Matthias Dell
22.04.2009 | 19:00

Die Unmöglichkeit einer Insel

Aufarbeitung Felix Moellers Dokumentarfilm "Harlan – Im Schatten von Jud Süß" schildert den Umgang der Familie Harlan mit der problematischen Rolle des Vaters im Nationalsozialismus

Mit dem Namen Veit Harlan verbinden die meisten Menschen die Autorschaft an dem Film Jud Süß (1940), der wegen seines Antisemitismus bis heute nicht frei zugänglich ist. Himmler verordnete jedem SS-Mann Jud Süß zur Ansicht, was eine unheimliche Ahnung davon gibt, wie man sich die Verbindung von imaginiertem und realem Verbrechen vorstellen kann. Diese Verbindung bleibt offen, weil sie juristisch nicht nachzuweisen ist.


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Anders als etwa bei Hanns Ludin, dem Gesandten Hitlers in der Slowakei, lassen sich bei Veit Harlan keine „Beweise“ für eine aktive Täterschaft im Dritten Reich finden: keine Unterschriften unter Deportationsbefehle, kein dokumentiertes Wissen über die Ausrottungsindustrie in den KZ. Das unterscheidet die Ausgangslage in Felix Moellers Dokumentarfilm über den Umgang der Familie Harlan mit der problematischen Rolle des Vaters von dem Dokumentarfilm 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß, den Malte Ludin vor ein paar Jahren gedreht hat (Freitag 14/2005). Malte Ludin war als jüngster Sohn zudem Protagonist und Autor in einem, während Felix Moeller, der als historischer Berater gearbeitet und ein Buch über den Filmminister Goebbels veröffentlicht hat, sich von außen Harlans Kindern und Enkeln nähert. Das wirkt sich auch auf die Qualität der beiden Filme aus.

Nicht enden wollender Kampf mit der Verantwortung

Faszinierend an Harlan – Im Schatten von „Jud Süß“ ist, wie sehr sich mit Blick auf Ludins Film Muster der versuchten Verarbeitung erkennen lassen. Für die psychologische Täterkinderforschung mag das eine Binsenweisheit sein, in Bild und Ton des Films entfaltet sie noch heute Überzeugungskraft: das Zerbrechen, Flüchten, Verdrängen, das Abwehren, hinter dem nur Schweigen herrscht. So wird das, was eine wenn auch prominente Familie mit ihrem toten Oberhaupt auszutragen hat, relevant für den Zuschauer über den Gossip hinaus. In Harlan kann man dem nicht enden wollenden Kampf mit der Verantwortung am deutschen Verbrechen des 20. Jahrhunderts zusehen.

Er wird geführt von Kristian, dem ältesten Sohn Veit Harlans aus dritter Ehe mit Kristina Söderbaum. „Ich habe nicht verstanden, wie man als Sohn so über seinen Vater sprechen kann“, sagt der mit rauer, gelangweilter, pöbelnder Stimme gegen Thomas, den Erstgeborenen aus Harlans zweiter Ehe mit der Schauspielerin Hilde Körber. „Schäbig“ nennt Kristian Thomas’ Versuche, sich sein Leben lang letztlich an der Verantwortung des Vaters abzuarbeiten. Und verkennt dabei, wie verwundet dieses Leben ist von der Liebe zu einem schwierigen Vater, dem er – bis zum Klang der Stimme – auf eine fast gespenstische Art ähnlich ist.

Die Frage nach dem Antisemitismus von Veit Harlan, die seine jüngeren Kinder, etwa Kristians Bruder Caspar, mit einer auffällig schnellen und etwas zu lässigen Deutlichkeit von sich weisen („kein Nazi, kein Antisemit, das kann gar nicht sein“) beantwortet auch Thomas nicht. Allein seine Nichte Jessica – deren Mutter Susanne einen Juden heiratete (und sich später das Leben nahm), weshalb Jessica Großeltern hat, die von den Nazis vernichtet wurden, und Großeltern, die sich zumindest für die Propagierung dieser Vernichtung in Dienst nehmen ließen –, allein Jessica erzählt von „jüdischen Ressentiments“ Veit Harlans. Auf die Frage, warum einer gegen seine Überzeugungen einen Hetzfilm dreht, antworten die vorauseilenden Verteidiger mit „Zwang“ und „Goebbels“, was Thomas durch eine bestechende, eben nicht moralische Überlegung über die Besetzung der Hauptrolle mit Kristina Söderbaum widerlegt: „Wieso zwinge ich dann meine Frau? Der Umstand, dass sie spielt, ist der Beweis, dass er sich keine Sorgen gemacht hat.“


Überzeugend ist Moellers Film, wo er die widerstrebenden Äußerungen gegeneinander stehen lässt. Wo man den Nuancen lauschen kann: Thomas’ in Frankreich lebende Tochter Alice zeigte sich ebenso wie Caspars Töchter, nachdem sie Jud Süß endlich gesehen hatte, überrascht von der theaterhaften Plumpheit der Inszenierung und Darstellung, die nicht passen wollte zu der apostrophierten perfiden Verführungskraft. Während für Alice – die sich in der Schule aufgrund ihres Namens Vorwürfe anhören musste – in dieser Differenz auch ein Schrecken darüber mitschwingt, dass sich Menschen so haben beeindrucken lassen, scheint ihren drei Cousinen die Lächerlichkeit, die Jud Süß heute verbreitet, eher ein Argument für seine Unbedenklichkeit.

Die Freude über diese Unbedenklichkeit – die sich auch einstellt, wenn die Enkelinnen nicht beleidigt, sondern belustigt reagieren auf den Spitznamen ihrer Großmutter („Reichswasserleiche“) – ist vergiftet. Sie kommt einem Sich-Retten auf die Inseln des Banalen im Strom der Familiengeschichte gleich und führt in der Gelöstheit, in der dieser Aufenthalt genossen wird, nur vor, welche Kraft das Abwehren von Kritik kostet.

Ärgerlich an Harlan ist sein Stil. Moellers Film wirkt wie Schulfernsehen mit uninspirierter Musik und abgedroschenem Off-Kommentar („Der Regisseur beherrscht virtuos das Spiel mit überspitzten Konstellationen“). Wo doch die Bilder, die in der Familie Harlan kursieren, einer Idee von sachlicher Wahrheit, wie sie in Enzyklopädien steht, widersprechen.

Harlan Im Schatten von Jud Süss Dokumentarfilm; 100 Minuten; Regie: Felix Moeller; Verleih: Salzgeber; Kinostart: 23.04.2009