Du machst da weiter, wo du aufgehört hast

Tatort "Kopfgeld" suggeriert die Lösung für das Problem, das sich Bremen neulich zusammenfantasiert hat. Dabei ist der Nick-Tschiller-Männlichkeitsentwurf schwer auszuhalten

Ist vielleicht merkwürdig damit jetzt um die Ecke zu kommen, aber beim zweiten Hamburger Til-Schweiger-Tatort fällt doch auf, wie eitel und selbstbezogen dieser Til-Schweiger-Hype ist. Schon die Hybris, dass das titelgebende Kopfgeld auf Nicklas "Nick" Tschiller himself ausgesetzt sein muss – das muss man sich auch als Attraktion vons Janze erstmal trauen, schon beim zweiten Auftritt so viel Fame behaupten zu wollen (Buch: Christoph Darnstädt).

Aber Publikumsliebling Til Schweiger überrascht doch immer wieder, selbst die sogenannten Macher. Schreibt zumindest der verantwortliche NDR-Redakteur Christian Granderath im Vorwort vom Presseheft. Das gibt Einblicke in die Prioritäten von Leitenden Angestellten beim auf dem Papier und vor Gericht doch so stolzen öffentlich-rechtlich Rundfunk (Bildungsauftrag, Pipapo).

Deshalb sei hier der Einstieg in seiner statistischen Eleganz zitiert: "Gerechnet hatte damit niemand von den Machern. Aus dem Stand heraus wurde vor genau einem Jahr 'Willkommen in Hamburg', der erste Film mit Til Schweiger als Hauptkommissar Nick Tschiller und Fahri Yardim als seinem Kollegen Yalcin Gümer, zum erfolgreichsten 'Tatort' seit 20 Jahren. 12,74 Millionen Zuschauer, ein Marktanteil von 33,6 Prozent insgesamt und 36,6 Prozent bei den 20- bis 59-Jährigen sowie 1,4 Millionen Abrufe aus der Mediathek haben unsere Erwartungen übertroffen, auch wenn dann zwei Wochen später die Münsteraner Kollegen die Tabellenführung zurück erobert haben."

u.v.a.

"36,6 Prozent bei den 20- bis 59-Jährigen" – das ist so schick, man sollte sich eine Tätowierung draus stechen lassen. Lobenswert auch die Bescheidenheit eines "Leiter der Abteilung Film, Familie und Serie im NDR", der einen von drei oder vier deutschen Stars für seine eh schon krass beliebte Reihe engagiert und nicht damit rechnet, dass die Quoten eines Arte-Themenabends zum Los der Barocklaute im 19. Jahrhundert übertroffen werden könnten. Beim NDR machen sie Fernsehen einzig aus Leidenschaft, innerer Überzeugung und der Qualität wegen (Bildungsauftrag, Pipapo).

Der Granderath-Text geht noch weiter, eben weil es ja bei der Verwendung von Rundfunkgebühren nicht nur um die Quote geht. Es geht auch um Qualität, die durch Namen bekannter Zeitungen repräsentiert wird: "Neben einigen vorhersehbaren Verrissen aus der Kritikerzunft gab es aber auch viele erfreulich gute Besprechungen in Zeitungen wie Zeit, FAZ , Welt u.v.a. – kein Wunder, hatte die Besetzung mit Til Schweiger doch massiv polarisiert."

Das ziemlich memmige "Neben vorhersehbaren Verrissen" gehört leider zum Gelärm um Til-Schweiger-Filme, es macht das Schreiben über diese Filme verdrießlich, weil es die Auseinandersetzung verengt. In der Til-Schweiger-Welt gibt es nur "dafür" oder "dagegen"; und dagegen ist jede Kritik immer schon, die Til Schweigers rührende Versuche nicht würdigt, amerikanische Toughigkeit mit deutschen Mitteln zu performen.

Bruce Willis 

Da ginge es um technische Argumente, dass etwas nach mehr Geld aussieht, als es gekostet hat, dass Fernsehen so kinokawummsmäßig daherkommt (Regie: Christian Alvart). Das kann es tun, und im aktuellen Fall machen diese Anstrengungen, dass Kopfgeld metropolös aussieht, der Körpereinsatz stimmt, die Szene mit der Bombe unterm Sitz am Anfang im Auto samt originellem Durchtrennen der Gurte Drive hat.

Wenn das Auto dann aber explodiert, steht es so freigeparkt auf der Straße, dass man doch wieder die Grenzen des Budgets sieht. Genauso wie manche Szene voll knalliger Action in Trash zu kippen droht – wenn man Nicklas "Nick" Tschiller am Ende seine Zigarette in die ausgelegte Spritspur legt und der Böse (Carlo Ljubek) etwas B-Movie-cheap verbrennt. Kann man dem Willen zum Kawumms nachsehen. Ebenso: dass das Nacheifern der amerikanischen Action naturgemäß höchstgradig epigonal rüberkommt (das Breaking Bad-Kind mit der Knarre wohnt jetzt in Hamburg), zumal die amerikanische Action in ihrer Originalform hierzulande ja zu schauen ist: Warum soll man Filme mit Til Schweiger gucken, die versuchen, Bruce-Willis-Filme zu sein, wenn man auch Bruce-Willis-Filme gucken kann?

