondern ein multimediales Ereignis, das alle Bemühungen des Boulevard-Journalismus bündelt. Das macht es zu einer der prägnantesten Shows im deutschen Fernsehen. Das Dschungelcamp fungiert als Idee, die im Grunde immer gilt und sich in der kurzen Zeit der Ausstrahlung – die Staffel endet am 28. Januar – in aller Deutlichkeit aktualisiert.

Dabei ist Dschungelcamp keine reale Hölle, in der Menschen an Leib und Seele zu Schaden kommen. Dieses Missverständnis hat die Einführung der Sendung im Jahr 2004 begleitet, als RTL zum ersten Mal das britische Original (Erstsendung: 2002) am gleichen australischen Drehort für das deutsche Fernsehen filialisierte. Und dieses Missverständnis wurde gebraucht, um die Zuschauererregung auf das Programm zu konzentrieren: Politiker, die ihre Abscheu bekundeten, und Medienexperten, die vor dem Kulturverfall warnten – die üblichen Warnungen, die dem Sensationismus des Privatfernsehens zur gesellschaftlichen Relevanz verhelfen.

Dass das Dschungelcamp sich im Laufe der fünf Staffeln (zweimal 2004, 2008, 2009, 2011) als intelligent gemachte Sendung entpuppte, was von immer mehr Betrachtern anerkannt wurde, führt vielmehr vor: Das Format illustriert nicht die Abartigkeit einer moralisch entgrenzten Fernsehkultur, sondern ist eine Weiterentwicklung, die in den bestehenden Verhältnissen eines privatwirtschaftlich organisierten Fernsehens konsequent ist. Dabei könnte eine Umarmung durch die Kritik dem Dschungelcamp Probleme bereiten.

Die Nacherzählungen

Ein Dschungelcamp, über das niemand sich mehr empörte, würde etwas von dem Reiz als guilty pleasure verlieren, den RTL durch Verknappung (sechs Folgen in acht Jahren) pflegt. Im letzten Jahr tat Karl-Theodor Guttenberg der Sendung den Gefallen, sich mit billigem Witz auf Kosten des teilnehmenden Rainer Langhans über sie erheben zu wollen. Eine Vorlage, die in den Moderationen von Sonja Zietlow und Dirk Bach dankbar aufgegriffen und ironisch gewendet wurde. Dass die Macher des Dschungelcamp empfänglich sind für die Verdammungen seiner Ablehner, zeigt der Umstand, dass anders als bei vorproduzierten Castingshows in den Live-Sendungen täglich auf Äußerungen aus Deutschland eingegangen werden kann und will.

„Die angeblich so ordinäre und niveaulose Show ist für manche der Vorwand, einmal so richtig ordinär und niveaulos sein zu dürfen“, schrieb der Medienkritiker Stefan Niggemeier vor drei Jahren in der FAZ. Anrüchig ist beim Dschungelcamp nicht die Sendung selbst, sondern was die anderen daraus machen. Wer Kulturverfall, Boulevardisierung und Sensationismus beklagt, der wird diese nicht in der klug geschriebenen Sendung finden, sondern in dem sie begleitenden medialen Tamtam wie bei Springer-Medien, stern.de oder Internetportalen, die fast unverändert RTL-Pressetexte weitergeben. Der Großteil der Berichterstattung zum Dschungelcamp delektiert sich in den Nacherzählungen der einzelnen Sendungen an Szenen mit genau jener faszinierten Verachtung, die Zietlow und Bach in ihren ironischen und letzlich moralischen Moderationen nicht haben.

Was nicht heißt, dass der Komplex Dschungelcamp nicht mit dieser Art von Bearbeitung kalkulieren würde. Wäre das Dschungelcamp eine Kunstaktion, was es angesichts seiner durchdachten Konstruktion durchaus sein könnte, dann würde man es nur als Kontrastmittel zur Kritik begreifen, das die Heuchelei einer Medienlandschaft sichtbar machte, in der die Unterschiede zwischen hoher und niederer Kultur keineswegs klar liegen. Weil aber RTL sich das Dschungelcamp leistet – die Werbeunterbrechungen sind kurz, weil viele Unternehmen in diesem Umfeld nicht erscheinen wollen –, ist es ein Geschäft, das sich längerfristig rentiert.

