Matthias Dell
Ausgabe 1317 | 30.03.2017 | 06:00 1

Die frühen Toten

Bezugspunkte Raoul Pecks Dokumentarfilm mit und über James Baldwin erzählt Rassismus über ikonische Bilder von Rebellion hinaus

Die frühen Toten

„Geschichte ist präsent. Wir ‚sind‘ unsere Geschichte“, sagt der Schriftsteller James Baldwin. Das Wir meint alle

Foto: Edition Salzgeber

In der Berliner Hardenbergstraße 20, ganz in der Nähe des Bahnhofs Zoo, erinnert ein Gedenkstein mit verwitterter Inschrift an Kemal Altun. Einen jungen Mann, der 1980 vor der türkischen Militärdiktatur nach Westberlin floh, in Deutschland um Asyl bat, auf Ersuchen der Türkei aber ausgeliefert werden sollte. Am 30. August sprang der 23-Jährige, der bereits über ein Jahr in Auslieferungshaft gesessen hatte, aus dem sechsten Stock des Berliner Verwaltungsgerichts in den Tod – zermürbt vom Streit um seinen Fall, aus Furcht vor dem Schicksal, das ihn in der Türkei erwarten würde.

Der Regisseur Raoul Peck, der seit 1982 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) in Berlin studiert hatte, hat zuletzt in Interviews zu seinem Film Der junge Karl Marx (Freitag 9/2017) erzählt, wie seine Zeit als Filmemacher in Deutschland dann zu Ende ging: Peck wollte einen Film über Kemal Altun machen, was ihm von Förderern mit Hinweis auf den fehlenden „deutschen Bezug“ verwehrt wurde.

Bezug ist eine zentrale Kategorie für Pecks jüngsten Film: I Am Not Your Negro heißt der dokumentarische Essay mit und über Schriftsteller James Baldwin. Peck will wie am Ende seines unmittelbar vor der Entstehung des Kommunistischen Manifest spielenden Marx-Biopics unbedingt in die Gegenwart mit dem historischen Stoff: Während es in Der junge Karl Marx zum Schluss eine ziemlich beherzte, von Bob Dylans Lied Like a Rolling Stone angeschobene Montage von Arbeitsweltsbildern und Protestszenen gab, kommt I Am Not Your Negro viel früher in der Jetztzeit an.

Baldwin reformuliert in der ersten Szene des Films – einem Ausschnitt aus der Dick Cavett Show, in der er im Juni 1968 zu Gast ist –, die Frage des Talkmasters, wie es um die Lage der Schwarzen in den USA bestellt sei, indem er wissen will, was mit den USA geschieht – ein Stichwort, auf das hin Peck umgehend zu Fotos von heutigen Black- Matter-Lives-Matter-Protesten als Reaktion auf weiße Polizeigewalt schaltet.

Solche Montagen sollen die Vergangenheit nicht in der Sicherheit historischer Ferne wiegen, als alte Kämpfe, die lange vorbei sind. Pecks Film muss sich also gegen etwas wehren, das er selber betreibt: Historisierung. Die bewirkt, einerseits, dass Geschichte überhaupt tradiert und damit immer wieder erzählt werden kann (Wer kennt Kemal Altun heute?). Sie schafft, andererseits, aber Distanz, die es leichter macht, besichtigt zu werden. Der Bezug ist nur mehr mittelbar.

Fundament für den Film ist ein Textfragment Baldwins von 1979 namens Remember This House. Darin gedenkt der Schriftsteller der Toten, die er beerdigen musste – drei Kämpfer für die Gleichstellung der Afroamerikaner in den USA, die alle vor ihm, dem Ältesten, gestorben sind, nämlich gewaltsam: der NAACP-Aktivist Medgar Evers (ermordet 1963), Malcolm X (1965) und Martin Luther King (1968).

Leichtes Befremden

Tatsächlich strukturiert die Chronik der Tode den Film nicht nur episodisch, sondern auch dramaturgisch. Die Beerdigung von Martin Luther King ist der emotionale Höhepunkt des Films. Baldwins Text reflektiert darüber, dass er gelernt habe, nie in der Öffentlichkeit Tränen zu vergießen aus Sorge, damit nicht wieder aufhören zu könen, und dann wird ein weinender Harry Belafonte gezeigt, dem die Verzweiflung über den Verlust anzusehen ist.

