Ein Teil vom Wir

Neonazis Die Christa-Wolf-Retrospektive im Berliner Kino Babylon Mitte zeigt einen unerhörten Film: In "Unsere Kinder" geht es um das Aufkommen von Rechtsextremismus in der DDR

Totalitär war die DDR nicht nur in Fragen der Herrschaft, sondern auch in solchen der Sinnproduktion: Im Prinzip ließ sich jeder Hahnenschrei in den Zusammenhang mit Planerfüllung und Weltfrieden bringen. In einem positiven Sinne bedeutete das: Verantwortung – und was damit gemeint sein kann, hört man im Prolog von Roland Steiners Dokumentarfilm Unsere Kinder.

Darin entfernt sich die Kamera langsam vom Wasserturm im Prenzlauer Berg, der Himmel ist eindrucksvoll, und zum Bild der leeren Straße beginnt eine ungeübte, persönliche Stimme (die Steiners) von etwas Unerhörtem zu reden: "Zuerst war es nur ein Gerücht". Die Art, wie Steiner spricht, könnten Leute, die 1968 nicht verkraftet haben, als ungeliebte Sozialarbeiterbetroffenheit desavouieren. In dieser Stimme liegt aber ein Ernst, von dem man heute womöglich keinen Begriff mehr hat, weil für Steiner das Aufkommen von Neonazis in der DDR tatsächlich etwas Unerhörtes ist: Wie können Leute sich auf eine menschenverachtende Geschichte beziehen, gegen die der Staat, in dem sie leben, gegründet worden ist?

Die Antwort, die Steiner durch seine Gespräche mit Neonazis und mit Jugendlichen aus anderen Subkulturen, durch Prozessbesuche und Eltern-Interviews hervorbringt, ist denkbar einfach: Für die jungen Nazis geht es gegen den Staat, in dem sie leben. Steiner trifft bei seinen Gesprächen auf eine Generation, die von der öffentlichen Heuchelei enttäuscht ist, die die Geschichte der DDR, mit der sich die Eltern arrangiert haben, nicht mehr glaubt und deshalb zur unverdauten Vergangenheit der Großeltern zurückgeht. Es geht um Provokation – das sagt einer der jungen Nazis, wenn er den Anteil derer, die den Hitlergruß aus Überzeugung zeigen oder das Horst-Wessels-Lied mit Bewusstsein singen, auf eine kleine Gruppe reduziert. Die Mehrzahl will ihr Nicht-einverstanden-Sein artikulieren und wählt sich dafür Gesten, von denen sie sicher sein kann, dass sie damit Aufmerksamkeit gewinnt.

DDR-spezifisch ist die Reaktion auf dieses Phänomen: Nach anfänglicher Ignoranz schlägt der Staat mit der Härte des Gesetzes zurück. Und erreicht dadurch, dass sich die Jugendlichen in der Haft weiter radikalisieren, in dem Winkel einrichten, in den sie vor den Lügen des Staates geflohen sind. Bei einem dieser Prozesse zitiert Steiner aus einem anrührenden Brief, den ein junger Nazi aus dem Gefängnis an seine Mutter schreibt, und wer diese reflektierten Worte hört ("Deshalb habe ich mich abgesondert"), der kommt nicht umhin, dahinter einen Menschen zu erkennen, der der Gesellschaft verloren geht, obwohl er in ihr nur nach einem Platz sucht.

Unsere Kinder, 1986 begonnen, 1989 fertiggestellt, ist ein paradigmatischer Film, weil er all das, was heute in der Debatte um Rechtsextremismus diskutiert wird, schon weiß. Und der sich dennoch unterscheidet vom einer gegenwärtigen Wahrnehmung des Problems durch seine unschuldige Offenheit: Unsere Kinder versteht sich als ein "Plädoyer für das Zuhören", der Film macht es sich nicht leicht, in dem er die Nazis ausschließt aus dem Wir der Gesellschaft, sondern vielmehr die Gesellschaft als etwas begreift, das die Auseinandersetzung mit diesem, ihrem Teil führen muss.

So gibt es viele bemerkenswerte Szenen: Wie Steiner mit Gruftis vor dem Roten Rathaus dreht und selbst verzweifelt an der Ignoranz des Volkspolizisten, dem die "schwarzen Bürger" suspekt sind. Wie eine junge Frau eine Art privater Sozialarbeit betreibt und in welchen Worten deren Vater den Sinn dieses Tuns begreift. Wie Christa Wolf – Unsere Kinder läuft gerade in einer filmischen Retrospektive im Berliner Kino Babylon Mitte – mit zwei jungen Nazis das Gespräch sucht, Fragen stellt. Allein an dieser Szene kann man lernen, was Verantwortung bedeuten kann.


Unsere Kinder ist im Rahmen der Christa-Wolf-Retrospektive zu sehen im Berliner Kino Babylon Mitte am 1. Januar um 17.45 Uhr, am 4. Januar um 18.15 Uhr und am 7. Januar um 17 Uhr.

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10:13 30.12.2011
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Ausgabe 42/2021

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