Die Kittel sind selbstgenäht

Tatort Ohne "Auf Wiedersehen" zu sagen: Kappl und Deininger streichen in Saarbrücken mit einem Fall die Segel, dem Ruhe gut getan hätte – die Kampusch-Variation "Verschleppt"

"'Verschleppt' ist der siebte und letzte Tatort des Ermittlerduos Kappl/Deininger (Maximilian Brückner Gregor Weber)". Steht im Begleitschreiben zum Presseheft vom Film. Im Presseheft selbst stehen nur Informationen, kein Wort des Dankes oder auch nur Abschieds an Kappl/Deininger aka Brückner/Weber. Kann man ja auch mal machen, vor allem wenn die Trennung nicht so einvernehmlich gewesen zu sein scheint, wie Trennungen im Kapitalismus of our days naturgemäß immer sind – neue Wege, andere Ufer, no hard feelings.

Genommen wird dem Zuschauer damit jedoch au moins der sentimentalöse Zauber, der jedem Ende innewohnt – zuletzt bei Schüttes Dellwo und Sawatzkis Charlotte Sänger in Frankfurt, so strange die Folge selbst gewesen sein mag. Die Kappl/Deininger-Ära im Tatort Sarrebruck hört nun einfach auf, ohne dass das in Verschleppt thematisiert würde – und spiegelt damit das unfreundliche Ende einer Zusammenarbeit wider, ehe das neue Personal übernimmt (Starring Devid Striesow). So ein Ende, schon deswegen kann man auf den SR sauer sein, es hat einfach so wenig Herz.

Objektive „Gründe“ für den überraschenden Abschied von Kappl/Deininger kann es naturgemäß keine geben. Dass der Antagonismus des Bayern (Kappl) und des Saarländers (Deininger) auserzählt sein soll nach sieben Folgen – wenn das ein Kriterium wäre, dürfte kein Ermittlerpaar auf mehr als, sagen wir großzügig, 20 Folgen kommen. Verschleppt zeigt Kappl/Deininger auf der Höhe ihrer Qualität: nicht schlecht, nicht unsympathisch, wenn auch nicht konstant ganz vorn, so doch mit Potential. Sarrebruck mit Kappl/Deininger war, was Mainz für die Bundesliga ist: Man macht das beste aus den geringen Möglichkeiten (1 Film pro Jahr) – manchmal reicht es für den internationalen Wettbewerb, und selbst an schlechteren Tagen ist der Abstieg kein Thema.

Sensibles Thema, hot stuff

Thema in Verschleppt ist, was vor Wochen schon Thema in Hangover war, woran man merkt, dass es keine übergeordnete Tatort-Redaktion gibt, die nach Kriterien wie Abwechslung (Stichwort: die Mischung macht's), Dopplungen und Wiederholungen zu vermeiden suchte. Man kann daran auch sehen, dass der Fall Natascha Kampusch jetzt so tief in die populäre Kultur eingegangen ist, dass er eben im Tatort bearbeitet werden kann – wobei einem dann auffällt, dass der Fall Kampusch, so krass die Geschichte ist, zum Tatort nicht taugt, weil es da einfach keinen Mord oder wenigsten einen Toten gibt.

Der Fall Kampusch, da klingeln die Alarmglocken, sensibles Thema, hot stuff. Hannover hat löblicherweise gezeigt, wie man damit ruhig und unaufgeregt umgehen kann. Sarrebruck (Drehbuch: Khyana El Bitar/Dörte Franke, die auch den kürzlich ins Kino gekommenen Stasi-Nachleben-Coming-of-Age-Film Das System geschrieben haben, Regie: Hannu Salonen) nun macht aus der Alarmglocke ein ästhetisches Prinzip: Weil alles so schrecklich ist (entführte, geknechtete, entmenschte Mädchen, die immer ein bisschen aussehen wie die Hallu-Twins in Kubricks Shining und mitunter acten wie Sissy Spacek als Carrie, die Tochter des Satans), herrscht durchgängig Alarm. Das Buch delektiert sich an der shocking story und erfüllt sonst irgendwie die Erwartungen, von denen es glaubt, dass es sie erfüllen muss, ohne einen eigenen Gedanken zu entwickeln – das ist jene Art von Getöse, die das Getöse am medialen Betrieb erst ausmacht. Und die Kamera (Wolf Siegelmann) immer so von oben, Totale-Zoom-Schnitt-Schnitt, krasskrasskrass, Verdächtigungswucht an Plattenbau und Jetzt-hamm-wir-den-Salat-Drohung als Bild.

