Ehrlicher geht nicht

Peter Sodanns letzter Fall Nun soll er auch noch Bundespräsident werden

Ein Mensch, der optimistisch in die Welt schaut, muss unbedingt zu dem Schluss kommen: Das hätte sich Peter Sodann vor ein paar Jahren nicht träumen lassen - dass er seit dieser Woche als Kandidat der Linkspartei für das höchste Amt im Staate nominiert ist. Vor ein paar Jahren gab es nicht nur die Linkspartei heutiger Prägung noch nicht, Peter Sodann hatte auch genug zu tun als Tatort-Kommissar Bruno Ehrlicher und Intendant des Neuen Theaters in Halle/Saale.

Damit sind schon zwei Verdienste genannt, die Peter Sodann als Bundespräsidenten qualifizieren. Das Theater, das genau genommen eine ganze "Kulturinsel" ist, hat er über Jahre mit einer Ausdauer und einem Engagement aufgebaut, die jeder gewesene Bundespräsident als mustergültig, der aktuelle womöglich als "zukunftsfähig" loben würde. Als erster ostdeutscher Tatort-Kommissar gebührt ihm Anerkennung bei der Herstellung der inneren Einheit: Für den ostdeutschen Zuschauer war er Identifikationsfigur, für den westdeutschen Einführer in eine unbekannte Mentalität.

Seit 2005 ist Sodann nicht mehr Intendant in Halle, und seit 2007 nicht mehr MDR-Kommissar, und nur Spaßvögel könnten sagen, dass schon die nicht völlig geräuschlose Art des Ausscheidens aus beiden Ämtern einen gewisses Talent für die Politik hat erkennen lassen. Denn Macht ist eine Droge und die Politik ein Geschäft, aus dem die wenigsten freiwillig austreten: So ist Johannes Rau 1999 Bundespräsident geworden, damit Wolfgang Clement ihn endlich als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen beerben konnte.

Vollkommen überraschend kommt Peter Sodanns Kandidatur nicht. Bereits bei der letzten Bundestagswahl war er für 48 Stunden als Kandidat der PDS im Gespräch, ehe ihn die Aussicht umstimmte, dann nicht mehr als Fernseh-Kommissar tätig sein zu können. Diese Gefahr besteht nun nicht mehr, und so muss die Frage aufgeworfen werden, was eine politische Partei sich davon verspricht, einen Schauspieler für die Aufgabe zu nominieren, das Land in seiner Gänze zu repräsentieren.

Auf den ersten Blick mag das ein kluger Schachzug sein, denn der Schauspieler im Allgemeinen und Sodann im Besonderen erfreuen sich einiger Popularität, was für einen Bundespräsident kein Nachteil wäre. Im Gegenteil: Fernsehgesichter sind in der Bevölkerung derart beliebt, dass sich bei einer völlig freien Wahl die meisten Leute wohl Günter Jauch oder Thomas Gottschalk als Staatsoberhaupt wünschen würden. Leider wird aber auch 2009 die Bundesversammlung den Präsidenten wählen.

Auf den zweiten Blick, der aus Mangel an Präzedenzfällen nach Amerika geht, wird aber offenbar, das Schauspieler als Politiker gerade dann Erfolge gefeiert haben, wenn sie sich von ihrem Schauspieler-Image distanziert haben. Wie Arnold Schwarzenegger wird Peter Sodann in den nächsten Monaten also ein ernsterer, staatstragenderer Mensch werden. Der außerdem seine Befindlichkeitszuständigkeit aufs gesamte Bundesgebiet ausdehnen müsste, denn bislang wird der Schauspieler Sodann politisch wahrgenommen als Stimme des Ostens. Im Kabarett mag das funktionieren, wenn der "Westen" durch Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm verkörpert wird, wie auf einer letztjährigen Kabarett-Tournee. Ob im Bundespräsidialamt indes die Doppelspitze eingeführt wird in Zeiten, in denen selbst der DFB und die CSU davon Abstand abgenommen haben, ist unwahrscheinlich. Es sieht also nicht gut aus für Peter Sodann.

Ein Mensch, der pessimistisch in die Welt schaut, muss aber unbedingt zu dem Schluss kommen: Etwas Besseres als die Kandidatur Sodanns hätte der politischen Öffentlichkeit nicht passieren können. Seit der Bayern-Wahl sind die Mehrheitsverhältnisse für den Amtsinhaber gesichert, und was könnte dem Spektakel vor einer Wahl, deren Sieger bereits feststeht, dienlicher sein als ein waschechter Schauspieler?

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