Die Tochter des Gärtners

Kino "Schattenwelt" ist der Versuch, die Geschichte der RAF von der Gegenwart her zu begreifen - leider reduziert sich der Film jedoch auf Fernsehfilmpsychologie

Der Film Schattenwelt sorgte für Aufregung, noch ehe er fertig war. Die Bild-Zeitung hatte vor gut zwei Jahren entdeckt, dass der Name Peter-Jürgen Boock im Abspann auftauchen würde, weil das einstige RAF-Mitglied als Ko-Autor an der Geschichte mitgewirkt hatte. Da Schattenwelt wie jeder deutsche Film mit Mitteln der Filmförderung finanziert wurde, entschied das Boulevardblatt auf Steuergeldausschüttung an Terroristen und fand naturgemäß Politiker, die seinen Begriff von Menschenwürde teilten sowie andere Medien (FAZ), die die krawallige Lesart übernahmen.

Die Kampagne war lächerlich, schon weil Schattenwelt nicht der erste Beitrag zum Thema RAF ist, der die Dienste des gesprächigen Boock in Anspruch nimmt. Völlig willkürlich scheint sie, wenn man den fertigen Film sieht.

Der erzählt von Volker Widmer (Ulrich Noethen), einem, wie es heißt, RAF-Mitglied der zweiten Generation, der nach seiner Entlassung aus der Haft die Bekanntschaft einer jungen Frau macht. Diese Valerie (Franziska Petri) wird als komplizierte Figur eingeführt, der das Sorgerecht für den Sohn entzogen wird. Aus der Nachbarschaft zu Widmer wird bald eine Nähe, die mit dem Trauma von Valerie nicht lange hinter dem Berg hält: Sie ist die Tochter des Gärtners, der einst bei der Ermordung eines Bankpräsidenten durch Widmer und seine Genossen ums Leben kam.

Hinterbliebene eines Namenlosen

Mit diesem Plot (Drehbuch: Uli Herrmann mit Boock und Regisseurin Connie Walther) erfüllt Schattenwelt eine Forderung, die den Diskurs über das bundesrepublikanische Trauma RAF in den letzten Jahren geprägt hat: dass von den Opfern geredet werden solle. Diese Forderung ist so alt wie der Diskurs selbst und wird damit, auf gewisse Weise, permanent eingelöst – was Walthers Film nicht reflektiert. Der wählt als Opfer die Hinterbliebene eines quasi Unbeteiligten, scheinbar Namenlosen. Das ist ehrenwert.

Verdienstvoll ist an dem Film von Connie Walther – die sich einen Namen damit gemacht hat, der Degetoisierung des Fernsehfilms mit unüblicheren Themen (Brustkrebs, Stasi-Opfer-Liebe) entgegenzuarbeiten –, dass er die RAF-Geschichte von der Gegenwart her zu begreifen versucht, wo prominentere Arbeiten zum Thema sich dem Rausch der Bilder hingeben (Der Baader-Meinhof-Komplex).

Allerdings reduziert Schattenwelt seinen unerhörten Konflikt rasch auf den Maßstab des Fernsehfilms. Anfangs sind die Bilder schwarz-weiß-farblos (schwierige Geschichte!), sie zeigen den nach langer Zeit entlassenen Widmer als beschädigte Seele, die Neubauwohnung richtet er sich ein wie einen konspirativen Verschlag. Bald kommt Farbe ins Spiel, und dann wird es auch egal, ob Ulrich Noethens Figur nun ein RAF-Mitglied ist oder nur ein beziehungsgestörter Mann, wie man ihn als einsamen Wolf in jedem zweiten deutschen Film trifft: Es läuft darauf hinaus, dass zwei Leute in einem Auto sitzen und sich ihre Vergangenheit erzählen.

Dass diese Vergangenheit mit Boocks Hilfe auf wahren Tatsachen basierend erfunden ist, nimmt dem Film etwas von dem Furor, den er haben könnte. So wie die schlichte Inszenierung sich alles vergibt, was über Fernsehfilmpsychologie hinausgehen könnte. Jeder (beispielhaft: der Sohn des Bankpräsidenten) redet umstandslos von seinem Trauma und verhindert genau damit, dass der Film es überhaupt erkundet.

Schattenwelt Regie: Connie Walther. Regisseurin Walther und Hauptdarstellerin Franziska Petri präsentieren den Film im Rahmen einer kleinen Deutschland-Tournee. Start und Tourtermine finden Sie hier

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