Matthias Dell
01.04.2009 | 19:10 7

Die Rechnung ist aufgegangen

Film "John Rabe" ist ein Lehrbeispiel für die Kümmerlichkeit der Ambitionen vom großen deutschen Kino. Der Film hält nichts von dem, was das ganze Drumherum verspricht

Traurig ist das deutsche Kino, wenn es von Größe und Glanz träumt und seinen sehnsüchtigen Blick immer nur nach Hollywood richtet. Man kann Hollywood für vieles verachten, aber wenn es sich auf etwas versteht, dann ist es die Produktion von Stars und Effekten, von großen Namen und viel Brimborium. Auch das muss man nicht mögen; armseliger als aller Brass ist aber der Versuch, Hollywood zu imitieren mit geringeren Mitteln.

Florian Gallenbergers Film John Rabe ist ein Lehrbeispiel für die Kümmerlichkeit der scheinbar kühnen Ambitionen vom großen deutsches Kino. Die Lebensleistung von John Rabe, einem Hamburger Siemens-Repräsentanten im Nanjing der 1930er Jahre, ist mit dem Attribut „der Schindler von China“ treffend beschrieben. Rabe rettete während der Belagerung Nanjings durch die Japaner 1937/38 Tausenden von Menschen das Leben – etwa durch den Trick, eine riesige Hakenkreuzflagge im Garten seiner Residenz aufzuspannen, unter der Chinesen sicher waren vor den Bomben der mit Deutschland alliierten Japaner.

Peinliches Gehabe, abgeschaut beim Oscar

Das Passepartout für den Film liefert Hollywood: das Drama Schindlers Liste. Indem John Rabe an dieses waghalsige Unternehmen (eine Geschichte vom „guten Nazi“, inszeniert von einem Regisseur, der bis dahin vor allem unterhaltsame Filme gedreht hatte) anknüpfen will, lässt er sich von Spielbergs Erfolgsfilm Unbedenklichkeitserklärung und Gewinnerwartung in einem ausstellen: Schindlers Liste war großes (Kinokasse) und gleichzeitig historisch bedeutsames (Schulklassen) Kino – also wird John Rabe das schon auch werden. Zugleich verschafft Gallenbergers Regie jenen deutschen Filmschaffenden Genugtuung, die aus Standortdünkel als falsch empfunden haben, dass ein amerikanischer Jude „deutsche“ Geschichten erzählt – unabhängig davon, dass sich gewisse deutsche Geschichten zu gewissen Zeiten von amerikanischen Juden womöglich unproblematischer erzählen lassen.

Florian Gallenberger bringt in das Projekt John Rabe nun aber nicht nur seine deutsche Herkunft, sondern wiederum in Amerika erworbene Meriten ein, einen 2001 gewonnenen Kurzfilm-Oscar. Die Rechnung: Große deutsche Filme drehen am besten Menschen, die schon einmal erfolgreich in einer Oscar-Verleihung gesessen haben. Akklamatorisch hat jedenfalls der Deutsche Filmpreis, der Ende April verliehen wird, John Rabe in sieben Kategorien nominiert, und schon dieses Gehabe, abgeschaut beim Oscar, ist unendlich peinlich.

Denn, und darum geht es auch noch, der Film hält nichts von dem, was sein Drumherum und die Geschichten, die sich darüber erzählen lassen, versprechen. John Rabe ist ein zähes Werk, was wohl auch damit zu tun hat, dass es die 134 Minuten, die es tragen soll, weil großes Kino länger dauern muss als 90 Minuten, nicht trägt: Unentschieden springt die Handlung zwischen den Konfliktherden – der Nazi Rabe gegen den Anti-Nazi-Arzt Wilson (Steve Buscemi); Rabe gegen seine Diabetes; Rabe und die Liebe; die Japaner gegen das Komitee zur Verteidigung von Nanjing. Die Musik ist ärgerlich, weil ihrem Einsatz das Kalkül der Überwältigung anzumerken ist. Ratlos machen die Originalaufnahmen, die in solchem Ausmaß einfügt werden, dass man nicht weiß, ob damit nur Echtheit zertifiziert oder Zeit geschunden werden soll. Und Ulrich Tukurs Spiel lässt Rabe nur mehr sympathisch erscheinen und Seiten, die an der Figur vielleicht auch problematisch sind, verschwinden. Aber das alles stört vermutlich sowieso niemanden – solange Besucherzahlen, Quoten und Auslandsverkäufe stimmen.

John Rabe Regie: Florian Gallenberger, ab Donnerstag bundesweit in den Kinos

Kommentare (7)

oca 02.04.2009 | 01:26

Geil! Noch ein guter Nazi! Davon gab es ja anscheinend eine ganze Menge. Und man lernt wieder, dass man in jedem noch so beschissenen System nur erst mal möglichst weit nach oben kommen muss, damit man dann, wenn's richtig zur Sache geht, auch mal richtig anständig jemandem helfen kann. Denn wer nicht mitmacht, dessen Humanismus ist ja dann aufgrund fehlender Geld- oder Machtmittel für'n Arsch.

Und dann nach dem Film über den guten Nazi bitte ganz schnell noch großes Kino über die vielen deutschen Opfer nachschieben, Vertriebene und so. Damit nicht der falsche Eindruck von Deutschland entsteht.

