Ein eher bunter Abend

Theater Noch kann man DDR-Parteisekretäre auf der Bühne nicht ernst nehmen, aber Peter Hacks wieder spielen: "Die Sorgen und die Macht" im Deutschen Theater Berlin

Die Frage, ob man ein Stück über die Schwierigkeiten in der Produktion des DDR-Sozialismus in den Kinderschuhen heute aufführen kann, stellt sich eigentlich nicht. Schließlich gehören Dramen, in denen Könige das Zepter schwingen, zum Kanon, obwohl der Absolutismus lange als überwunden gilt. Das Problem mit dem DDR-Sozialismus ist aber, das er historisch nahe ist und medial vielfach bearbeitet. Unter diesen Gegebenheiten scheint es, zumindest derzeit, unmöglich, das Wort Parteisekretär auf einer Bühne auszusprechen, ohne dass im Publikum jemand lacht. Das Verhältnis zur Geschichte wird befriedet sein, wenn ein Parteisekretär Agent einer Handlung ist, dessen Sorgen man auch ernst nehmen kann.

Peter Hacks' Stück Die Sorgen und die Macht vom Beginn der sechziger Jahre ist dafür geeignet – wegen der Eleganz seiner Sprache und seiner klugen Abstraktion. Der Konflikt ist einer aus der Planwirtschaft und doch universell: Weil die Brikettfabrik schlechte, aber viele Briketts herstellt, stimmen die Prämien, während in der Glasfabrik die Produktion hängt, weil die Briketts nichts taugen. Dass ökonomische Prozesse miteinander in Zusammenhang stehen – und die Menschen, die sie durchführen, kraft der Liebe auch –, ist ein reizvoller dramatischer Gedanke, den Hacks ausführt, ohne ihn durch zu viel Zeitkolorit zu vernebeln. Dass es trotzdem Parteisekretäre auf der Bühne gibt, führt in der Inszenierung von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel zu Szenen, die – ob unbeabsichtigt oder den nicht – den Klamauk streifen, an dessen Abgrund reproduzierte DDR-Realität seit Erfindung der Ostalgie siedelt. Das ist die Schwäche des Abends im Berliner Deutschen Theater, wo die Inszenierung von Hacks' Stück 1962 zu Verwerfungen führte, an deren Ende Intendant Wolfgang Langhoff demissionierte.

Die Stärke der Bearbeitung liegt darin, dass sie um ihre Schwächen weiß. Es sei "ein eher bunter Abend", verkündet der Conferencier Kuttner einmal. Der Textkorpus wird erweitert um Kritiken zur damaligen Aufführung, um Texte über die Ästhetik von und über Hacks. Auch hier gelingt nicht alles: Langhoffs Selbstkritik, die Kuttner selbst verliest, fehlt eine Sprecherhaltung, von der aus die Tragik dieser falschen Selbstbezichtigung begriffen werden könnte. Die Inszenierung aber wird derart zur Einführung in Hacks Werk und Person, zum kommentierten Gang in die Theatergeschichte. Die Bühne (Jo Schramm) spielt auf das Goethehaus in Weimar an, in dessen Formbewusstsein die Seele des klassizistischen Künstlers Hacks wohnte. Wo Kuttner als Schauspieler mitunter abfällt gegen souveräne Privatiers der Geschichte wie Michael Schweighöfer, brilliert der Radiomoderator in der ausufernden Verankerung eines Hacks-Gedichts auf Ulbrichts Ende im Stoff ("dass ich bei Kontextualisieren den Kontext vergesse").

Seinen Höhepunkt hat der Abend am Ende seiner dreieinhalb Stunden. Wenn jeder Schauspieler in stiller Nüchternheit eins von Hacks' formvollendet-heiteren, bösartigen "Jetztzeit"-Gedichten aus den Neunzigern rezitiert. Und wenn das Liebespaar Hede (Susanne Wolff) und Max (Felix Goeser) vor einer roten Bühnensonne in Christian Anders kitschigem Lied "Die Mauer" versinkt. Dass des Schlagersängers schlechte Kunst von 1986 ("eines Tages stürzt sie ein") politisch Recht behält gegen die große Kunst von Hacks, ist die melancholische Pointe einer Inszenierung, die den Rückgriff auf den sozialistischen Dichter auch als kleine Rache an der Gegenwart begreift.

Die nächste Aufführung findet am 10. September statt. Sie ist allerdings ausverkauft. Weitere Termine finden Sie hier

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11:30 06.09.2010
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Ausgabe 38/2021

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