Ärgerlich ist Schweigers Rollenentwurf, das Image, das im Film und medienöffentlich gepflegt wird – die plumpe Harte-Sau-Diktatur eines Publikumslieblings. Lieber als das schaute man dann doch alle Skills von Ulrich Tukur im 24-Stunden-Loop. Der will nur virtuos-nostalgisch seinen guten Geschmack durchschmatzen, wohingegen Schweiger politisch auf unangenehme Weise Stimmung macht. In Tatort-Fangroups, in denen der Finger an der Bazooka der großen Kampfbegriffe des 20. Jahrhunderts lockerer sitzt, müsste die Nicklas-Tschiller-Performance doch mindestens als "protofaschistisch" bezeichnet werden.

Gegen den Dreck

Auf dem Balkon des Verbrecher-Penthouses rechtfertigt die korrupte Triefnase Enno Kromer (Ralph Herforth als Udo-Wachtveitl-Lookalike) sentimental-idealistisch ihren Schritt vom Wege. Die anschließende Ermutigung Tschillers erweist sich als üble Mit-dem-Dreck-aufräumen-Suada, der in sein "Sie alle ficken" etwa "Päderasten" mitaufnimmt, die verbrechensdisziplinär dort nichts zu suchen haben. Aber es geht ja um "König der Welt"-Gefühle: Tschiller steigt wirkungsvoll-titanic-haft auf die Zementsäcke, um sein politisches Programm zu verkünden, das mit dem des Schauspielers Til Schweiger vermutlich relativ identisch ist. 

Man kann nur sagen: In einer Welt, in der Til Schweiger Politik machte, möchte man nicht leben. Für die "Blöd-Zeitung" (Paul Stoever) ist der unterreflektierte Populismus des Publikumslieblings dagegen bestimmt anschlussfähig – nach der White-German-Angst-Fantasie von vor zwei Wochen in Bremen kann mit Tough Lookie Tschweiger jetzt das Gegenprogramm präsentiert werden: Immer schön auf die Fresse, alle von hinten ficken. So säubern wir unsere Welt vom "Dreck".

Das Perfide an Tschweigers Populismus ist, wie das filmische und medienöffentliche Image miteinander verschraubt sind, dass also die Schweiger-Tochter eine Tschiller-Tochter spielt und dass deren drohende Gefährdung durch die dreckige Welt (Drogen, Päderasten) so nebenher als Totschlagargument für die allerhärteste Gangart gilt, die Tschiller hier an den Tag legt: "Die Mutter meiner Tochter saß im Wagen, Lenny hätte dabei sein können." Konjunktiv becomes Realpolitik.

Männer Trouble

Man kann da schön sehen, wohin die Paranoia einer kurzschlüssigen Weltsicht führt, dass es Schweiger vor den Fiktionen schaudert, die er sich angstdriven selbst erzählt. Immerhin könnte die verunsicherte white german Mittelschicht diese Woche lesen, dass es noch andere Ansichten gibt über Kriminalität und Resozialisierung.

Der Witz am Tatort ist freilich, dass Nicklas Tschillers endkrasses Aufräumprogramm überhaupt nur funktioniert, weil es drumherum genau den Apparat gibt, den ein Mann der Tat wie Tschiller verachtet (auch interessant: wie Gerede in der Nähe von Schweiger-Figuren immer als betont phra-ha-sen-ha-haftes Gerede performt wird), der ihn aber notfalls immer raushaut. Kopfgeld ist ein Beispiel für die sinnlosen Schlachten, die eine besonders tapfere Männlichkeit zu schlagen müssen glaubt.

Die will mit solch überholten Konzepten wie "Ehre" Eindruck schinden, verursacht aber immer nur neuen Trouble: Dass etwa die Staatsanwältin (Edita Malovcic) übel zusammengeschlagen und nicht beschützt wird von Super-Tschiller, hat ja damit zu tun, dass der die Frau, mit der er Sex hat, verrät an die Frau, mit der er Tochter hat, damit er als guter Vater rüberkommt.

Das Männerbild von Tschiller-Schweiger ist ziemlich weird: Wenn die Familie so hoch gehalten wird, wieso lebt er dann nicht einfach in ihr? Wieso muss das körpergeile Ich-kann-sie-alle-haben dann auch noch ausagiert werden? Und wieso ist er nicht einfach für seine Tochter da, statt sich in den Kurzzeiteinsätzen nicht nur als Helikopterelternteil, sondern gleich als Drohnenvater zu inszenieren? Es ist vermutlich kein Zufall, dass die drei Stufen von Toughigkeit, auf die Schweiger sein Gesicht stellen kann, immer auch aussehen wie Gesichter von Kindern, denen es unangenehm ist zu sagen, dass sie eingemacht haben.

Eigentlich ist man immer froh, wenn Fahri Yardim in Kopfgeld zu sehen ist: Der kann reden, hat Humor und hetzt nicht unangenehm rum (auch wenn deswegen auf ihn nie gehört wird).

Eine Frage, die man nicht oft genug stellen kann: "Ist das deine Vorstellung von Gerechtigkeit, Nick?"

Ein Satz, mit dem man zur nächsten Betriebsversammlung gehen sollte: "Wenn wir immer alle Angst haben und klein beigeben, dann können die immer weiter machen und dann wird sich nie was ändern"

Ein Problem, das sich vielen Marx-Lektüregruppen stellt: "Mit denen werden wir Hamburg nicht übernehmen, mit denen kriegen wir nicht mal das Kapital zusammen."

21:45 09.03.2014

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