„Die Mitte mache ich nicht mehr“

Im Gespräch Der Schweizer Regisseur Urs Odermatt über die Vermarktungstaktik für sein unkonventionelles Werk „Der böse Onkel“ und den angeblich schlechtesten „Tatort“ aller Zeiten
Matthias Dell | Ausgabe 23/2013 3

Der Freitag: Herr Odermatt, Ihr Film Der böse Onkel hatte seinen deutschen Kinostart Anfang April in Frankfurt, und Sie touren immer noch durchs Land. Warum eigentlich?

Urs Odermatt: Der böse Onkel ist ein klassischer Sleeper, also ein Film, der sich in die Kinos mogelt wie seinerzeit Easy Rider oder Sergio Leones erster Italowestern Für eine Handvoll Dollar. Der lief zuerst in einem Bahnhofskino in Florenz, ein halbes Jahr später in ganz Italien. Heute gibt es nur noch Hypes. Wenn das erste Wochenende nicht explodiert, ist der Film weg. Da haben wir keine Chance, weil unser Film anders ist. Wir können Der böse Onkel nur in Etappen rausbringen, und erstaunlicherweise geht das, obwohl erst keiner wollte. Es ist eine Frage von Hartnäckigkeit und Fleiß.

Können Sie so Geld verdienen?

Uns geht es darum, dass der Film stattfindet. Geld verdienen im Kino ist schwierig. Geld kriegt man in der Produktion, zumindest die Kollegen vom subventionierten Film. Man braucht für die Produktion vielleicht nur 90 Prozent, 10 Prozent bleiben hängen, das kann man buchhalterisch lösen. Man kann mit Fernsehverkäufen Geld verdienen. Daran ist bei Der böse Onkel nicht zu denken, weil der Film bei einem sozial relevanten Thema zu wenig anwaltschaftlich und kuschelig ist – nicht das, was die Sender für den Hauptabend wollen. Und man kann Geld verdienen mit Datenträgern und Streaming. Das ist vielleicht unsere Perspektive, wenn der Film im Kino stattfindet, laut klappert und den Leuten im Kopf steckenbleibt.

Was hat Der böse Onkel denn gekostet?

Die Independent-Produktion lief mit 50.000 Euro. Jasmin Morgan, meine Produzentin, hat die Kohle in der Nachbarschaft zusammengekratzt. Kleine Firmen. Gemeinden. Privatleute.

Analoges Crowdfunding.

Eher angewandtes Betteln.

Und wie verkauft man Schweizern im Kanton Aargau einen experimentellen Film?

Schweizer führen nur Kriege, die sie gewinnen können, die anderen lassen sie höflich bleiben. Die Aargauer gucken sich den Film an und sagen: Ja, ja, das ist wohl Kunst. Aber dann sieht ihr Röhrenblick nur noch die wunderbaren Landschaften, die vertrauten Häuser mit den schönen Bäumen davor. Es sind auch tolle Bilder, die Markus Rave fotografiert hat, und die Aargauer kommen auf ihre Kosten.

Warum Missbrauch als Thema für einen so formalen Film? Wegen der Aufmerksamkeit?

Ich interessiere mich viel mehr für das Wie als für das Was. Die Form ist heute die wahre Subversion, brisante Themen gibt’s im Hauptabendfernsehen, und keiner regt sich auf. Wenn ich mir das angucke, langweile ich mich in der Regel. Ich sehe meine Aufgabe als Künstler darin, für den Inhalt eine Form zu finden, eigentlich die Kernaufgabe jeder Kunst. Nur ist der Film von allen zeitgenössischen Künsten leider die konventionellste geworden. Das, was in meiner Theater- und Fotografiearbeit Mainstream ist, ist im Film Provokation.

Widerstand durch die Form.

Lehrmeinung, Sehgewohnheiten und Common Sense der Branche sind sich einig: Film muss perfekte Illusion sein, Identifikation anbieten. Das mag für alle Filme richtig sein, aber das ist noch kein Grund, nicht das Gegenteil zu versuchen. Ich arbeite mit den Mitteln der Behauptung, der Abstraktion, Erzählformen, die sonst nur das Theater kennt. Und ich entdecke, wenn ich den größten Umweg gehe, über Künstlichkeit, über Reduktion, über Stilisierung, dass manchmal genau das eintritt, was eigentlich nicht möglich sein kann: Authentizität. Echte Gefühle statt Sentimentalität. Und zwar nicht über Alltagspsychologie, nicht über den Inhalt, sondern über Rhythmus, Tempo, Bilder.

Beim Tempo und Rhythmus weichen Sie deutlich ab von der Konvention. In Kritiken heißt es dann, das Tempo könne sich zum Ende nicht mehr steigern. Wie macht man die Dramaturgie für so einen Film?

Natürlich weiß ich im Kopf, dass es keine schlechten Witze gibt – und meine Witze in Der böse Onkel sind manchmal schon sehr schlecht –, es gibt nur schlecht getimte Witze. Wenn das Timing stimmt, ist der Witz gut. Timing kann ich aber nicht im Kopf machen, Timing entsteht im Bauch. Rhythmus und Tempo sind nicht Konzept und Dramaturgie. Ein Komponist schreibt seine Partitur nicht nach Konzept. Tempo und Rhythmus sind Intuition.

