Dieter Kosslicks mangelndes Gespür für Film

Berlinale Dem Festival wäre es zu wünschen, wenn ihr nach dem jetzigen Leiter nicht nur der nächste Eventmanager vorsteht
Matthias Dell | Ausgabe 07/2017 1

Mittlerweile besorgt Dieter Kosslick die Kritik an seinem Verständnis von Film und Kunst selbst: „Ich hab eh immer Schwierigkeiten, die Filme zu begreifen, das weiß man ja aus der Presse“, sagte der Berlinale-Chef bei der Eröffnungsgala zu Moderatorin Anke Engelke, wobei es Kosslick in seiner dauerjuchzenden Ich-bin-der-peinliche-Onkel-auf-der-Familienfeier-haftigkeit hinbekam, die selbstironische Pointe zu zerstören.

Der Satz war übrigens Teil einer längeren Antwort auf die Frage, wann Kosslick das letzte Mal ohne Kind und mit gekaufter Eintrittskarte im Kino gewesen sei, einer Antwort, die unironisch gemeint sein dürfte: „Das ist mir zu anstrengend, wenn’s neben mir raschelt, hinter mir boxen die immer in den Rücken, und dann knutschen die, und schlürfen an der Coca-Cola rum ... Ich hab‘ ja ein Heimkino.“

In solchen Momenten wird erkennbar, welche Vorteile es hat, wenn man sich durch unlustiges Gerede einen Ruf als Kasperle erworben hat – dann ist auch niemand mehr verwundert, dass der Leiter eines großen Filmfestivals in einem zum Kino umfunktionierten Musicaltheater stehend auf eine so plumpe Weise formuliert, dass er keinen Sinn für das Kino als Schauplatz von Kultur hat, als einen historischen Ort.

Diese Kunstferne illustrieren die jüngeren Entscheidungen der Berlinale trefflich, gerade wenn es um deutsche Filme geht. Mit dem letzten, ziemlich aufregenden Kinojahr, hatten die größten Filmfestspiele des Landes nichts zu tun. Weder auf Nicolette Krebitz’ eigenwillige Redomestizierungsfantasie Wild (der Film lief dann beim Sundance-Festival) noch auf Maria Schraders Stefan-Zweig-Biopic Vor der Morgenröte legte die Berlinale Wert.

Über die Folgen für das, was immer noch Kino heißt in seiner ganzen Komplexität, nämlich der Mischung aus ästhetischer Erfahrung und kommerziellem Geschäft, lässt sich nur spekulieren: ob die Aufmerksamkeit der Berlinale, die sich mit einer Premiere hier verbinden, beiden Werken nicht mehr Zuschauer verschafft hätten. Die Deutsche Filmakademie hat jedenfalls demonstriert, dass sie bei ihren Preisen nichts serviert, was anderswo nicht schon vorgekaut wurde: Schraders Film steckte zwar in der sogenannten Kiste, die alle Mitglieder sichten, der „große Sieger“ der Lola-Verleihung wurde dann aber nicht der elegante, feinsinnige Film über Stefan Zweig, sondern der eher konventionelle Der Staat gegen Fritz Bauer.

Wenn Kosslick schon selbst gute Filme nicht erkennt, kann man sich fragen, wieso im Auswahlkomitee niemand sitzt, der die Qualität von Vor der Morgenröte realisiert. Am Star-Appeal kann es nicht liegen, Josef Hader, der Zweig großartig zurückgenommen spielt, durfte in diesem Jahr für seine eher matte als Wilde Maus über den Roten Teppich.

Weil es müßig ist, Kosslicks fehlendes Gespür fürs Kino zu kritisieren, wäre die einzige Hoffnung für die Zeit nach 2019, wenn der laufende Vertrag des Berlinale-Chefs endet, dass die zuständige Politik der Idee widersteht, mit dem SPD-Mann noch einmal zu verlängern. Und dass außerdem bei der Nachfolgeregelung die Möglichkeit mitgedacht wird, dass es nicht nur jemand „gut Vernetztes“ aus der deutschen Filmförderverwaltung werden kann, der schon mal auf Fotos mit Stars zu sehen war und den Laden am Laufen hält. Sondern dass es auch eine Berlinale-Direktion geben könnte, die sich für Filme, für das Kino und die Kunst interessiert.

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06:00 18.02.2017
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Ausgabe 44/2020

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