Die traurige Geschichte des Oskar Pastior

Kulturkommentar Der Büchner-Preisträger Pastior hat unter dem Namen Otto Stein in den 60er-Jahren für den rumänischen Geheimdienst Securitate gearbeitet. Die Medien reagieren milde

Ende letzter Woche wurde publik, dass der rumäniendeutsche Lyriker und Büchner-Preisträger Oskar Pastior unter dem Namen „Otto Stein“ in den sechziger Jahren für den rumänischen Geheimdienst Securitate gearbeitet hatte. Die Umstände der Veröffentlichung waren etwas verwickelt: Am Samstag gab es einen großen Text von Ernest Wichner, dem Leiter des Berliner Literaturhauses und Freund Pastiors, in der FAZ. Bereits am Freitag aber hatte die Süddeutsche Zeitung mit Bezug auf den Münchner Historiker Stefan Sienerth, der Pastiors IM-Akte gefunden hatte, die Meldung verbreitet, weshalb in Wichners Berliner Literaturhaus, wo wiederum am Freitagabend die große Herta-Müller-Ausstellung, die zuvor in München gastiert hatte, eröffnet wurde, Fragen im Raum standen, die keiner beantworten wollte.

Dass die verwickelte Mediengeschichte hier ansatzweise erzählt wird, hat seinen Grund darin, dass das Interessanteste am „Fall Pastior“ bislang die medialen Reaktionen sind: Sie fallen allesamt ungewöhnlich milde aus. Selbst die Hauptabteilung Aufklärung bei Springers Welt, die sich unzählige Verdienste erworben hat bei der nimmermüden Übersetzungsarbeit von Geheimdienstakten in moralisches Entsetzen, hält sich vornehm zurück; in der Samstagsausgabe fand sich lediglich eine kleine, fast agenturhaft sachliche Meldung.

Ungewöhnlich ist diese Milde, insofern die Enttarnung einer öffentlichen Person als inoffiziellem Mitarbeiter eines Geheimdienstes seit dem Fall der Mauer zu einer Standardsituation medialer Empörung geworden ist. Dass diese bei dem 2006, kurz vor der Verleihung des Büchner-Preises verstorbenen Oskar Pastior nun ausbleibt, hat mehrere Gründe. Der wichtigste ist wohl die moralische Integrität Pastiors, und mehr noch: die seiner einstigen Freundin Herta Müller.

Den Nobelpreis für Literatur, den größten Ritterschlag des Literaturbetriebs, hat Herta Müller im letzten Jahr für ihren Roman Atemschaukel bekommen, den sie gemeinsam mit Oskar Pastior schreiben wollte und der eine Sprache sucht für die Erfahrungen Pastiors im sowjetischen Internierungslager nach Ende des Zweiten Weltkriegs. In einer einfältigen politischen Weltsicht fungiert Pastior also als eine Art Kronzeuge gegen den stalinistischen Terror, was erklärt, warum diese Weltsicht ihn nun nicht beschädigen will für ein bisschen Empörung über die Händel mit dem stalinistisch inspirierten Geheimdienst.

Jenseits solchen kleinkrämerischen Kalküls, das den Umgang mit der Geschichte medial durchaus bedingt – wie man etwa an dem Programm zu 20 Jahre deutsche Einheit des ZDF sehen kann, dem aus diesem Anlass Geheimdienstgeschichten aus dem Kalten Krieg einfallen –, steckt in der Reaktion auf Pastiors verwickeltes Los eine vage Hoffnung. Darauf, dass sich die vergangene Welt in unserer Gegenwart nicht immer nur einteilen lässt in Opfer und Täter, in Gut und Böse, sondern dass es Empathie geben kann für Menschen, deren Schuld in einer Grauzone siedelt, in der das Ich nicht unangefochtener Souverän jeder persönlichen Entscheidung ist. Inoffizielle Mitarbeiter von Geheimdiensten wurden Menschen nicht nur aus Überzeugung oder Karrierismus, sondern auch weil sie keine Wahl zu haben glaubten. Das ist die Lehre der traurigen Geschichte des Oskar Pastior, bei der es, mit Adorno gesprochen, nicht darum geht, eine „falsche Versöhnung mit der unversöhnten Welt“ anzustreben.

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