Diese ganzen Anglizismen

Tatort Auch eine Leistung: Vom Dortmunder "Tatort: Alter ego" hat man schon nach der Auftaktfolge die Nase voll. Unsympathische Figuren, fetzige Dialoge, Ruhrpott-Klischees

Es ist zweifellos billig, sich an Presseheften abzuarbeiten, weil Pressehefte und die ihnen eigene Prosa andere Zwecke verfolgt als die Kritik der Gegenstände, die sie promoten. Wir kommen in diesem Fall aber nicht umhin, Prof. Gebhard Henke zu zitieren, der beim WDR den Lehrstuhl für Fernsehfilm, Kino und Serie innehat: "Für Programmmacher im Fernsehen gibt es beglückende Momente. Dazu gehören elektrisierende Herausforderungen, die es nur in Abständen von Dekaden gibt: die Etablierung eines neuen Tatort-Teams. Die Erfindung und Entwicklung eines neuen Tatort-Teams in Dortmund war für den WDR eines der aufregendsten und intensivsten Projekte in den Jahren 2011 und 2012."

Und nicht verschwiegen werden darf auch, wie die Produzentin Sonja Goslicki von der Firma Colonia Media in den Start des neuen Tatort-Schauplatzes einführt: "So eine Arbeit zählt zu den Sternstunden meines Berufes. Es gibt ja bereits sehr viele Formate und da etwas zu finden, was noch nicht erzählt wurde und was hoffentlich die Zuschauer interessieren wird, ist eine ganz große Herausforderung. Wir beauftragten verschiedene Autoren, uns Konzepte vorzuschlagen. Wir erhielten einige interessante Ideen. Wir entschieden uns dann relativ schnell für den Autor Jürgen Werner. Sein Konzept, oder viel mehr seine Gedanken, haben uns sehr angeregt und eine Menge Phantasie freigesetzt."

Denn das ist ja alles richtig. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, weiß der Hesse-Lover in uns, und der will sich einfach nicht vorstellen können, dass ein neuer Tatort so besinnungslos erfunden wird wie eine Altersversorgungssendung für Thomas Gottschalk – aus dem Grund allein nämlich, dass der Tatort dauernd gesagt bekommt, wie populär er ist. Sondern dass da tatsächlich jemand glaubt, es könnte dem Ganzen noch etwas Neues abgewonnen werden: Sternstunde, beglückende Momente, elektrisierend, period.

Lena-Ödenthal-Routine

Und dann: das da. Alter ego, introducing Dortmund. Vielleicht waren frühere Auftaktfolgen auch nicht so, und ob man etwa Schimanski mögen muss, steht noch mal auf einem anderen Blatt, aber dass Hotte mit den rohen Eiern damals in Duisburg irgendwas wollte, was nicht schon da war, beziehungsweise zuletzt die fesche Conny in Frankfurt und die Polizeirufe in Rostock mit Bukoff und Mjunik mit dem Vom Von deutliche Signale von so etwas wie Ambition ausgesandt haben (von der Schweiz schweigen wir einmal) – das kann keiner bestreiten.

Und Dortmund tritt nun ins Scheinwerferlicht der Tatort-Popularität, als wär's die 72. Lena-Ödenthal-Folge. Vielleicht wirkt es rüde, über ein Debüt so entrüstet zu sein, nur ging in der ersten Parallelmontage aus dunkler Liebesaction und nicht hellerer Ermordungsperformance schon so viel durcheinander, dass wir umgehend den alten Christiane-Rösinger-Klassiker Es ist so arg vor uns hersummen mussten. Und damit bis zum Schluss nicht aufhören konnten.

Sternstunde, beglückende Momente, elektrisierend – und dann überzeugt Drehbuchautor Jürgen Werner die Granden, der beim allerdesaströstesten DFB-Tatort die Feder führte. Werner hat Drehbücher für Forsthaus Falkenau geschrieben, was Spaßvögel zu der Bemerkung hinreißen könnte, dass es eben Spuren hinterlässt, wenn man die Holzschnitte aus dem Heimatfilm-Setting von vor 60 Jahren zu lange in zeitgemäßen Farben anmalt. Unsere naive Erwartungshaltung, mit der angekündigten Viererbande aus Homo Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Kossiken (Stefan Konarske), aus der kein "Star" herausragt wie Richy Müller oder Joachim Król, könnte eine flachhierarchische, wuselige Polizeiapparatsarbeit im Tatort Einzug halten, wie sie im Kriminaldauerdienst im ZDF mal versucht worden und in der US-Serie The Wire groß geworden ist, war offenbar: naiv.

Der Heimkehrer

Denn die Vier vom Revier im Revier planieren tatsächlich allein mit dem seit Schimanski üblichen Privatkram die Geschichte. Jeder muss ein "Geheimnis" haben – die beiden Jung'schen ihre Affäre, Frau Bönisch ihre selbstverzichtete Beförderung und Homo Faber seine Depressionen. Hartmann macht, Tatort-intern, da weiter, wo sein Eiferer aus einer Leipziger Tatort-Folge Übelstes befürchten ließ. Ein komplett unsympathischer Charakter (warum müssen Protagonisten eigentlich immer pathetisch "heimkehren", als habe Adenauer sie gerade aus der Kriegsgefangenschaft rausgehandelt?), der heuer aber offenbar als der Großkantige durchgeht, einer, der sich noch was zu sagen traut, der kein Blatt vor den Mund nimmt.

