Die meisten Hellseher sehen verschwommen

Dokumentarfilmtournee 13 Filme des Programms "ueber morgen" variieren die Vorstellungen vom Traum von einem besseren Leben

Traum ist ein verschwommenes Wort. Man kann sich darunter einen Himmel voller Sterne vorstellen oder auch nur ein einzigen Stern, der für den, der ihn träumt, umso heller leuchtet am Firmament. Die höchst unterschiedlichen Dokumentarfilme, die in dem Programm ueber morgen versammelt sind, bilden eine Ordnung der Träume. Himmelszelt und Stern bleiben darin immer aufeinander bezogen: Die Vorstellungen des einzelnen von einem gelingenden Leben sind von der Vorstellungen von einer besseren Welt nicht zu trennen, so wie umgekehrt das Bild einer besseren Welt immer an den Projektionen des einzelnen hängt, der sich in dieser Welt einrichten will. "Think global, act local", der Slogan der frühen Umweltbewegung, beschreibt die Dialektik einer Bewegung des Träumens, die unablässig zwischen der universalen und der subjektiven Perspektive wechselt. Träumen ist also entweder die gefühlte Verantwortung für das große Ganze oder der radikale Pragmatismus an sich selbst. Dazwischen gibt es nichts als die Realität.

Universal ist der Blick von Michael Stenberg, Johan Söderberg und Linus Torell in dem Film Unser Planet, der die Bilder, die der Titel wachruft, umgehend bedient. Das Foto der Erde vom Weltraum aus betrachtet hat das Bewusstsein für die Zerstörbarkeit des Planeten erst geschaffen. Die Ökologiebewegung wäre ohne diese Außenansicht nicht denkbar gewesen, und so fungiert das Bild des blauen Balls im großen, schwarzen All auch in "Unser Planet" als visuelles Leitmotiv. Der Film übt Kritik an den gängigen Darstellungen des Lebens auf der Erde, wenn etwa gleich zu Beginn angemerkt wird, dass die äußerst populären Tierdokumentationen immer in einem Utopia der Natur angesiedelt sind. Menschen, und das ist die Lüge von Utopia, kommen nicht vor in solchen Filmen, die dem Zuschauer suggerieren, es gäbe auf der Welt Orte paradiesischer Unversehrtheit. Als Antidot zeigt Unser Planet Zebras in Steppen, die an riesige Stadtlandschaften grenzen, oder Nationalparks, in denen Besucherfahrzeuge die Wege der Nashörner kreuzen. Das Ziel von Unser Planet besteht darin, Zusammenhänge herzustellen, die sich dem Blick des einzelnen Bewohners entziehen, und so springt der Film munter um die Welt wie ein Zapper durchs Fernsehprogramm. Gekonnt synchronisiert er Bild und den hinzugefügten Ton, das Leben in seiner Totalität wird rhythmisiert, was durchaus ein ästhetisches Programm ist. Die Schönheit der Geometrie von Agrarflächen ist nur aus einer göttlichen Perspektive zu erkennen, in der zugleich die gefährliche Verlockung dieses Films liegt: dass er sich wie den Zuschauer an den Möglichkeiten berauscht, das vielfältige Material zu einem epischen Videoclip zu komponieren. Koyaanisqatsi hieß der Film, der mit einem ähnlichen konservatorischen Anliegen in den achtziger Jahren dieses Verfahren erfolgreich machte. Dass Unser Planet sich als eine rationalere, vor dem Hintergrund heutiger Politik könnte man sagen: als eine sachzwangverhaftete Version gibt, bei der die Bilder stets von Zahlen aufsagenden Experten kontrastiert werden, verhilft ihm nicht zu größerer Wirkung. Der Zuschauer wird aufgeschreckt und verängstigt, aber weil alles so groß und unfassbar ist, bleibt die Zuflucht nur bei einfacheren Wahrheiten. Konkreten Träumen.

