Die Vergangenheit schlägt zurück

Tatort Kommissar Lannert lüftet das Geheimnis um sein trauriges Vorleben und lähmt damit eine Stuttgarter "Tatort"-Folge, die recht spannend begann: "Tödliche Tarnung"

Wenn das die „Vorgeschichte“ sein soll, hätten wir durchaus drauf verzichtet können. Richy Müller ist nun zum dritten Mal Tatort-Kommissar Torsten Lannert in Stuttgart, und endlich lüftet sich das Geheimnis um die Vergangenheit des charismatischen Schweigers: Kommissar Lannert war in Hamburg verdeckter Ermittler. In aufwändiger Kleinarbeit hatte er sich dem jovialen Waffenhändler Viktor de Man (Filip Peeters) als „Chris“ angedient, weshalb sich die beiden Herren bei ihrem Wiedersehen in der Folge Tödliche Tarnung duzen.

Hamburg ist für Lannert aka „Chris“ vermintes Terrain seiner Erinnerung, insofern es ihm nicht nur nicht gelungen war, den Waffenhändler damals dingfest zu machen. Nein, vielmehr hat der Porsche fahrende Polizist dereinst sein familiäres Leben verloren. Das Wie wird anschaulich in einer Rückblende, bei der man den Eindruck hat, nicht Rainer Matsutani, der Regisseur der Folge, sondern der Schwager des Assistenten vom Beleuchter habe sie inszeniert: In verblichenen Farben, mit blutroten Lippen nur, sitzen Lannert aka „Chris“ und der Waffenhändler mit dem beeindruckenden Namen am helllichten Tag in einem Edelrestaurant an einem leeren Tisch (weil gehobene Kriminelle ihre helllichten Tage ja immerfort in Edelrestaurants zubringen, in denen sie nichts außer Wasser trinken). Draußen ein Spielplatz, auf dem, der Zufall, dieser unerbittliche Zeitgenosse, will es so, Lannerts Tochter spielt – beaufsichtigt von Lannerts Frau (wir sind in Westdeutschland, die Kinderbetreuung ist noch nicht da, wo Ursula von der Leyen sie gern hätte).

Lannerts Tochter sieht Lannert, macht Zeichen, die der ignoriert, weil dann ja seine Tarnung auffliegen würde. Im Grunde ist das eine urkomische Szene, wie die beiden Herren in dem Edelrestaurant sind und wichtig tun, während im Hintergrund ein Kind im Dreieck springt, aber Humor sucht man in diesem Zusammenhang (Trauma!) vergebens. Irgendwann wird’s der Tochter zu bunt, sie will über die Straße rennen, was die Mutter noch sieht, weshalb auch sie auf die Straße rennt und beide erfasst werden von dem Auto.

Wer solche Szenen schreibt (Holger Karsten Schmidt) und sie so inszeniert (Matsutani), hat Richy Müller als ewig vorwurfsvoll-miesgelaunten Schmerzensmann verdient. Tödliche Tarnung ist eine Tatort-Folge, die im unteren Bereich der Skala unseres Missvergnügens angesiedelt ist: Wie hilflos hier auf große, weite Agentenwelt gemacht wird, wenn der Waffenhändler und Lannert sich gegenüber sitzen. Wie unbeholfen der innere Aufruhr des Kommissars dargelegt wird. Wie unglaubwürdig der Killer ist, der mitten am Tag auf offener Straße Menschen zusammen schießt, oder auch nur die finale Kollegen-Feier am Flußufer für Lannert, die während der Folge eine halbgare Nebenhandlung ergibt.

Dabei hat, sieht man vom hollywoodesken Mord bei Flugzeuglärm ab, die Folge durchaus hoffnungsvoll begonnen. Ein toter Zollbeamter, der über seine Verhältnisse lebt und Damen in internationale Grandhotels ausführt. Aber nach 20 Minuten schlägt die Vergangenheit zurück.

HUNDENAMEN, DIE MAN SICH MERKEN SOLLTE: Trollinger.

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21:45 01.03.2009
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Ausgabe 23/2021

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