Das Dschungelcamp ist ein fetter Köder, der auf den Boulevard geworfen und dort ausgeweidet wird. Und deshalb beginnt es nicht erst am 13. Januar, sondern schon in der Adventszeit. Dann setzt in Springers Bild der Countdown des Castings ein, wird dort synchron zum Türchenöffnen im Kalender die Besetzung verkündet. Bezeichnenderweise kann man sich auf bild.de besser – und im Corporate Design der Show – darüber informieren, wer zu den aktuellen Teilnehmern gehört als auf der Webseite von RTL. Bild ist die PR-Agentur des Dschungelcamp, die in die Geschichten der Kandidaten einführt, die Ausstrahlung nacherzählt und stimuliert und gleichzeitig in scheinbar empört-kritischem Journalismus die „Geheimverträge“ mit den Darstellern offenlegt. Dabei wüsste man gern, welche Art von Vereinbarung RTL und Springer getroffen haben, um den crossmedialen Profit ihres Miteinanders untereinander aufzuteilen.

Denn im Dschungelcamp wird verdichtet, was das tägliche Geschäft des Boulevards ist: die Taxierung von Prominenz. Und insofern ist das Dschungelcamp kein Außen einer auf exploitation angewiesenen Mediengesellschaft, sondern deren Nukleus. Im Schmunzeln, Wundern und Lästern über so genannte B- oder C-Prominente steckt ein Irrglaube: Es ist nicht Ausnahme oder Abweichung, prominent zu sein, weil man prominent ist.

Klarer Deal

Das ist vielmehr die Arbeitsgrundlage des Fernsehens. Dort werden andere „Eliten“ hervorgebracht als in der bürgerlichen Gesellschaft um 1900. Prominenz ist die Tätigkeitsbeschreibung einer Stelle im Fernsehen, was man noch am Fußballspieler Ailton erkennen kann, einem aktuellen Dschungelcamp-Darsteller, den man eben aus dem Fernsehen kennt. Abstufungen wie B- oder C-Prominenz bezeichnen demzufolge nichts anderes als Hierarchie- und Gehaltsebenen.

Wer im Dschungelcamp ankommt, ist deshalb nicht ganz unten, sondern nur am vorläufigen Ende des Ausbildungsweges, wie ihn das Privatfernsehen standardisiert hat. Mit Brigitte Nielsen, der prominentesten Darstellerin im diesjährigen Dschungelcamp, kommt nicht etwa die einstige Hollywoodschauspielerin, die sie in den achtziger Jahren gewesen sein mag, sondern ein Schlachtross des Reality TV. Brigitte Nielsen ist seit Jahren in Globalfernsehrollen engagiert, die sich mit ihrem Image koppeln lassen: Alkoholentzug in Celeb Rehab with Dr. Dre, eine Affäre mit dem Rapper Flavor Flav in Strange Love (und als eifersüchtige Ex in Flavor of Love, in dem der Public Enemy-Musiker eine Frau suchte), körperliche Generalüberholung in der RTL-Dokusoap Aus Alt mach neu.

Gemessen an Nielsen hat Kim „Gloss“ Debkowski, eine castingerfahrene 19-Jährige, keine Geschichte, die es zu erzählen gibt. Ihr Stellenprofil wird von Bild deshalb durch die besondere Fähigkeit „schminksüchtig“ geschärft – eine Privatpathologie, die Kontrast zu den reduzierten Lebensumständen im Dschungelcamp verspricht und früher oder später einen eigenen „Experten“ hervorbringen wird.

Die Darstellersuche fürs Dschungelcamp muss man sich als die Besetzung eines Theaterstücks vorstellen: Es werden bestimmte Typen gebraucht, die sich aus aktuellen Angestellten des Boulevard rekrutieren. Der Reiz der Sendung besteht aber darin, auch Prominente aus der Zeit, bevor das Fernsehen solch eine Form von Beschäftigung anbot, zu gewinnen (aktuell: die einstige ZDF-Frau Ramona Leiß, Momo-Darstellerin Radost Bokel). Der Deal ist klar und in gewisser Weise ehrlicher als in anderen Zusammenhängen: Es geht allein ums Geld, das die Teilnahme verspricht (laut der „Geheimverträge“ ab 35.000 Euro aufwärts) und das jeder einzelne Darsteller aushandelt vor dem Hintergrund seiner Prominenz – die in der Versenkung verschwundene Ramona Leiß müsste mit ihrer Geschichte höher gepokert haben als ein relativ bekannter Castingshow-Exponent wie Martin Kesici, der sich 2009 durch ein Enthüllungsbuch über sein Gewerbe hervorgetan hat (Sex, Drugs Castingsshows. Die Wahrheit über DSDS, Popstars Co., mit M. Grimm), um sich damit betriebsintern zu profilieren.