Die Drohung aka der Ermittlungsdruck, der andauernd in Gereiztheit ausagiert werden muss („Das ist n Simulant, das seh' ich doch von hier aus“), lastet auf Deininger um so stärker, da die vermissten Kinder schon mal gesucht und nicht gefunden wurden. Diese Scharte soll Deininger auswetzen, der dem Taschenrutscher in dieser Folge nahe steht (wird sich die Striesow-Einführungsfolge trauen, Deininger als Alkoholiker nachträglich rauszuerzählen?), weshalb er sich sehr früh auf Antwort A) festlegt: Andi Mollet (Thomas Bastkowski), eine nicht mighty zu nennende Maus, eher das Frettchen de lui-même.

Täterfindung vs. Arbeitsmarkt

Andi war schon mal suspekt, weil er Exhibitionist ist, er kann's aber schon deshalb nicht gewesen sein – und nein, wir wollen hier nicht jede Woche die Tatort-Polizei machen –, weil er sich so früh interessant macht (fast eine Esche). Dabei müsste die Deininger-Figur, um zu wissen, dass Andi es nicht ist, sich nicht mal die Filme gucken, in denen sie lebt, sondern sich lediglich daran erinnern, dass beim Puzzlen nur sehr kleine Kinder ein Stück, das so ähnlich aussieht wie der offene Platz, unbedingt in eben diese Lücke kloppen würden. Täterfindung kann man anders als den Arbeitsmarkt nur absolut und nie relativ betreiben – der Bewerber muss zu 100 Prozent ins Stellenprofil passen, alles andere sehen die Gerichte nicht so gern.

Kappl/Deininger werden bei ihrem unfreiwilligen Abschied durch Buch (die Dialoge kommen recht stanzig: „Wir brauchen sofort ne Soko“) und diese Stressregie also unnötig geschwächt – und dass Kappl das Andi-Frettchen schlägt, geschieht doch auch nur im vorauseilenden Interesse eines angeblich gesunden Volksempfindens, das – vor die Wahl zwischen Lynchmob (hier: Vater Lehmann) und Wiedereinführung der Todesstrafe gestellt – bei Päderasten am liebsten für beides votieren würde.

Gegen Ende kann Verschleppt noch ein wenig durch Spannungsverschärfung punkten, bei der dieser – und da fällt dem Foto-Freund ein Stein vom Herzen – büroklammerförmige Werner Mahler (Patrick Hastert) nur der Handlanger des omimiesen Herder war. Der hatte die Mädchen so deep resetted, dass Babsi Romers (Mathilde Hannah Bundschuh) das Programm auch nach dem Erdrutschtod von Herdern (dieser Erdrutsch, will die Tatort-Polizei nicht verschweigen, war so klar als zentraler Sachverhalt, so absichtsvoll er am Rande in den Erzählungen der Sekretärin Gerda, gespielt von Alice Hoffmann, ignoriert werden musste) noch durchziehen will. Ein etwas unbefriedigender Schluss, weil nicht nur das so genannte gesunde Volksempfinden gerade bei solcher Anlage einen Täter will. Dass der nun schon von höherer Stelle gerichtet worden ist und der an sich gruselige Umstand, dass die Girls sich auch noch gegenseitig umbringen, schafft in Wahrheit am Ende Entlastung – so wie Verschleppt diese Mädchen zeichnet, kann da mit herkömmlicher Fernsehfilmpsychologie nichts geholt werden. Was den Vorteil hat, dass man als Zuschauer nach seiner Empathie nicht erst gefragt wird.

Farewell, les deux! Großer Dialekt und lässiges Krawattebinden, Deininger, großer Dialekt, Kappl. An euch hat's für uns nicht gelegen.

Wissenswertes zur Lynchmobdrosselung: „Die Mehrzahl sexuellen Kindesmissbrauchs wird von nicht pädophilen Tätern begangen“ (dieser schnepfige Psychologe Vogeler)

Eine Kulturpraxis, die offenbar an Reiz eingebüßt hat: „Einfach nur ihre blöden Frettchen streicheln, das reicht ja heute nicht mehr"

Bürgerliche Umgangsformen, die noch zur Anwendung kommen: „Wir wurden auch nicht mehr eingeladen.“

21:45 22.01.2012
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