So handeln zwei Filme von den Profiteuren der persönlichen Kapitulation vor den globalen Herausforderungen. Der Duft des Paradieses von Marcin Mamon und Mariusz Pilis und Jesus Camp von Heidi Ewing und Rachel Grady liefern Einblicke in das Denken religiöser Fanatiker. Mamon und Pilis präsentieren - wenn auch mit konventioneller musikalischer und in der deutschen Synchronversion konventioneller sprachlicher Dramatisierung - das Ergebnis einer langjährigen Recherche, einer Reise in die Finsternis des Islamismus. Man kann es ironisch finden, dass nahezu alle Gesprächspartner, etwa der Tschetschenen-Führer Schamil Bassajew, im Laufe der Dreharbeiten getötet wurden, aber dann wäre diese Ironie nur Ausdruck des verderblichen Zusammenhangs der Gewalt, in dem sich die beiden Regisseure mit erfrischender Offenheit bewegen. Hamrat Gelajew, auch ein Tschetschenen-Führer, auch ermordet mittlerweile, sagt einmal: "Unsere Welt ist einfach." Das mag überraschend klingen, wo doch die Globalisierung gerade die Komplexität der menschlichen Beziehungen vor Augen führt; geäußert werden kann ein solcher Satz nur im Bewusstsein, über "die Wahrheit" zu verfügen. Darin liegt, nach Aussage der Protagonisten, die Stärke des Islam, und mit Blick ins Jesus Camp, das Lager der Evangelikalen in den USA, muss man dem wohl zustimmen. So ähnlich sich beide Welterklärungsansätze in ihrer absurden Simplifizierung sein mögen, so spürbar wird doch, dass der Islamismus sich selbstbewusst gebärdet, wo das fanatische Bibeltum der Amerikaner aus der Defensive agiert. Die Indoktrination der Kinder in Sommerlagern, die sich als Mischung aus Gehirnwäsche und Disneyland erweisen, resultiert vor allem aus der Furcht, dass sonst andere sich der Köpfe der Kleinen bemächtigen könnten. Das Ergebnis ist ein Hospitalismus von Zwölfjährigen, deren Bewegungen man die Gewalt des ideologischen Dauerfeuers ansehen kann und die darüber auf eine erschreckende Weise ihre Kindlichkeit verloren haben.


Der Traum von Utopia war eine Frage des Raumes, solange das Bild von der Erde noch weiße Flecken aufwies. Danach wurde die bessere Welt zum Problem des richtigen Zeitpunkts, der - entsprechend dem räumlichen Anderswo - ein unbestimmtes Irgendwann bedeutete. Vielleicht spricht für die Ausweglosigkeit des Träumens nach dem Jahrhundert der großen Ideologien, dass man das Titel gebende Übermorgen in den Filmen vergeblich sucht. Vielmehr konzentriert sich das Träumen auf die Gegenwart oder gar das Gestern. Vermutlich sind sie das schon gewesen, die besseren Tage. Christian Rouaud schildert in LIP oder die Macht der Phantasie den Fall der französischen Uhrenfabrik LIP, die 1973 nach einem Besitzerwechsel besetzt wird und zwei Jahre lang selbst organisiert arbeitet. Mit wenigen Dokumentaraufnahmen und einer flotten Montage der Auskunft gebenden Beteiligten ersteht das Bild eines konkret gewordenen Traums wieder auf, der vor allem darin bestand, die eigene Angst zu bekämpfen. Angst davor, entgegen den Regeln der Gewerkschaft und den Konventionen der kapitalistischen Gesellschaft einen dritten Weg zu gehen. Dass dieser 1975 an ein von der Politik gewolltes Ende kam, um Nachahmung bei bevorstehenden Fabrikschließungen in Folge der aufscheinenden Ölkrise zu vermeiden, deutet einer der Beteiligten als die Zäsur in der Geschichte des Kapitalismus: Vor 1973 stand das Unternehmen im Mittelpunkt des ökonomischen Denkens, nach 1975 übernahm das internationale Finanzkapital die Kontrolle.