Seltsam eigentlich, dass der Freitag nur darüber weint, dass Hollywoodstandards nicht erreicht werden. Was eigentlich mit diesem Film erreicht werden soll, und welche Ideologie damit bedient wird, das ist wohl herzlich wurscht.

Ist das jetzt auch ein Ergebnis der Augsteinschen Mainstreamisierung, oder ist mir sowas vorher bloß nicht aufgefallen?

Matthias Dell 02.04.2009 | 13:45

Der Freitag weint nicht nur darüber, dass Hollywoodstandards nicht erfüllt werden, wenn auch die Erinnerung am Ende des Textes daran, dass man die Geschichte von Rabe, die zweifellos eine interessante ist, erzählt kann, sehr kurz ist. Das ist ein wenig der Textlänge geschuldet; Hollywood dieser Art von deutschem Kino vorzuhalten, halte ich in dem Fall, bei dem Hollywood so offensichtlich und auf mehreren Ebenen der Bezugspunkt ist, nicht für unkritisch.

oca 02.04.2009 | 15:21

Lieber mdell, mich interessieren die "Seiten, die an der Figur vielleicht auch problematisch sind" ehrlich gesagt nicht im Geringsten (Sie haben wirklich "vielleicht" geschrieben). Mich interessiert, welche Funktion dieser Film für die so genannte deutsche "Erinnerungskultur" und die damit verbundene nationale Identitätsbildung spielt.

Ich verstehe nicht, was sie meinen, wenn Sie sagen dass "Hollywood dieser Art von deutschem Kino vorzuhalten" nicht unkritisch sei. Sie wollen also Filme, die sich nicht am Hollywood-Vorbild der pathetischen Überwältigungseffekte orientiert? Das ist schön. Ihre Kritik wäre für einen deutschen Abenteuerfilm in historisch weniger problematischem Kontext auch angemessen. Es soll hier aber immerhin um einen "guten Nazi" gehen, und da greift Ihre Kritik einfach um Meilen zu kurz.

Matthias Dell 02.04.2009 | 17:41

Liebe/r oca, ich glaube, wir reden auf zwei verschienden Ebenen, wobei ich Ihnen recht gebe, dass grundsätzlich bei einem Film wie "John Rabe" die Fragen von Indienstnahme für den Umgang mit der Vergangenheit, Identitätsbildung, usw. interessant sind. Nur wären sie meines Erachtens noch drängender, wenn es sich für einen - in seinem Sinne - gelungenen Film handeln würde. Und deshalb ist es legitim, den Film vor allem an dem zu messen, was er selbst so gern wäre. (Der Text ist, wie gesagt, auch kurz.) Dieser Film ist aber - in seinem Sinne - misslungen, in - wenn ich das so sagen darf - unserem doppelt. "Schindlers Liste" ist kein unproblematischer Film, aber damit man die Diskussionen, die da anfangen, über "John Rabe" führen könnte, müsste "John Rabe" mehr sein als ein langweiliges, aufgeblasenes Möchtegern-Epos.

oca 02.04.2009 | 20:56

Lieber mdell, gut, man mag Diskussionen auf beiden Ebenen führen können. Sie haben sich sozusagen auf die "handwerkliche" eingelassen, die ich in diesem Fall für unendlich weniger wichtig halte, als die, sagen wir, "ideologische". Aber immerhin beruhigt es mich, dass Sie diese Ebene auch sehen, wenn Sie auch nicht darüber schreiben.

Ihr Argument aber, dass die ideologische Ebene erst interessant wird, wenn die handwerkliche (oder von mir aus "künstlerische") für gut befunden wurde, kann ich nicht nachvollziehen. Ein schlechter Film mag weniger wirkungsvoll sein als ein -handwerklich- guter, aber ideologisch schlägt er immer noch in dieselbe Kerbe und erfüllt seine Zweck.

Ich würde das Argument eher umdrehen. Oder lohnt sich eine Ideologieanalyse bei Nazi-Propagandafilmen nicht, bloß weil sie schlecht gemacht waren?

hadie 03.04.2009 | 13:47

Das kommt dabei heraus, wenn das ZDF großes Kino machen will: die Bilder sind entweder zu groß oder zu klein. Die Szene mit der großen Hakenkreuz-Flagge, die ausgerechnet während des ersten Fliegerangriffs über einer Menschenmenge aufgespannt wird, ist unnötig plakativ. Dafür kann Tukur nie so agieren wie der echte Rabe: mit Hakenkreuz-Armbinde und altem britischen Stahlhelm herumstiefelnd und brüllend. Auch die Konflikte sind eher an den Haaren herbei gezogen, Frau und Kinder Rabes haben sich während der fraglichen Zeit im sicheren Badeort Peitaiho aufgehalten, der Nachfolger war noch gar nicht da und wie ein Ozeanriese auf den Yangtse bei Nanjing gekommen sein soll, ist auch ein Rätsel. Alles Fragen des Tiefgangs...

Matthias Dell 03.04.2009 | 13:48

Das würde ich nicht sagen, wie ich auch das Weglassen der ideologiekritischen zugunsten der handwerklichen Sicht nicht ausschließlich meinen will. Aber - Sie sagten schon: umgekehrt - kann man es nicht auch so sehen, dass der Nationalsozialismus Massen begeistern konnte, weil die Propaganda eben - handwerklich - gut gemacht war? Darin besteht ja die Zwiespältigkeit von Figuren wie Leni Riefenstahl oder Veit Harlan.