Das Bild ist, bei aller Wucht, abgedichtet gegen das Heute; eine Ikone, die popkulturell zitiert und mit universellen Emotionen aufgeladen werden kann. Baldwins Text, wie Pecks Film ihn zitiert, vollführt bei aller Geschichtsschreibung zugleich eine Absetzbewegung davon: „Geschichte ist nicht Vergangenheit. Geschichte ist präsent. (…) Wir ‚sind‘ unsere Geschichte.“

Das Wir meint alle. Baldwins Argumentation zielt auf das große Miteinander, die nationale Frage, die ein scheinbares Minderheitenthema wie Rassismus ist. Pecks Film findet für die Irritation, die solch eine Wahrnehmung hervorruft, ein treffendes Bild, indem er den leicht befremdeten Gesichtsausdruck des Moderators Cavett am Anfang gegen die Äußerung Baldwins schneidet.

Es geht dem Schriftsteller um das Evidente – die Benachteiligung, Diskriminierung, Ermordung von Afroamerikanern in Gegenwart einer wohlmeinenden, liberalen, weißen Mittelschicht. Die Ursachen für die Distanz, die mangelnde Empathie, den fehlenden Bezug der nichtschwarzen Amerikaner lassen sich nach Baldwins von Samuel L. Jackson gelesener Erzählung (in der Synchronfassung: Samy Deluxe) auch in der populären Kultur finden.

In den Bildern, mit denen der Junge aus Harlem aufgewachsen ist, in Filmen, in denen jemand wie sein Vater nicht vorkam, in Geschichten, in denen sich das Kind mit dem heldenhaften, „Indianer“ metzelnden Gary Cooper identifizierte, um beim Älterwerden festzustellen, dass sein Platz nicht der von Gary Cooper ist. „Die Wurzel für den Hass der Weißen ist Angst, eine unerklärliche, namenlose Angst, die sich auf die Horrorfigur konzentriert, die nur in ihrem Kopf existiert“, bilanziert Baldwin. Rassismus zu verstehen bedeutet folglich herauszufinden, wozu uns Weißen das Zerrbild von Schwarzen nötig war und ist.

Die ZDF-Moderatorin Jana Pareigis hat übrigens gerade eine Dokumentation mit Titel Afro.Deutschland gedreht. Leider ohne Bezug zur Primetime des Zweiten Deutschen Fernsehens. Der Film läuft im Programm des Auslandssenders Deutsche Welle und als Wiederholung bei Phoenix.

Info

I Am Not Your Negro Raoul Peck USA/F/BEL/CH 2016, 93 Minuten

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 13/17.

Kommentare (1)

Columbus 01.04.2017 | 19:02

Das ist ganz wichtig, Herr Dell, endlich einmal über eine eher vergessene und wahrhaftige Größe der amerikanischen Literatur und der Bürgerrechtsbewegung mit dem Mittel Auskunft zu geben, das heute wohl auch Baldwin bevorzugt hätte. Roul Peck wählte instinktiv oder doch sehr planvoll, das aktuellste Thema und band es an die biografische Geschichte einer Person, die es völlig glaubwürdig verkörpern kann.

Der Film ist, neben der Musik, heute immer noch das kulturelle Medium in dem auch die guten Träume sichtbar werden können, ohne allzu heftig lügen zu müssen. Eine schöne Koinzidenz, dass "I am not your negro" zu einer Zeit ins Kino kommt, in der auch Aki Kaurismäkis "The Other Side of Hope" zu sehen sein wird.

"Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, vor dem freien Menschen erzittert nicht!", schrieb Schiller. Genau das, ist aber immer noch die größte Angst der Besitzenden und seien ihre Reichtümer auch noch so klein und das betonte Bürgertum noch so kleinlich.

Baldwin selbst, beteiligte sich am kritischen Dokumentarfilm seiner Zeit, stellte u.a. sein Harlem vor und schrieb engagiert in "The Devil Finds Work", über den amerikanischen Film, seinen Rassismus und falschen Genderismus, seine Produktionsbedingungen.

Der Rassismus ist, global gesehen, geschmeidig. Wenn er selbst für die schwarzen Amerikaner immer noch ein Haupthema in weiten Teilen des Landes sein muss, so als habe sich seit den Zeiten des Aufbruchs in den 50- 70er Jahren nichts getan, dann gilt das ebenso für die Situation der Muslime und der Südamerikaner in den USA, für die elfeinhalb Millionen langjährig illegalen US- Mitbewohner und nun wieder für die Frauen, denen erneut "undue burdens" auferlegt werden sollen, geht es nach dem aggressiven Antifeminismus der Firma im Weißen Haus und ihrer Ministerialen.

Beste Grüße

Christoph Leusch