Paradoxerweise erscheint das Dschungelcamp in seiner Durchführung wie eine Vorgeschichte oder Zäsur in den Prominentenbiografien, weil es jemandem, der sich einmal zur Mitarbeit beim Fernsehen beworben hat, zu den Bedingungen von RTL die Möglichkeit bietet, den Menschen zu spielen, der er sonst nicht sein darf. Das Dschungelcamp handelt nämlich nicht von den ekligen „Prüfungen“, sondern von der Interaktion und Kommunikation am Lagerfeuer. Trotz der undurchschaubaren Regie von RTL: Im besten Fall kann der Prominente im Dschungelcamp eine Würde zurückgewinnen, die seine Geschichte – und damit seinen Wert – auf dem Boulevard anschließend für eine Weile neu positioniert. Denn das Dschungelcamp endet zwar am 28. Januar, aber es hört deswegen noch lange nicht auf.

Kommentare (48)

kay.kloetzer 14.01.2012 | 00:36

na toll. nun werde ich doch wieder reinschauen, um die "ironischen und letzlich moralischen Moderationen" mal auf ironie und moral abzuklopfen. ironie kann ich mir ja gerade noch vorstellen (wiewohl das nicht einfach ist, wenn fremdtexte gesprochen werden, denn ironie wirkt ironischer, wenn sie aus dem sprechenden heraus sich bahn bricht. angeeignete ironie birgt dann doch die gefahr, als zynismus wahrgenommen zu werden. womit es für die moral nicht leichter wird.)

Matthias Dell 14.01.2012 | 20:05

@horsti
muss ja auch nicht.
@kay.kloetzer
fremdtexte werden in jedem theater gesprochen, wie überhaupt man sich das dschungelcamp als theater vorstellen muss: zietlow und bach in der rolle des chors (und eben sehr gute darsteller ihrer rollen), die teilnehmer als darsteller, irgendwas bei rtl als oberspielleiter. versprechen kann ich freilich auch nichts - es hängt ja immer auch von der aktuellen besetzung ab. und es ging auch nicht ums "intelligent schreiben", sondern um die beschreibung des zusammenhangs, in dem das dschungelcamp eine rolle spielt

ed2murrow 14.01.2012 | 20:37

Plötzlich erscheinen Halle Berry, Bruce Willis und Mel Gibson als echte Charakterdarsteller, die heute Abend ausgestrahlte Folge von James Bond nicht mehr öde, Dahoam is Dahoam der einzig wahre Heimatfilm. Dank eines erleuchteten Artikels, der so strahlt, dass es einem die Augen verbrennt. Schade nur, dass darauf nur noch Hörspiele in Betracht kommen …

aureliamein 15.01.2012 | 03:04

Ich weiß nicht, ob man die Besetzung des DC mit der eines Theaterstücks vergleichen kann. Ob RTL die Qual der Wahl hat ist eine Frage, wie Theaterstücke besetzt werden auch eine. Das wäre doch mal interessant, wieviel potenzielle Kandidaten RTL eigentlich zur Verfügung stehen. Das ehemalige ZDF-Darsteller bei RTL auftreten (müssen), erscheint mir auch eher als Battle, den man jetzt gewonnen hat. Wer früher beim ZDF spielen durfte, hat Angebote von RTL doch konsequent abgelehnt.

@dllxllb 15.01.2012 | 03:38

Von der "faszinierten Verachtung, die Zietlow und Bach in ihren ironischen und letzlich moralischen Moderationen nicht haben.":

Mir ist das letzte mal als ich am Dschungelcamp kurz hängen blieb, genau solch eine Verachtung in der Moderation unangenehm aufgefallen (ist schon länger her). Beißender Spott. Geradezu sadistisch. Wohl das spiegelnd woran der Zuschauer laut Konzept Freude haben soll, wenn er sieht wie sich die Kandidaten nicht nur äußerlich entblößen, ihre Makel offenlegen um eine 'Würde', oder vielmehr Marktwert, wiederzuerlangen. Unerträglich. Da ist es mit der Moral, die sich auch findet, nicht weit her.

