Diktatur der Gefühle

Schlafzimmerrevolution Schelmisch übersetzt Yan Lianke in "Dem Volke dienen" Maos politischen Losungen in eine tragikomische Liebesgeschichte

Unter den vielen Sätzen von erratischer Schönheit, die Heiner Müller vorzugsweise in Interviews geäußert hat, findet sich auch dieser: "Die Hauptmisere der DDR war das Verschwinden der Erotik aus der Politik." Wenn man annimmt, dass mit DDR hier ein Synonym für eine Führungsriege graugesichtiger Männer in krustigen Anzügen gemeint ist, dann kann man diesen Satz - so unterschiedlich die Ausprägung dessen, was unter Sozialismus verstanden wurde, auch war - auf Maos China ohne weiteres beziehen. Mit Ausnahme der krustigen Anzüge vielleicht.

Und dann wird der, in einem heiteren Sinne, aufrührerische Gehalt von Yan Liankes Roman Dem Volke dienen umstandslos sichtbar. Das Buch beschreibt nämlich den Wiedereintritt der Erotik in die Sphäre des Politischen; freilich nicht mit der großen, angriffszornigen Geste des Fundamentalkritikers über die große Bühne der Paradeplätze, sondern vielmehr als schmunzelnder Schmuggel in einem Speisekammerspiel, das in der Entlegenheit einer Divisionskommandantenvilla aufgeführt wird.

Dem Volke dienen erfuhr in China nach einer Publikation in der Zeitschrift Hua Cheng im Jahre 2005 Veröffentlichungsverbot, das wie sonst ein Motto der deutschen Ausgabe des Romans vorangestellt ist: "Eilige Mitteilung über das Verbot der Publikation von Yan Liankes Roman Dem Volke dienen." Das selbst klingt schon so literarisch, als wäre darin die Idee einer Wirklichkeitsverdichtung erfasst, wie sie Yan im ersten Satz programmatisch äußert. Obwohl das Wort programmatisch bei weitem zu technisch klingt für eine Schreibweise, die durch ironische Leichtigkeit und spielerischer Metaphorik charakterisiert ist: "Das wahre Leben lässt sich manchmal nur in Form eines Romans auf Papier bannen."

Wer nun erwartet, dass ein Text folgt, der sich das Etikett "Roman" als Ticket leiht, um ungehindert durch eine Welt persönlicher Befindlichkeiten zu reisen, sieht sich getäuscht. Yan Lianke, geboren 1958, ist ein kunstfertiger Autor, der seinen Stoff mit der Souveränität eines Regisseurs beherrscht, Tempo und Dramaturgie nach Belieben variiert und sich und seine poetologische Unternehmung immer wieder als verschmitzter Kommentator ins Spiel bringt, um den Lauf der Dinge zu ordnen und die Erwartungen des Lesers zu schüren. "In der Rückschau erscheint das Leben eines Menschen oft als eine ziemliche seichte Angelegenheit ohne tiefgreifende Widersprüche oder einen tieferen Sinn. Komplex ist es eher aus der Sicht des Autors, der darüber berichtet, als in der Wahrnehmung des Betroffenen selbst. Komödien sind meist einfach gestrickt und ohne allzu großen Tiefgang..."

Der Mensch, dessen Leben in der Rückschau Yans zu einer einfach gestrickt scheinenden, doch tiefergehenden Tragikomödie wird, ist Wu Dawang. Ein Gruppenführer der chinesischen Armee in den Zeiten der Kulturrevolution, der als Ordonnanz und Koch im Hause eines Divisionskommandanten dient. Wu ist ein einfacher Bauer und tapferer Soldat, ein kleines Würstchen und doch mit so viel Cleverness bedacht, dass er den Lebensweg nehmen kann, dem die Glücksversprechen der damaligen Zeit ihm weisen: Er hat dem Buchhalter in der Volkskommune-Leitung seines Dorfes eine Karriere zum Offizier versprochen, um das beschwerliche Dasein auf dem Land mit einer gesicherten Existenz in der Stadt zu tauschen und überdies die Tochter des Buchhalters heiraten zu können. "In der Volksbefreiungsarmee, dieser großen Lehranstalt, konnte er die Charaktereigenschaften, die ihn bisher schon ausgezeichnet hatten - Anspruchslosigkeit, Fleiß, Geduld und Ausdauer - unbewusst umsetzen in die Klugheit, die der Mensch zum Leben und Überleben in einer Kaserne braucht."

Deshalb treffen wir den klaglosen Wu im Haus Nr. 1, wo er sich mit den bereits erwähnten Qualitäten "dem ach so profanen, eines tiefen revolutionären Sinns jedoch keineswegs entbehrenden Einerlei" widmet: "abwaschen und drinnen wie draußen Ordnung halten." Die Tage hätten derart dahin gehen können, und Wu wäre, mit ein wenig Glück, zur rechten Zeit am Ende seiner Laufbahn als Offizier angelangt, hätte Frau und Kind nachgeholt, und das Leben im Frieden desjenigen beschlossen, der erledigt hat, was man ihm aufgetragen. Striche durch diesen Lebensplan macht die vereinsamte und kapriziöse Frau des häufig abwesenden und überdies vor allem in seiner sexuellen Potenz kriegsversehrten Divisionskommandanten: Liu Lian. Die entdeckt in Wu Gefühle, innigste Liebe und heftiges körperliches Begehren, die in seinem Karriereplan nicht vorgesehen waren. Als Annonce eines heimlichen Rendezvous im Schlafzimmer dient eine zu deplatzierende Tafel mit den Worten des Großen Vorsitzenden ("Dem Volke dienen") in einem an Tafeln mit Worten des Großen Vorsitzenden nicht armen Haus. Im Spiel mit den Losungen, denen in ihrer Mischung aus Pathos und Pragmatismus ein lyrischer Reiz eignet, enthüllt der Erzähler Yan seinen subversiven Witz, der ihm schließlich das Verbot durch eine humorlose, für Kritik aber durchaus sensible Bürokratie eingebracht hat. Das Drama von Wu spielt sich ab zwischen der hoch trabenden politischen Rhetorik und seinen Gefühlen, für die es erst eine Sprache zu finden gilt. Nach dem er anfänglich das amouröse Abenteuer aus natürlich anerzogener Scheu verweigert, erobert er schließlich die Frau über den Umweg des Pflichtbewusstsein. Es geht darum zu begreifen, dass der Dienst beim Kommandeur ein Dienst am Volke ist, und der Dienst beim Kommandeur wiederum die Liebe zu seiner Frau. Darin liegt die Pointe von Yans feinem Humor: Die allgegenwärtigen und allumfassenden Anforderungen an das Menschlein in Maos China ("Grabt tiefe Tunnel, legt überall Getreidevorräte an, weist Hegemonie zurück!") führen konsequenterweise bis ins Bett. Sex als revolutionärer Akt im Kampf gegen amerikanischen Imperialismus und sowjetischen Revisionismus.

Das Erotische drängt schließlich mit solcher Macht zurück, dass der Haushalt politischer Linientreue orgiastisch verheert wird. Die Qualität von Dem Volke dienen verdankt sich aber nicht der puren Kraftmeierei einer Schlafzimmerrevolution, sondern einer Liebesgeschichte, die über ihren zuweilen subversiven Gestus hinaus trägt. Es geht bei Yan Lianke nicht immer um Politik, aber trotz seiner Lakonik nie ohne Gefühl.

Yan LiankeDem Volke dienen. Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz. Ullstein, Berlin 2007. 208 S., 16,90 EUR

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