Ein Ereignis

Medientagebuch "FAZ" und "FAS" haben ein neues Artikelmaß im deutschen Journalismus eingeführt: den Zastrow. Betrachtungen zur Veröffentlichung der SPD-Dissidenten-Bio "Die Vier. Eine Intrige"

Um es in der Sprache der Literaturkritik zu sagen: „Ein Ereignis.“ Volker Zastrow, verantwortlicher Politikredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, hat ein Buch geschrieben. Die Vier: Eine Intrige">Die Vier. Eine Intrigeist am 11. August erschienen und hat bereits eine euphorische Besprechung durch Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung erfahren. „So scharf Zastrows Blick auf Parteiensoziologie, Gruppendynamik und Milieus ist, er reicht weiter und führt auf Quellgründe des Poetischen in seiner Erzählung.“ Den Quellgründen des Poetischen: wer lauschte ihnen nicht gerne? Das Buch handelt von den vier hessischen SPD-Abgeordneten, die seinerzeit Andrea Ypsilanti einen Strich durch ihre Koalitionsrechnung machten. „Was stand dahinter an Schicksalen und Absichten?“, fragt die Ankündigung. Anders als Seibt stand uns das Buch nicht zur Verfügung, wir konnten nur seinem Crescendo in der FAZ lauschen, und die Vorabdrucke lesen, die am Samstag, am Sonntag und zuletzt am Dienstag auf der Seite „Die Gegenwart“ erschienen sind. Das ist nicht wenig, deshalb plädieren wir hier für ein neues Artikelmaß im Journalismus: den „großen Zastrow“ (= 2 Seiten, überlaufend), und den „kleinen Zastrow“ (=1 Seite, randvoll).

Unser erster Eindruck? Der Vergleich mit den großen Material­anhäufern der deutschen Literatur (W. G. Sebald, Alexander Kluge, Walter Kempowski) muss nicht gescheut werden. Bis zum Pergamentpapier des Pausenbrots der an einem Augusttag 1966 verunfallten Silke Tesch zoomt sich Zastrows filmischer Stil heran an die Zeichen, die Wirklichkeit bedeuten. So entsteht ein Erzählkosmos, der immer weiter expandieren kann: Neben dem Schreiner Balzer, der den Tesch-Unfall hörte, könnte die Frau von Schreiner eingeführt werden und der Friseur von der Frau von Schreiner Balzer und so weiter (Ma­trjoschka-Prinzip). Wie auch das Verfahren – eine mitfühlende, personalisierte Subjektphilosophie – sich für Fortsetzungen eignet: Wie kam es, dass aus dem niedlichen Guido W. ein Agent marktliberaler Politik werden konnte? Wer hat Josef A. in der zweiten Klasse das Stofftier weggenommen, so dass er später über Renditezahlen den Menschen aus dem Auge verlor? Wer war Wolfgang S., bevor er die Grundrechte ignorierte? Bis diese Antworten gegeben sind, sollte Die Vier verfilmt sein, produziert von Teamworx als Event-Mehrteiler fürs Fernsehen, raumgreifend in der FAZ vorgestellt, in, sagen wir, zwei „großen Zastrows“ und einem „kleinen Zastrow“. Zu Recht: Statt der üblichen Menage-à-Trois könnte hier erstmals ein Mann (Walter) zwischen gleich drei Frauen stehen (Tesch, Metzger, Everts). Ein Ereignis.


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05:00 13.08.2009
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Ausgabe 30/2021

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