SuzieQ 15.01.2012 | 09:09

@ ed
Nun, bei "einem multimedialen Ereignis, das alle Bemühungen des Boulevard-Journalismus bündelt" und das in Deinem Fall nur noch als Hörspiel in Betracht kommt,
wird das Knackgeräusch, bei dem Biss auf einen Känguruhoden explizit herausgearbeitet, ein Genuss sondergleichen.
"Anrüchig ist, was die anderen daraus machen"
: )

@Matthias Dell

Könnte der Freitag seine Boulevard-Ausflüge unter einem portlet bündeln?
Oder steht eine Umbenennung ins Haus?
Statt der Freitag demnäx das Portlet-immer donnerstags?

Grundgütiger 15.01.2012 | 11:55

Ich betrachte diese Sendung als Recycling von Menschen. Als Wiederverwertung von Müll.
Weil in ihrer davor liegenden Lebenszeit haben sie ja schon mal etwas geschafft, das uns hier abgeht, das erzeugen von Aufmerksamkeit. Und den damit verbundenen Wohlstand.
Und das bei Millionen von Menschen, und nicht bei zwanzig Lesern.
Dieser Aufmerksamkeitswert der Dschungelcamper ist ja zum Teil beträchtlich gesunken.
Jetzt werden sie recycelt.
Und das für kleines Geld. Solange die Produktionskosten den Profitplan nicht stören, wird produziert. Was, ist doch eigentlich egal.
Quote heisst das Zauberwort.
Wenn nicht geschaut würde, würde nicht produziert, so einfach ist die Gleichung.
Es wäre tödlich für die Privaten, Sendungen zu produzieren, die kein Schwein guckt.
Unsere Wirtschafts und Gesellschaftsordnung basiert auf Konkurrenz, auf Wettbewerb.
Und so sehen wir im Dschungel den Ort, der vielen von uns im täglichen Leben begegnet.
Und genau die Menschen, die täglich ihren "Dschungel" aushalten müssen, die schauen vorbei.
Sind ja offenbar eine ganze Menge.
Mir reicht das Gesicht von Dirk Bach, dann muss ich schon mein Antiallergikum nehmen, ich krieg Pickel.

Matthias Dell 15.01.2012 | 12:09

mit dem theaterstück-vergleich ist gemeint, dass da nicht einfach wild eingeladen wird, sondern typen besetzt werden, dieser artikel gibt einen eindruck davon
tinyurl.com/73pjame
das arsenal an zur verfügung stehendem personal ist dank der casting-show-dichte endlos, aber interessant ist eben, dass da nicht nur die schon mal abgewählten unter sich bleiben, sondern eben auch so figuren wie "momo" und ramona leiß mit reinkommen.
wann zdf-leute "früher" rtl-angebote abgelehnt haben, müsste man auch noch mal klären, thomas gottschalk ist nicht als einziger für viel geld anfang der neunziger jahre zu rtl

goedzak 15.01.2012 | 12:51

"Dank eines erleuchteten Artikels, der so strahlt, dass es einem die Augen verbrennt." - Daraus spricht genau die vordergründige Haltung, die eine 'Kritik' hervorbringt, die zum willkommenen Element des Gesamtzusammenhangs wird.

"Und dieses Missverständnis wurde gebraucht, um die Zuschauererregung auf das Programm zu konzentrieren: Politiker, die ihre Abscheu bekundeten, und Medienexperten, die vor dem Kulturverfall warnten – die üblichen Warnungen, die dem Sensationismus des Privatfernsehens zur gesellschaftlichen Relevanz verhelfen." (MD)

ed2murrow 15.01.2012 | 14:33

Schön, lieber Goedzak, dass Sie die Redundanz aufgreifen. Dells Kernsätze lauten (in meiner Lesart!): „Das Format illustriert nicht die Abartigkeit einer moralisch entgrenzten Fernsehkultur, sondern ist eine Weiterentwicklung, die in den bestehenden Verhältnissen eines privatwirtschaftlich organisierten Fernsehens konsequent ist.“ Und: „Wer im Dschungelcamp ankommt, ist deshalb nicht ganz unten, sondern nur am vorläufigen Ende des Ausbildungsweges, wie ihn das Privatfernsehen standardisiert hat.“ Die Sätze befassen sich mit dem Rahmen und den Personen, also wer und wo.

