Die globale Betreuungskette

Kino Gefühle in Zeiten des globalisierten Arbeitsmarktes: Lukas Moodyssons Schnulze „Mammut“ über Mutterschaft als flexibilisierte Lohnarbeit

Am Anfang von Mammut sieht man: Vater, Mutter, Tochter, die ausgelassen miteinander herumtollen. Kennt man aus der Margarine-Werbung, Glück, Wohlstand und gute Laune. Was man erst später sieht: dass das gar nicht der Anfang von Mammut ist, sondern das Ende. Und so lautet die Botschaft des Films: Glücklich ist das Glück nur, wenn es weiß, dass es auch Pech haben könnte.

Der schwedische Regisseur Lukas Moodysson hat auf sich aufmerksam gemacht mit Filmen, die Schwierigkeiten des menschlichen Miteinanders (Zusammen!, 2000), die Suche nach Liebe und Geborgenheit in einer von marktwirtschaftlicher Schattenökonomie abgekühlten Welt vornehmlich aus der Perspektive kindlicher (Raus aus Amal, 1998), beziehungsweise verletzlicher Protagonisten (Lilja-4-ever, 2002) erzählen. Mit Mammut bleibt er diesem Prinzip treu, begibt sich aber auf eine höhere Warte: Nichts weniger als die Zusammenhänge der Globalisierung will Moodysson in seiner schwedisch-dänisch-deutschen Produktion erklären. Als Exempel dient das Phänomen der globalen Betreuungskette, das bislang die genderinteressierte Soziologie beschäftigt hat. Familien aus reichen Ländern stellen Frauen aus ärmeren Ländern zum Nachwuchshüten an, was zur Folge hat, dass der Nachwuchs der Frauen aus ärmeren Ländern von Kindermädchen aus noch ärmeren Ländern betreut wird oder gar nicht. Dieser Effekt macht nicht nur Eva Herman zu schaffen: Mutterschaft ist ein Heer von beweglichen Lohnarbeiterinnen.

Mammut zeigt die Familie von Leo Vidales (Gael Garcia Bernal) in New York – schickes Loft, er macht was mit Computerspielen und ist darüber reich geworden, sie (Michelle Williams) arbeitet als Ärztin in einem Krankenhaus, dessen Einzugsbereich von Armut und Gewalt geprägt ist; Tochter Jackie (Sophie Nyweide) wird betreut von der philippinischen Nanny Gloria (Marife Necesito), zu der sie eine intimere Beziehung unterhält als zur Mutter. Die kann zwar einen Kühlschrank mit ungeheuer gut aussehenden Produkten ausstatten, aber nicht mehr kochen.

Die beiden Söhne des Kindermädchens wachsen derweil bei der Großmutter auf, wobei der ältere den Einsatz der Mutter für seine Zukunft lieber in eine Gegenwart mit ihr eintauschen würde und deshalb versucht, seinen Beitrag zum Familienvermögen zu leisten. Dieser Versuch führt ins Verderben. Auch wenn die Verfügbarkeit des modernen Menschen in den weltumspannenden Arbeitskraftströmen sein Unglück befeuern mag, so leicht will man die Globalisierung als Schuldigen nicht identifiziert haben.

Über dem Abgrund, in den Mammut lugt, betäubt sich der Film mit Gefühlen: Jackie liebt Gloria, Mutter Ellen stillt ihren Emotionalbedarf an einsamen Koma-Patienten und Papa Leo sucht beim Beach-Urlaub die Gleichgesinnte hinter der thailändischen Sexarbeiterin. Bernals Computerspielerfinder ist die lächerlichste Figur dieses Films: ein kindlich-vulgärkonsumkritischer Freizeitweltverbesserer, dessen ostentativ behauptete Unschuld (die Verträge sollen abgezockte Manager machen, er hört im Privatflugzeug lieber Musik der Gattin auf dem iPod) verkennt, dass er als Profiteur seines Reichtums in der so genannten ersten Welt einen Platz in der Anordnung des Films hat, nicht außerhalb. Sehenswert ist Mammut deshalb allein wegen seiner kitschigen Verlogenheit: als Teil des Dilemmas, das er zu entfalten versucht.

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12:20 09.06.2010
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Ausgabe 29/2021

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