2008 haben Sie Mein Kampf gedreht, mit Götz George und Tom Schilling, nach dem Stück von George Tabori. Ein etwas lahmer Film, man erkennt Ihren Stil gar nicht.

Bei Mein Kampf waren die Millionen da, und ich hatte in früheren Filmen gelernt – auch in den Auftragsarbeiten fürs Fernsehen –, wenn ich versuche, Handwerk zu verkaufen und Handschrift mitzuliefern, sind am Schluss alle unglücklich. Beim Polizeiruf in Stuttgart 1996 konnte ich noch einen guten Teil durchsetzen, beim Tatort in Berlin 1998 schon weniger. Da habe ich mich entschlossen, diese Mitte des Sowohl-als-auch nicht mehr zu machen. Entweder ich verkaufe mein Handwerk und mache den Film, den die Produzenten wollen. Dann nehme ich das Geld, das ich verdient habe, und statt mir ein Boot oder einen neuen Wagen zu kaufen, gebe ich es für den Independent-Film aus, den ich mache, so wie ich es will. Das wäre dann das Oder.

Wie verhalten Sie sich dann zu Mein Kampf innerhalb Ihrer Filmografie?

Wohl ähnlich wie Stanley Kubrick zu seinem Spartakus.

In der Rangliste auf der Fachseite tatort-fundus.de gilt Ihr Tatort: Ein Hauch von Hollywood als der schlechteste aller Zeiten.

Ja?

Dabei ist er einer der besten: ein Experimentalfilm als Tatort.

Es ist wohl richtig, wenn jemand sagt, dass Ein Hauch von Hollywood gar kein Tatort sei, weil nicht das Format im Vordergrund stand. Ich hatte große Lust, dieses Drehbuch, das mir angeboten wurde, weil 30 andere Regisseure abgesagt hatten, zu inszenieren, genauso, wie es für mich verlockend wäre, das Telefonbuch von Kassel zu inszenieren. Ich habe stark an den Dialogen gearbeitet und hatte mit Piotr Lenar einen tollen Kameramann. Von Doris Heinze, der damaligen NDR-Redakteurin, kam dann viel Widerstand, und ich musste heftig schneiden und zähmen. Da sind viele hübsche Dinge rausgefallen.

Was denn?

Wir haben eine Befragung in einem Arthouse-Filmstudio gedreht. Da gab es einen Lastenfahrstuhl, in welchem – auch Arthouse-Filmleute müssen von etwas leben – hausintern Pornos gedreht wurden. Es gab eine wunderbare Szene, in der Winfried Glatzeder mit Robinson Reichel in den Fahrstuhl steigt und beide zu spät merken, dass sie sich auf einem Pornoset befinden. Beide lassen sich nichts anmerken, die Kamera zeigt ein Gespräch zwischen Glatzeder und Reichel, und hinter ihrem Rücken wird gevögelt. Man sieht die Blicke der Kommissare, sie wissen genau, was da passiert, obwohl sie nicht hingucken. Ein Hauch von Hollywood ist in der Form von allen meinen Filmen dem Bösen Onkel wohl am nächsten.

Vermutlich auch ein Sleeper.

Das Scheitern, wenn man ein schlechtes Ranking in einer Rangliste der Schwarmintelligenz so bezeichnen will, ist in der Retrospektive eigentlich viel spannender als das Gelingen und die kommerziellen Erfolge in meiner Vita.

Würden Sie noch einmal einen Tatort machen wollen?

Ich glaube, die Freiheiten sind noch kleiner geworden. Ich bräuchte da eine klare Aussage von den Auftraggebern. Wollt ihr einen soliden Tatort, dann kriegt ihr den. Oder wollt ihr einen Odermatt-Tatort? Das hieße aber Freibrief. Die Mitte mach’ ich nicht mehr. Der Odermatt-Tatort müsste vielleicht heißen: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod.“

Es ist keine Floskel, zu sagen, dass es einen Film wie Der böse Onkel selten zu sehen gibt. Eine Missbrauchsgeschichte: Es geht um einen geschätzten Sportlehrer, der zum Täter wird, ein zugezogenes Teenager-Mädchen, das dazugehören will und dessen Mutter, die für eine Gerechtigkeit kämpft, die keinen interessiert. Aber die Inhaltsangabe führt nicht weit, denn das Ungewöhnliche ist die Form: die extrem schnell gesprochenen Dialoge, die ungewöhnlichen Bilder (der Sportlehrer nackt mit E-Gitarre unter der Dusche) und Einstellungen, die eingeschnittenen Making-of-Szenen und eingeblendeten Credits. Mal wird das Mädchen von drei Darstellern gesprochen, mal weitet sich eine Klage der Mutter zum Hiphop-Clip.

Urs Odermatt, Jahrgang 1955, arbeitet seit 1983 für Film und Theater. Gelernt hat er unter anderem bei Krzysztof Kieślowski. 1998 drehte er mit Ein Hauch von Hollywood einen legendären Tatort mit Winfried Glatzeder in der Hauptrolle.

Odermatt tourt mit Der böse Onkel weiterhin durch die Kinos. In Berlin zum Beispiel ist der Film gerade im Kino Zukunft und in der Brotfabrik zu sehen. Termine unter: derboeseonkel.ch

 

Mitarbeit: Robert Tari
09:00 08.06.2013
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