Zum wer habe ich ein paar Beispiele gebracht (in der Wahrnehmung vieler keine! Akteure der B-Kategorie oder darunter), zum wo ein paar Beispiele, wo das privatwirtschaftliche Format begonnen hat (Kinofilm) und sogar auf das öffentlich-rechtliche (BR) durchschlägt. Aus dem von Ihnen zitierten Satz ergibt sich schließlich, dass ich von derlei Weiterentwicklung bzw. dem Ausbildungsweg nicht sehr viel halte. Muss die Wertschätzung vom Leser an der Stelle weiter begründet werden?

Dass Sie das hingegen ganz im Dellschen Sinne als den fetten Köder auffassen, der dem Boulevard hingeworfen ist, zeigt mir vor allem eines: Meine Definition von Troll ist immer noch die zutreffendste ;)

Free World 15.01.2012 | 14:37

ich sag's mal so, wer sich mit dem diesem format befaßt und es also gucken muss, um die korrektheit der aussagen zu werten, der ist, wie laß man so schön "ganz unten" angekommen.

die aus meiner sicht beste haltung prommies der gattung b und (viel) weiter unten gegenüber ist die, die am meisten kummer bereitet. weiterhin missachtung. die erfolg versprechenste option, wenn es um quote geht, ist quote zu verhindern. auch kritische quote sorgt für quote und sorgt dafür das "ganz unten" und irgendwie anderswo (oder links) sich am schirm vereint zur organisierten häme über prommies der gattung b - aber das schrieb ich schon.

wer gewinnt dabei? eben. die, die "ganz unten"-tv anbieten...

deshalb mein tipp. weggucken.

Michael Vau 15.01.2012 | 19:59

Vergeblich war die Hoffnung, man bliebe beim Freitag wenigstens verschont vor dieser Sendung. Habe diese einmal gesehen, weil ich sie meinem Sohn aufnehmen sollte,
konnte nichts damit anfangen. Auch, wenn Bach und Zietlow einen auf Waldorf und Statler machen, hilft das nichts gegen diese Zeitverschwendung. Manchmal fühl ich mich entsetzlich alt, weil ich kein Verständnis mehr aufbringen kann für solche Shows.

@dllxllb 16.01.2012 | 00:49

Dumm ist die Moderation (an die ich mich erinnere) nicht, und ich hege durchaus Sympathien für die Persona Zietlow, oder auch Bach. Ich finde allerdings, dass die Grenze überschritten wird. Da will ich dann auch nicht mehr Differenzierung betreiben, die für mich eher einer Verteidigung dessen entsprechen würde was mir unangenehm auffiel und ich ja gerade nicht verteidigen will. Grenzen können ja generell eine subjektive Sache sein.

In dem Zusammenhang... Ich finde die Urteilsbildung bezüglich der einzelnen DC Kanditaten wird nicht, wie bei anderen 'Reality' Formaten einer früheren Generation (e.g. Big Brother, von mir aus auch Nachmittags-Privat-Talk), mehr oder weniger dem Zuschauer überlassen, sondern durch das Setting, den Schnitt und die Moderation stark beeinflußt. Wie ich diese empfand, s.o.

Eine gesteigerte Einflußnahme auf die Einschätzung von Personen und Situation in die sie sich begeben, sehe ich persönlich auch bei diesen ganzen scripted reality Formaten (Anfänge davon in Deutschland bei Nicole auf Pro7, so weit ich mich erinnere). Es wird vorgekaut. Vorgeschrieben.

Eine Reibung an Realitäten wie sie Talk-Shows (sogar frühere Reality-Formate) und Dokumentationen ermöglichen sollen/können, gibt es doch inzwischen bei diesen Formaten aus dem vermeintlich wahren Leben gar nicht mehr. Denn da ist nichts reales, nur noch künstliches. Man könnte es wohl auch als hyperreal bezeichnen. Oder Simulacrum. Mit Erschrecken hatte ich dann auch vor einiger Zeit gelesen, dass diese Berlin-Show von RTLII sehr erfolgreich ist, auch im Netz. S würde die Content-Verwertung und Zuschauerbindung und was weiß ich wohl mit triple A auszeichnen. Coincidence? ;)