Einem Früher, das anfänglich aus dem Verlust der Kindheit motiviert zu sein scheint, macht sich die in Paris lebende kubanische Filmemacherin Camilla Guzmán Urzúa in Hinter dem Zuckervorhang auf die Spur. Der Film braucht bei ihrer Rückkehr nach Kuba lange, um sich von den banalen Feststellungen Erwachsener bei dem Besuch von Stätten ihrer Kindheit zu trennen. Ganz leise aber schleichen sich die Veränderungen am kubanischen Traum in die Erzählungen der Kindheitsfreunde, die nicht an politischen Fragen, sondern den ökonomischen Mängeln des Alltags bei gleichzeitigem Aufkommen einer dollarkompatiblen Parallelgesellschaft deutlich werden. Am Ende, ein stilles, nicht enden wollendes Memento, zählt Camilla Guzmán Urzúa gemeinsam mit einem Schulfreund die Namen derer auf, die sie kannten und die Kuba verlassen haben.

Von dem Verweis aufs Gestern lassen sich angesichts der Betrachtungen des Heute problemlos Analogien ziehen. Die Bewohner eines brandenburgischen Ökodorfs, die Andi Stiglmayr in Menschen, Träume, Taten dramaturgisch nicht immer überzeugend inszeniert, stoßen beim Zusammenleben auf das Vakuum, das die Angst vor Kontrolle und Macht eröffnet und schon die Arbeitern von LIP zögern machte. In I broke my Future - Paradies Europa schildert Carla Gunnesch die Verzweiflung von vier Asylbewerbern in Deutschland, die anders als die jungen ausgewanderten Kubaner nicht nur etwas zurückgelassen, sondern vor allem nichts vorgefunden haben. Der Traum von Fela, Rachid, Karim und Daren entpuppt sich als Agonie aus Essen und Schlafen und vergiftet den Glauben an das Selbst überdies mit der Lüge. Aus Scham gegenüber ihren Familien erzählen die vier am Telefon mit der Heimat nichts über das Darben und Warten, in das die deutsche Einwanderungspolitik sie zwingt.


Wenigstens ein bisschen Zukunft verspricht der künstlerisch anspruchsvollste Beitrag des Programms. Und das ausgerechnet da, wo man sie nicht erwartet. Eggesin möglicherweise von Olaf Winkler und Dirk Heth dokumentiert auf radikal subjektive Art das Leben in einer von der Bundeswehr verlassenen Kleinstadt in Vorpommern, in der ein vielfältiges, mitunter skurriles Engagement verschiedener Bürger gegen die Verödung der Gemeinschaft ankämpft. Ob das gelingt, bleibt offen. Oder in den Worten einer Hellseherin, die früher Garderobenfrau war: "Die meisten Hellseher sehen das immer verschwommen. Die können das nie bestimmen, den Zeitpunkt."

Die Filmtournee ueber morgen der Initiative "Die Gesellschafter" umfasst dreizehn Filme. Neben Unser Planet, LIP oder die Macht der Phantasie, Menschen, Träume, Taten, Der Duft des Paradieses, Jesus Camp, Hinter dem Zuckervorhang, Eggesin möglicherweise und I broke my Future - Paradies Europa handelt es sich dabei um: Mit 25 geht´s bergab, eine Recherche über den Schönheitswahn von Milka Pavlicevic und André Schäfer; Verschwörung der Herzen, einer Dokufiktion über das Leben zweier Menschen mit Downsyndrom von Oyvind Sandberg; Gelée Royal - der Staat bin ich, Antje Knapps skurriles Portrait von Herrschern über kleinste Reiche sowie Werner Herzogs Experimentalfilm The Wild Blue Yonder und Richard Linklaters rotoskopische Philip K. Dick-Verfilmung A Scanner Darkly - Der dunkle Schirm. Die Tournee startet an diesem Wochenende in Berlin und führt bis in den Sommer nächsten Jahres durch 100 deutsche Städte. Nähere Informationen unter

www.diegesellschafter.de


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