Wenn wir noch mal zum Presseheft greifen dürfen, in dem Hartmann über seinen Faber sagt: "Und er eckt an mit seiner Ermittlungsart. Oder wie er mit Leuten umgeht. Er ist nicht unbedingt politisch korrekt, schießt auch mal über das Ziel hinaus, provoziert die Kollegen, macht immer wieder überraschende Sachen. Als Schauspieler ist so ein sperriger Charakter natürlich ein gefundenes Fressen." "Nicht unbedingt politisch korrekt" – was soll das sein? Asozial wäre die treffendere Attributierung für dieses Auflaufen-und-umstandlos-schlechte-Laune-Verbreiten. Der Dortmunder Tatort liefert ein jämmerliches Bild, das Jürgen Werner von der gesellschaftlichen Norm hat, wenn so die Abweichungen aussehen müssen.

Und das Elend grassiert, weil im Grunde alle Schauspieler Figuren darstellen (den abtörnenden, von Thomas Arnold gespielten Pathologen muss man dazurechnen), mit denen man sich nicht identifizieren will (am wenigsten gilt das noch für Anna Schudts Bönisch). Man wird das Gefühl nicht los, dass hier jeder Schauspieler eine Rollenbeschreibung spielt und die Dialoge ihr Heil darin suchen, als fetzige Rededuelle rüberzukommen.

Voodoo angehauchte Psychokacke

Womöglich werden spätere Generationen von Film- und Fernsehswissenschaftlern mal Abhandlungen über den Verfall von Originalität verfassen, der sich in Alter ego (worauf spielt eigentlich der Titel an?) beobachten lässt. Originalität heißt hier, jede Figur mit irgendwas auszustatten, was sie wiedererkennbar machen soll, an dem aber noch das Preisschild des Ausgedachten klebt. Bönisch ist die große Empathin, Spürhund Faber spielt den Täter als Voodoo angehauchten Großtragöden nach, und rauskommt der Siegeszug einer höchst unangenehmen Psychokacke, die schlimmes Theater produziert.

Man will doch vom Kommissar keine Salzburger Festspiele des Täter-Ichs aufgeführt bekommen (was soll das für eine Fähigkeit sein?), und vor allem nicht so. Und wer Kinder wie Kossik und Nora (vor dem Tatort Erfurt, wo keiner über 40 ist, graut's uns jetzt schon) bei der Ermittlungsarbeitssimulation begleiten will, soll sich TKKG-Folgen auf Youtube anschauen. Wieso gilt für den Tatort-Kommissar nicht die Altersgrenze, die beim Bundespräsidenten festgeschrieben ist?

So lebensunecht wie die Figuren ist das Setting: Alter ego eignet sich vorzüglich zum Ruhrgebiets-Bullshit-Bingo-Spielen - Strukturwandel, BVB, Stahlkocher, es bleibt einem schon in der ersten Folge kein Klischee erspart, das man kennt, gerade wenn man nicht dort wohnt. Dieser putzige Taubenzüchtervater muss dann auch noch ohne Not "Gentrifizierung" sagen, und Dortmund wird gefilmt (Kamera: Clemens Messow, Regie: Thomas Jauch) mit so Zeitraffer-City-Lights-Totalen, mit denen man bei jeder Stadt mit einer größeren Straße Eindruck schinden könnte, es aber am besten vielleicht wirklich nur mit so was wie New York macht.

Informationsvermittlungsgerede

Und der Fall? Gab's auch, wird aber begraben unter dieser wahnsinnigen Informationsvermittlung, bei der schon in der zweiten Dialogzeile am Tatort nach Lübeck gefragt werden muss. Ist hier vermutlich besser, weil die Geschichte ohne die hilflose Organisation der Vierer-Phasen-Kommunikation (was da künftig an Zeit drauf gehen wird, dieses Quartett vorkommen zu lassen; wie viele sinnlose Bilder man sehen wird müssen, in denen jemand telefonierend irgendwas tut, damit Dialoge zustande kommen) so dünn wäre, wie sie ist – die größte Herausforderung besteht eh darin, zwischen den Theatermonologen, Ticks und angerissenen Themen (die Sekte, die Robotik-Firma) die Verdächtigen auseinander zu halten, die eine Rolle spielen sollen.

Und das eigentlich Deprimierende ist nun, dass Prof. Gebhard Henke, Sonja Goslicki und Jürgen Werner sich ihre Gedanken gemacht haben werden, dass hier nichts zufällig passiert ist, sondern das dieser grobschlächtige Unsinn das abbildet, was zwischen allen Interessen, Ängsten und Limitierungen 2o12 im öffentlich-rechtlichen Fernsehen state of the art ist. Sternstunde, beglückende Momente, elektrisierend.

Es ist so arg.

Einen Trick, den man sich merken kann: in Schwulenbars kann man glaubwürdig nur zu zweit ermitteln

Eine Frage, die aus Kollegen Freunde macht: "Hast du gesoffen?"

Eine Rubrik, die wir hier unbedingt einführen müssen: "Wissen Sie, was Tennessee Williams dazu sagt?"

21:45 23.09.2012
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