Es werden Rollen kreiert wie für Soaps. Nur dass es härter zugeht, und wie bei jedem car crash muss geglotzt, und, da zum Glück unbeteiligt, an der Oberfläche kurz mitgelitten werden. Abgesehen von dieser Form des Eskapismus, gibt es dem Zuschauer außerdem die Möglichkeit mal so richtig widerwärtig zu sein (wie Sie auch schon anmerkten). Und dass jeder Mensch das auch sein kann, steht außer Frage. Da kann man sich ergötzen an den Unzulänglichkeiten anderer. Ganz roh, impulsiv und wahr auf das künstlich geschaffene reagieren. Und das Gefühl haben per Anruf oder SMS über Kandidaten-Schicksale entscheiden zu können. Da wird dann schon mal die eine oder der andere, der/die besonders labil oder einfach nur nervg ist zur nächsten Prüfung gezerrt. Wiederholt.

Durch die 'Bearbietung' der Kandidaten als Format-Gegenstand, wird meines Erachtens auf die beschriebenen Effekte gezielt. Und das ist was ich dem Format (auch der Almhütte von PRO7 usw), und letztendlich ebenso der Rolle der Moderation, so wie ich sie empfand, vorwerfe.

Ich teile übrigens Ihre Auffassung was die Anstellung beim Boulevard angeht.

So arrogant das vielleicht klingen mag und wohl irgendwie auch ist... ich persönlich empfinde Mitleid für die DC-Kandidaten. Weil sie da überhaupt mitmachen.

aureliamein 16.01.2012 | 01:17

Das die Besetzung Konzept hat, muss noch erwähnt werden? Wieviele "Stars" stellen sich dem DC zur Verfügung ist doch die Frage. Das Uschi von nebenan auch mal ins Fernsehen will, weiß man ja schon seit BB. Und Leute wie Thomas Gottschalk oder Harald Schmidt gehen zu den Privaten, weil dort alles nach ihren Konditionen läuft und nicht, weil sie darauf angewiesen sind. Bei denen kehrt sich das Verhältnis um.

aureliamein 16.01.2012 | 01:17

Das die Besetzung Konzept hat, muss noch erwähnt werden? Wieviele "Stars" stellen sich dem DC zur Verfügung ist doch die Frage. Das Uschi von nebenan auch mal ins Fernsehen will, weiß man ja schon seit BB. Und Leute wie Thomas Gottschalk oder Harald Schmidt gehen zu den Privaten, weil dort alles nach ihren Konditionen läuft und nicht, weil sie darauf angewiesen sind. Bei denen kehrt sich das Verhältnis um.

Matthias Dell 16.01.2012 | 11:55

@kay.kloetzer
mit dem "interessant schreiben" ist klar - ist ja nur auch ein genereller vorwurf, ganz groß gedacht vielleicht auch nicht unberechtigt
sonst: großer einsatz. man muss da auch ein bisschen reinkommen, ich arbeite jetzt ja schon im vierten oder fünften jahr, und der reiz entsteht tatsächlich nur in der dauer, regelmäßigkeit.
bei den voting-witzen, völlig richtig, das ist aber auch ein sprachökonomisches problem: 11 wortspiele aus einem feld - das kann nicht mehr originell sein.
interessant sind die verschiedenen abstufungen von performances - am besten sind bach/zietlow (wobei zietlow deutlicher besser als bach, der sich seinen text nicht merken kann) in den zwischenmoderationen, zu denen es dann ein merkwürdiges gefälle gibt, wenn sie ins camp gehen bzw einen teilnehmer zur prüfung empfangen, und dann eben nicht mehr gescripteten text sprechen, sondern improvisieren.

Tobi-Eiki 16.01.2012 | 15:07

Alle Jahre wieder kommt der kleine Dicke und die schlanke Blonde, die mal Sendungen wie "Der Schwächste fliegt" moderiert hat, zurück auf den Fernsehbildschirm. Mit "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" hat RTL tatsächlich ein Erfolgskonzept aus GB übernommen, das komischerweise noch immer auf so viele Zuschauer anziehend wirkt. Diese Anziehungskraft dürfte wohl auch damit zusammenhängen, dass sämtliche Medien, nicht nur die Bild!, über diese Show berichten, sie kritisieren oder auch loben. Angebliche Enthüllungsschlagzeilen werden präsentiert, sodass der Zuschauer schön brav jede Meldung aufnimmt und am Ende doch zu RTL schaltet, um die neusten Peinlichkeiten der "Stars" zu verfolgen. Immerhin läuft um diese Uhrzeit ja häufig auch nur wenig Unterhaltsames. Dass der Freitag und Herr Dell nun auch über diese Sendung berichten, hat mich etwas erstaunt. Gibt es vielleicht Kooperationen zwischen RTL und der ganzen Presselandschaft? Nein, das ist natürlich (hoffentlich!!) Quatsch. Dennoch sollte dieser Sendung nur so viel Aufmerksamkeit gelten wie sie und ihre Promis verdient. Wer von B und C Prominenz spricht, ist sogar noch sehr großzügig. Eigentlich sind Leute wie Kim "Gloss" Debkowski doch höchstens S-Prominenz oder?

