Die Zurückgehaltene

Rollenbild Greta Gerwig soll ihre schönste Figur gleich zweimal spielen – in „Maggies Plan“ und „Wiener Dog“
Matthias Dell | Ausgabe 31/2016

Greta Gerwig spielt Hauptrollen als Nebenrollen. Ihre Figuren verzetteln sich regelmäßig beim Versuch, das eigene Leben auf die Reihe zu kriegen – wobei solch eine, von gewissem Anscheißerton motivierte Wendung wie „auf die Reihe kriegen“ einer Greta-Gerwig-Figur vermutlich nur wieder leichte Bedrängnis bereiten würde: auf welche denn?

In ihrer sympathischen Unentschlossenheit ist Gerwig so was wie das It-Girl des US-amerikanischen Independentkinos, Inbild einer privilegiert-westlichen späten Jugend, die mit Anfang 30 das Leben als Projekt begreift, bei dem selbst Verzweiflung noch originell performt wird. Greta Gerwigs titelgebende Figur in Noah Baumbachs Film Frances Ha schuf vor drei Jahren das Monument dieses Rollenbilds („dilettantische Virtuosin“ hieß es seinerzeit hier). Nun ist die Schauspielerin in zwei neuen Filmen zu sehen, die binnen einer Woche ins Kino kommen. Und die beide merkwürdigerweise die Grenzen der Greta-Gerwig-Persona aufzeigen.

Rebecca Millers tragikomische Romanze Maggies Plan (Start: 4. August) ist der konventionellere von beiden. Gerwig spielt eine Universitätsdozentin in New York, die sich entschlossen hat, ein Kind ohne Vater zu bekommen. Als Samenspender ist ein Bekannter von früher gefunden, der heute in Gurken (sic) macht, und es ist Millers schönste Variation des Genres, dass die romantische Liebesgeschichte just in dem Moment in Maggies Leben anfängt, in dem der Akt der künstlichen Befruchtung den Glauben an sie beenden sollte.

Maggie verliebt sich in den Kollegen John, der neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit an einem Roman arbeitet und darunter leidet, für diese Arbeit zu wenig Aufmerksamkeit von seiner als Wissenschaftlerin noch mal erfolgreicheren Frau Georgette zu bekommen. Die Besetzung dieses Dreiecks kombiniert – mit Blick auf mögliche Zielgruppen breit gedacht – Gerwig (Jahrgang 1983) mit Ethan Hawke (Jahrgang 1970) und Julianne Moore (Jahrgang 1960), also drei Schauspielerinnen aus ziemlich verschiedenen Zeiten.

Kleine Nummern

Drei Jahre später leben John und Maggie mit gemeinsamem Kind zusammen, und weil Maggie realisiert, dass sie an der Seite ihres Mannes auch noch für die Betreuung von dessen Kindern aus der Ehe mit Georgette zuständig ist, aktualisiert sie den Plan vom Beginn des Films (Kind ohne Vater), indem sie an der Wiedervereinigung von John und Georgette arbeitet, um ohne Kollateralschäden am Gefühl zurück zu ihrem Ausgangspunkt zu kommen (Kind ohne Vater).

Erzählerisch sind diese Umwege originell als pragmatisches Verschieben des Romantischen in einem romantischen Film. Auf der Ebene der Figuren produzieren sie aber allen Genderkoketterien zum Trotz (das Feld, in dem Georgette und John forschen, ist die Anthropologie) ziemlich staubige Entwürfe: Julianne Moore als kühle Karrierefrau, Ethan Hawke als einen von seinem eigenen Künstlertum unerträglich ergriffenen Schwätzer und Greta Gerwig eben in der Nebenrolle als selbstlose Kupplerin der Beziehung, in die sie hineingeflirtet ist. Zurück bleibt das schale Gefühl, dass Maggies Plan weniger auf die Befreiung der Titelfigur zielt als auf die Versöhnung des von seiner talentierteren Frau verunsicherten Mannes mit sich selbst.

Das bei aller Heutigkeit biedermeierliche Glück, das in Maggies Plan arrangiert wird, wäre Todd Solondz suspekt. Mit Wiener Dog (gestartet am 28. Juli) kehrt der eigenwillige Filmemacher nach längerer Abstinenz in hiesige Kinos zurück (Solondz’ letzter Film, Dark Horse von 2011, hatte keinen Start). Im neuen Film ist der Name Programm: Ein Dackel gibt den Weg des Erzählens, an ihm entlang beschreibt Solondz ungerührt die Geschichten wechselnder Besitzer als grimmige Version der Komödie alles Menschlichen.

Greta Gerwig tritt dabei in der zweiten Episode in Erscheinung – als Tierarzthelferin, die den Dackel vom OP-Tisch rettet. Gerwigs Figur trägt den Namen Dawn Wiener, was ein Verweis ins eigene Werk ist: In Willkommen im Tollhaus, dem verschrobenen Coming-of-Age-Film, der Solondz 1995 bekannt machte, spielte Heather Matarazzo ein Außenseitergirl mit diesem Namen. Als Echo des Gehänseltwordenseins muss Greta Gerwig in ihrer unscheinbaren, aber doch römischen Schönheit sich nun hinter einer großen Brille verstecken: Die Idee, die Figur in der Besetzung mit Gerwig wieder aufleben zu lassen, akzentuiert an der Schauspielerin – duldsame Passivität.

Wie mit Gerwig ergeht es einem mit Wiener Dog generell. Man kann Solondz’ filmhistorische Anspielungen suchen (das Plakatmotiv von Richard Linklaters Film Boyhood mit dem auf der Wiese liegenden Jungen wird hier mit maliziösem Ausdruck nachgestellt), den Motiven nachgehen (auf eine epische Kamerafahrt an Dackeldurchfall entlang in der ersten Hälfte reagiert die von Ellen Burstyn dargestellte alte Lady am Ende mit dem Wunsch nach Imodium) oder sich über Pointen wie den ziemlich boshaften Schluss freuen. Und man wird doch nicht den Eindruck los, dass es Wiener Dog an einem Resonanzraum mangelt, der größer wäre als die Streichholzschachtel seiner eigenen Obsessionen. Die in die Mitte des Films gesetzte Pause wirkt etwa als ziemlich matte Parodie auf die Intermission, die Quentin Tarantino in The Hateful Eight zur Rekonstruktion historischer Aufführungspraxen gesetzt hatte.

Solondz ist zwar smart genug, um sich gegen solche Kritik durch die Figur eines glücklosen Drehbuchautors namens Dave Schmerz (Danny DeVito) zu schützen. Dessen Credo ist die Nummernrevue, weil „jeder eine kleine Nummer mag“. Aber so ist dann auch der Film.

Info

Maggies Plan Rebecca Miller USA 2015, 98 Minuten; Wiener Dog Todd Solondz USA 2016, 88 Minuten

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06:00 05.08.2016
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