Übrigens bringt RTL doch sowieso immer und immer wieder die gleichen Formate. DSDS, Das Supertalent, Bauer sucht Frau, Schwiegertochter gesucht. Wo bleibt die Kreativität?

Amanda 18.01.2012 | 13:33

Meine Dschungelcamp-Mail-Aficionados und ich stehen vor dem Aus - s is langweilich. Das KANN am Regen liegen, der die alle derart leergespült hat. Ahne aber, dass es eher an den Leuten liegt, von denen keine(r) in der Lage zu sein scheint etwas Selbstironie an den Tag zu legen. Es macht keinen Spaß, sich pure Menschen anzusehen, wenn die sich so ernst nehmen. Den Textschreibern von Sonja und Dirk geht auch schon der Saft aus, was willste auch satirisch über Menschen sagen, die Realsatire leben. Doofheit machen Witz putt. Wenn, so meine These, bei diesem Format der klügste UND menschenfreundlichste gewinnt, muss es dieses Mal

keiner

sein.

Abulafia 19.01.2012 | 09:04

Entschuldigen Sie, Lieber Herr Dell, das waren zu viele Schritte auf einmal für mich. Wie kann ich mir die von Ihnen angesprochene Sendung ansehen? Muss ich dafür erst einen Fernseher erwerben?

Ach ja, und wo wir gerade dabei sind, habe ich noch eine Frage an Sie: sind Sie sicher, dass sie hier nicht im Deckmantel einer nichtkonformen kritischen Sicht auf Medien Triebabfuhr betreiben und Ihr Text eventuell nicht mehr sein könnte als ein verzweifelter Versuch, die Freude, die Sie beim gucken der oben genannten Sendung wahrnehmen - die Sie im Innersten jedoch erfolgreich als Perversion identifizieren -, zu rechtfertigen?

Zu dem Argument, der "Reiz entfalte sich in der Erzählung", kann ich Ihnen als Psychologe nur kopfschüttelnd nur das Experiment nahelegen, sich mal mit der Hypothese zu beschäftigen, ob es denn überhaupt irgendetwas gäbe, was bei einer Betrachtung, die nur lange genug erfolgt, keinen Reiz entfalte. Ich fordere Sie sozusagen indirekt dazu auf, Ihr Dschungelcamp erst einmal gegen ein Placebo zu testen, wie es sich zumindest in der Wissenschaft gehört. Vielleicht führt Ihre kleine Reise dann auch zu einem Phänomen, was der Mensch makabrerweise Stockholm-Syndrom getauft hat.

Rene Artois 19.01.2012 | 20:42

Oh my Dell ... – 8763 Zeichen, die der große Hans-Joachim Kulenkampff schon in den 1960er Jahren in einem einzigen Satz zusammenfaßte: "Die Leute sind gar nicht so dumm, wie wir sie mit dem Fernsehen noch machen werden."

Aber wie sagte der große Karl Kraus einmal: "Es gibt Schriftsteller, die schon in zwanzig Seiten ausdrücken können, wozu ich manchmal sogar zwei Zeilen brauche."

Zur Sache werde ich mich nicht äußern, denn dies verbietet sich m. E. von vornherein. Außerdem habe ich keinen Fernseher, und sogenannte Privatsender sind bei Kaffeine bewußt nicht eingestellt.

kay.kloetzer 19.01.2012 | 23:51

nein, ich breche das experiment ab. ich brauche diesen zynismus der moderatoren nicht. er mag vielleicht dem hirn nicht schaden, aber er vergiftet die seele. ich befürchte nicht zu verblöden, sondern zu verrohen. da fällt es mir schwer, das journalistisch zu differenzieren, quasi am stahl-tisch zu sezieren, aber das muss ich ja - im gegensatz zu Ihnen - auch nicht. Ihren text mag ich.

Matthias Dell 22.01.2012 | 12:16

ailton ist sympathieträger, deswegen wurde seinem offenbar schon tiefen wunsch, rausgewählt zu werden, auch nicht entsprochen. allein dieses (unglaublich sexualisierte) wasserspiel gestern mit brigitte nielsen - solche begegnungen, die haben doch was.
brigitte ist tatsächlich darling der gruppe (und das, was ramona nicht sein konnte: so eine art gute seele).
die krise der aktuellen staffel wird an den spielen deutlich, die einfach nicht mehr als erregendes moment funktionieren. das zeigt sich an diesen krokodilen, denen das maul zugeklebt ist - das ist dann fast wie requisite, die könnten da auch ein pappkrokodil reinlegen (nicht, dass ich für mehr gefahr plädieren wollte - die suggestion von mehr gefahr ist nur albern).
ailton und vincent sollten demnächst in "warten auf godot" auftreten

Amanda 22.01.2012 | 13:45

Wenn Brigidde, wie gestern geschehen, sich als "happy person" beschreibt, die sehr wohl weiß, dass das harte Arbeit ist, zieh ichs Hütchen.

Prüfungen: Banane. Wir lernen, dass ein Schokokeks mehr Emotionen hervorruft als die Made in der Nase.

Wahrlich erregend kann das Zurückgeworfen auf sich selbst sein, die Bilanzierung der Seelchen-Package, deren Erkenntnisse jedoch nur in ein Tagebuch gehören und nicht - wie bei Ramonas Weinkrampf an Psychologenschulter - ins Fernsehen.

Insofern spannend, was Sonja Dirk in den nächsten Tagen alles NICHT sagen / zeigen.

Ailton und Vincent: Faust. Mindestens.

Matthias Dell 23.01.2012 | 00:33

ist das jetzt schon die peripetie? würde erklären, warum der tatsächliche ausgang einen dann gar nicht mehr so interessiert. die gruppe ist jetzt auf ihren sympathischen kern reduziert nach dem abgang von ramona (auch groß, wie sie auf die frage, ob sie die zigaretten da lassen könne, sagt: "ne, ich hab im hotel keine mehr"). schon erstaunlich, wie man selbst in der niederlage (und wenn man ramona hört, dann wollte sie ja schon länger bleiben), noch so kleinmütig sein kann.
ich wüsste jedenfalls nicht, wer jetzt raus sollte, und rtl sieht das offenbar genauso.
micaela war gut in der prüfung, und diese kleidung, die sie nicht an hat, das ist doch eigentlich nur die austreibung von erotik und die rehabilitation von fkk.
und radosts erzählung, da wird einem ganz warm ums herz, und da kann man auch wieder sehen, was der reiz des dschungelcamps ist - das so - brigitte und jazzy - erzählt, ist irgendwie anders als in einer illustriertengeschichte. dschungelcamp als eine art oral history des gossip. bemerkenswert auch, wie viel präsenter und interessanter die ladies sind.

Amanda 23.01.2012 | 16:12

In der Tat schade, dass kein Mann mit Logorhoe drin ist, Rocco nur ansatzweise, kein Vergleich mit Matthieu oder Peer...

Als Raucherin verurteile ich Ramonas Verhalten beim Auszug aufs Schärfste. So eine Sadistin. Wie groß muss der eigene Schmerz sein, dass du anderen nicht das Schwarze in der Lunge gönnst?!

Bin absolut für die drei Königinnen, obwohl Radost erst jetzt begriffen hat, dass das Elend der anderen (kurzweilig) Trost spenden kann.

Mal sehen, ob Micaela noch begreift, dass die Form den Inhalt bestimmt, oh ja. Sie schafft durch ihre Nacktheit eine größer und größer werdende Leerstelle, von der ich nicht glaube, dass sie leer bleibt. Wir bleiben dran!

Sarah Rudolph 24.01.2012 | 18:34

Dass mein Internet mich pünktlich zu Beginn des Dschungelcamps verlassen musste, kann man auch nur sadistisch nennen.
So bleibt mir nur zu sagen, dass mir sowohl der Text als auch die Kommentare eine große Freude sind, anstatt sinnvoll zu kommentieren.
Hoffen wir nur, dass ich schnell wieder "am Netz" bin, womöglich pünktlich zum Finale.

Ach und:
Brigidde!!!